Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- Seite 320 (sequence 8)
- Language
- German
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320 zurückzahlen. Derselben Handlungsweise begegnen wir in den verschiedenen Teilen des Landes. Bald muß der Jude Mohammedaner werden, seine Ohrlocken abschneiden, die Moschee besuchen nnd Milch- und Fleischspeisen zusammen genießen, bald wieder wird ihm Rückkehr zu seinem alten Glauben gestattet, und die behördlich geschlossenen Synagogen können wieder geöffnet werden. Natürlich spielt in dem einen wie in dem anderen Falle das Lösegeld die Hauptrolle. Die Verfolgung der Juden in Persien hört erst ans, nachdem die Macht der Sefviden gebrochen, das Land ein Raub der rohen Afghanen geworden, die Juden teils gänzlich verarmt waren, teils in den Nachbarländern Zuflucht gefunden hatten. Unerklärlich bleibt es immerhin, warum gerade die Regierung Schah Abbas' II. sich durch eine Judenverfolgung auszeichnete, da Abbas selbst bei anderen Gelegenheiten religiöse Toleranz bekundet hatte. Er war es, der von den Usern des Araxes mehrere Tausend armenische Familien nach seiner Hauptstadt rief, wo derer: Nachkommen noch heute in: Stadtviertel Dschulsa wohnen; er hat sunnitische Kurden in Chorasan angesiedelt und ihnen Religionsfreiheit zugesagt; endlich war er es, der der: an seinem Hofe weilenden Engländer Shirley, bei Chardin le beau Shirley genannt, dermaßen liebgewvnnen hatte, daß er bei dessen Sohne die Stelle des Taufpaten übernahrn. Dieser Widerspruch ist nur dadurch erklärlich, daß der Schah der Judenverfolgung gegenüber sich sehr apathisch verhielt, und daß das schändliche Werk nur von den habsüchtigen und bestechlichen Beamten ausging. Die Juden waren damals in Persien viel zahlreicher als heute, auch ihr Vermögenszustand muß viel größer gewesen sein, denn bis zur Glanzzeit der Sefviden waren sie die einzigen Nichtmoslimen im Lande. Sie besaßen das Monopol für gewisse Gewerbe, so z. B. als Goldschmiede und Färber, und beteiligten sich außerdenr hervorragend an dein Außenhandel mit Indien und der Türkei. Fleiß, Sparsamkeit und Nüchternheit ist den Juden in Asien überall eigen, und ihr Wohlstand hatte gar bald die Habsucht der geldgierigen Beamtenwelt erweckt. Es war unstreitig ihr Reichtum, und nicht ihr Religionslebe:: oder ihr bürgerliches Verhalten, der als die Quelle ihres Unglückes betrachtet werden muß. Der persische Jude hat immer nur' Persisch gesprochen und geschrieben; cs hat unter ihnen sogar auch begabte Schriftsteller gegeben, wie der Fall der beiden Babai zeigt, und die Juden waren es, die im Altertum persische Kultur bis weit nach dem chinesischen Turkestan verpflanzt hatten, wie aus den Ausgrabungen unseres berühmten Landsmannes Dr. M. A. Stein hervorgeht. Die jüdischen Kolonie:: Zentralasiens stammen anch aus Persien, und wenn sie in der Neuzeit in den Khanaten eine schauerliche Existenz zu fristen hatten, so war dies ehedem nicht der Fall, denn wie aus dem Werke des Professors Bacher hervorgeht, haben persische Juden zur Zeit ihrer Drangsalierung in Samarkand eine Zufluchtsstätte gefunden. Was nun die heutigen Juden Persiens anbelangt, so ist ' ihre Zahl eine verschwindend kleine, jedenfalls geringere als die der übrigen nicht::: oslimischen Untertanen des Königs von Persien. Zur Zeit meiner Reisen hatten Tebris, Hamadan, Jspahan, Kaschan nennenswerte Genieinden, und die Juden von Kazerun, die sich rühmten, im Besitze der ältesten Thorarolle zu sein, behaupteten sogar, Abkömmlinge der Juden aus der ersten Gefangenschaft zu sein, eine Behauptung, die weder dyrch den Habitus, noch durch das vorhandene Sittenbild gerechtfertigt werden kann. In: allgemeinen ist es den Juden in Persien nie so gut gegangen wie ihren Glaubensgenossen in der Türkei, namentlich während der Glanzperiode der Osmanenmacht, da bekanntlich der jüdische Einstuß im Palaste von Konstantinopel von geschichtlicher Bedeutung war. Nainentlich zur Zeit Suleiinans des Großen, der die aus Spanien vertriebenen Juden gastfreundschaftlich aufnahu:, und der gesagt haben soll: „Der König von Spanien ist ein kluger Mann, er hat durch die Vertreibung der Inden sich selbst arn: und mich reich gemacht." Unter dem Schutze der fanatischen Schiiten Persiens ist es fremdgläubigen Menschen nie besonders gut gegangen, und selbst das sich modern gerierende Persien war engherzig genug, den Armeniern, Parsis (Feueranbeter) und Inden das konstitutionelle Recht der Teilnahme am Parlament zu verweigern. Heute natürlich hat der abendländische Einfluß de:: fanatische:: Ausbrüchen der Jranier einen Dann:: gesetzt, doch in der Vergangenheit war dies nicht der Fall. Die Arbeit ineines Landsmannes über die Geschicke der Juden in: 17. und 18. Jahrhundert wird nicht verfehlen, das höchste Interesse zu erwecken. Herr Professor Bacher ist ein weltbekannter Kenner der persischen Sprache und Literatur. Nainentlich haben seine Arbeiten über die persisch-literarische Tätigkeit der Juden in Bochara verdiente Anerkennung gesunden. Man muß tatsächlich in: Persischen tüchtig bewandert sein, ::::: die hebräisch geschriebenen Handschriften lesen und übersetzen zu können. Lir drei rrlten Grundrrwkrdgokrsuchr der Juden in Lromberg unter der preuhilchen Kegierung?' Von Rabbiner Dr. Walter in Bromberg. I. 4n: Jahre 1772 war der Netzedistritt in den Besitz der Preußischen Könige gekommen. Erst 19 Jahre später wurde in Bromberg zum ersten Male von jüdischer Seite der Versuch gemacht, eigenen Grund und Boden zu erwerben. Dieser Versuch ging von den: Schutzjuden David Salomo::'» aus und war übrigens nicht so einfach. Denn nur bei einer Zahl von fünf Schutzjuden an einem Orte sah der 8 28 des General-Juden-Reglements vom 17. April 1750 überhaupt die Möglichkeit vor, daß einem von diesen fünf der Ankauf eines Hauses gestaltet werden könne. In Bromberg wohnten damals aber außer David Salomon im ganzen bloß noch zwei Schutzjuden. Es vergingen darum auch nicht weniger als volle fünf Jahre, ehe er den für ihn daraus resultierenden Widerstand gebrochen und das in der Posenerstraße gelegene baufällige Haus des Kriminalrats Ettner rechtsgültig an sich gebracht hatte. An ausreichenden Gründen für sein Verlangen fehlte es David Salomon allerdings nicht. Zuvörderst sprachen für ihn berechtigte persönlicheJnteressen. Bei dem Ma::rer:neister Stichel, bei welchem er zu Miete wohnte, hatte er keine entsprechenden Räumlichkeiten., für seinen „beträchtlichen Handel mit Seiden- und Schnitt-Waren", dazu einen Wirt, der nichts machen ließ, so daß die Waren sogar litten, nichtsdestoweniger aber auf einmal „fast noch zweimal soviel" Miete forderte, als Salomon bisher gegeben hatte. Neben diesen persönlichen Interessen machte er zugleich aber auch allgemeineregeltend: die Verlegenheit, in welche bei«: Aufhören seines Handels „bei den: Mangel anderer gehörig besorgter Laden dieser Art Waren" das Publikun: kommen würde — die ansehnliche Einbuße, welche ') Nach den Akten (Bromberg 6. hauptsächlich 386) des Königl. Staatsarchivs zu Posen. -’) Salomon war seit 1781 in Bromberg ansässig.