Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- Seite 319 (sequence 7)
- Language
- German
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319 wurden. Diese, sowie die wenigen, denen besondere Fähigkeiten eine bedeutende Stellung verschafft hatten, haben sich nun ebenfalls zugunsten ihrer Glauberisgenossen verwendet. Man denke an die jüdischen Minister in Spanien, an die Hofjuden, insbesondere an Josel von Rosheim, der seine Glaubensbrüder auf dem Deutschen Reichstag vertrat und sich ihrer überhaupt mit solchem Eifer und Erfolge annahm, daß sie ihn ihren „großen Verteidiger" nannten. 6. Als sich aber den Juden im 18. Jahrhundert die Tore der allgemeinen Kultur auftaten und sie mit Begeisterung deren belebende Wasser in sich einsogen, als ein Staat nach dem andern ihnen bürgerliche Rechte zu geben begann, da bemächtigte sich ihrer solch ein Heißhunger nach Freiheit und Gleichheit, daß nicht wenige bereit waren, die ererbten Güter um die neuen hinzugeben. Diesem verderblichen Hange rief Gabriel Riesser ein flammendes Halt entgegen. - Mit unvergleichlichen Worten erklärte er, daß man nicht das Geringste preisgeben dürfe für das, was man ein Recht habe zu fordern, und daß es geradezu eine Schmach sei, ein ideales Gut zu verschachern. Er hat unter die modernen Kulturjuden ein Gefühl gepflanzt, das lange, lange geschlummert hatte, das Gefühl der jüdischen Selbstachtung; er ward zum Verteidiger der Ehre des Judentums. Dieselbe schwache Hingebung an die Zeit, die hier ein Religiös-Freisinniger tadelte, ward auch vom entgegengesetzten Lager gebrandmarkt, aber um daraus einen andern Schluß zu ziehen, den Grundsatz nämlich, daß man an dem altüberlieferten Gesetze streng festhalten müsse. Samson Raphael Hirsch ward zum Führer und Beschützer dieses „gesetzestreuen Judentums", während das „liberale Judentum", das den Forderungen der Zeit Zugeständnisse machte, in Abraham Geiger einen glänzenden Vorkämpfer fand. 7. Die Gleichberechtigung der Juden war errungen worden, jedoch die antisemitische Partei suchte und sucht sie noch immer mit allen Mitteln zu erschüttern. Darum bildete sich ein Verein zur Abwehr des Antisemitismus, dem auch Nichtjuden angehören und der aus Gründen der reinen Sittlichkeit den Judenhaß bekämpft, ferner ein Verein, in welchen! die Juden selbst die Verteidigung der ihnen durch Gesetz gewährleisteten Rechte betreiben, während eine Anzahl von jüdischen Studenten für die ihnen zugefügten Beleidigungen auch mit der Waffe Genugtuung fordern. Aus dem Felde des Geistes gilt es vor allem einmal den Behauptungen von der Minderwertigkeit oder Fremdartigkeit jüdischer Rasseneigenschasten entgegenzutreten, und dann die von der christlichtheologischen Bibelkritik verbreiteten Ansichten zu widerlegen, welche das sogenannte Alte Testament von dem Throne seiner Heiligkeit herabstürzen und die Religionsanschauungen der Pharisäer verdächtigen. Das wären in großen Uinrissen die wichtigeren Erscheinungsformen der jüdischen Verteidigungsidee. . Bit Juden in Oerlien. Von Professor Hermann Vümbery. uf meiner Rückreise aus Samarkand begegnete ich in Herat einem Juden, der in mir einen verkappten Antiquitätenforscher vermutete und mir deshalb verschiedene Objekte anbot. Später hatte er natürlich wahrgenommen, daß er sich geirrt, trotzdem besuchte er mich häufig in derKarawanserei, und ich habe viel Interessantes von ihm über seine Glaubensgenossen in Chorasan und Mittelasien gehört. Später begegnete ich dem Manne in Meschhed. Als ich seiner ansichtig wurde und ihm „Jahudi, wie geht's dir?" zurief, eilte der Mann höchst bestürzt auf mich zu und sagte: „Um Gotteswillen, hier darfst du mich nicht „Jahudi" nennen, denn hier bin ich Mohammedaner, und wenn ich diese Jnkognitorolle nicht spiele, bin ich verloren. Du weißt ja, vor einigen Jahren haben böse Menschen uns des Ritualmvrdes angeklagt, und wer dem Scheine nach den Islam nicht annehmen wollte, der mußte Meschhed verlassen. Man hat versucht, den Muttewali (oberster Priester) mit Geld zu beschwichtigen, doch es hat bisher nicht viel gebolfen." — Also nicht nur das katholische Spanien, sondern auch das schiitische Persien hat seine Marranos, dachte ich mir, und ich war nicht wenig überrascht, als ich aus der unten zitierten Arbeit') des Professors Wilhelm Bacher erfuhr, daß die Perser auch schon in der Vergangenheit sich dem Antisemitismus anheimgegeben und hierin nicht minder Erhebliches geleistet haben als ihre arischen Staminesgenossen im zivilisierten Europa. Der Antisemitismus ist jedenfalls eine arische Spezialität, denn die Völker ural-altaischer Abkunft haben infolge ihrer kriegerisch-ritterlichen Gesinnung ihre semitischen Schutzbefohlenen nie angefeindet. Um auf das Werk meines gelehrten Landmannes zurückzukommen, bietet uns dasselbe ein zweifaches Interesse. Erstens sind gewisse Einzelheiten, die der poetische Chronist Babi bin Lutf (vielleicht reetius Lutst) aus der Regierungszeit Abbas II., gewöhnlich Schah Abbas Mazi, auch Abbas der Große genannt, berichtet, uns ganz neu und werden in den genügend bekannten persischen Geschichtswerken nicht erwähnt. Vielleicht deshalb nicht, weil sie keinesfalls geeignet sind, den Glanz des von Persern als herrlich und unübertrefflich geschilderten Schah Abbas II. zu erhöhen. In dem uns vorliegenden Werke ist die Regierung Schah Abbahs' II. durch die schändlichsten und unerhörtesten Grausamkeiten gebrandmarkt. Auf Anstiften seines Großwesirs hat er die Inden fünf Jahre lang, d. h. von 1617 bis 1622, den größten Verfolgungen ausgesetzt und sie unter Androhung der gewaltsamen Vertreibung aus Persien zur Anuahme des Jslarn gezwungen. Babai bin Lutf, der Chronist, gedenkt zunächst j der Begebenheiten von Kaschan, einem ansehnlichen Orte auf j der Strecke von Teheran nach Jspahan, doch sein Bericht erstreckt sich auch auf die Geschehnisse in den übrigen Teilen Persiens, und das Bild, welches von den inneren Administrationsverhältnissen des Landes unter der Regierung des größten aller Perserkönige der Neuzeit entworfen wird, ist fürwahr gar nicht danach angetan, um in die Lobpreisungen der Perser und auch einiger Europäer, als Chardin und Tavernien, Abbas des Großen einstimlnen zu können. Abbas II. hat allerdings die Grenzen Persiens nach allen Richtungen hin erweitert; er hat den Türken den Kankasns abgerungen und die rebellischen Elemente im Innern des Landes gezüchtigt, doch seine Verwaltung krankte an denselben Fehlern und Gebrechen wie in dem modernen Persien. Bestechung. Diebstahl, Gewalttätigkeit und Gesetzlosigkeit sind überall gang und gäbe. Ein Gouverneur zwingt die armen Juden zur Annahme des Islam, der andere zahlt auf Anordnung der Regierung jedem Apostaten eine gewisse Summe Geldes, und als die Juden wieder heiinlich zu ihrem alten Glauben zurückkehren, und der betrogene Gouverneur sein Geld von der Regierung zurückfordert, wird ihm zur Antwort gegeben, er habe das Geschäft ungeschickt gemacht, der Schah werde ihm das Geld nicht h 1-68 Juifs eu Perse au XVII. et au XVIII. siede. D’apres les clironiques poetiques de Babai b. Loutf et de Babai b. Farhad par I W. Bacher. Karl J. Trübner, Strasbourg 1907, p. 115.