Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- Seite 318 (sequence 6)
- Language
- German
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318 wohnen, daß sie dich nicht zur Sünde gegen mich verleiten, denn du würdest ihren Göttern dienen und sie würden dir zum Fallstrick werden (2. Mose 23, 32, 33)." Die gleiche Gesinnung tönt aus dem Munde der Propheten, bald als innig dringende Bitte, bald als schinerzerfüllte Klage, bald als heftige, schneidende Anklage, und ihnen folgend haben die talmudischen und rabbinischen Lehrer zahlreiche Gesetze geschaffen, die wie ein Netz das Heiligtum Judas umspannen mtb die in aller Welt zerstreuten kleinen Häuflein ertüchtigen sollen, den' mächtigen und in vieler Beziehung schädliche» Einflüssen der geistigen Umgebung wirksam zu widerstehen. Ihre Bedeutung hat Maimonides, der größte Rechtsgelehrte des rabbinischen Judentums, dadurch gewürdigt, daß er sie zu einer besonderen Gruppe von Gesetzen zusammenschloß. Er nannte sie Geseroth und Sejagoth, Gesetzeszäune, wir könnten sie auch Abwehrgesetze des Judentums nennen. 3. Die erste Gelegenheit, bei welcher der so erzogene Wille zum Widerstand seine Kraft glänzend bewährte, war der Kampf gegen das griechische Heidentum, ein großartiger Verteidigungskampf, wie ihn die Weltgeschichte nur selten aufzuweisen hat. Für sein Leben gern möchte der Freund der jüdischen Geistesentwicklung genauer den Boden kennen lernen, auf dem solch eine Blüte allmählich gereift ist, doch sein Sehnen wird nicht gestillt, die Jahrhunderte von Esra bis zu den Makkabäerkämpfen, Jahrhunderte, welche die Gestalt des Judentums in entscheidender Weise beeinflußt haben, sind und bleiben in Dunkel gehüllt; nur wenige Lichtpunkte schimmern hervor, und auch der Bibelkritik unserer Zeit ist es trotz großer Anstrengungen nicht gelungen, den Schleier in befriedigender Weise zu lüften. Jedoch die Folgezeit belehrt uns, daß es nicht möglich gewesen ist, griechisches Denken völlig zurückzudrängen, zumal außerhalb Palästinas, da wo die herrschende Umgebung es besonders pflegte. So begegnen wir in Aegypten einer großen jüdischen Kolonie, deren Bildungsverhältnisse mit denen der heutigen Kulturjuden viel Verwandtschaft aufweisen. Damals wie heute erstanden ihnen neben pöbelhaften auch gebildete Gegner, und die Verleumdungen eines der gefährlichsten, namens Apion, hat der berühmte jüdische Philosoph Philo in einer Schrift zurückgewiesen, die später durch den Geschichtsschreiber Josephus umgearbeitet wurde und nicht bloß wegen ihres Inhalts, sondern auch darum Beachtung verdient, weil sie die erste bedeutende Schrift ist, welche sich die Verteidigung der jüdischen Wahrheiten zur besonderen Aufgabe gestellt hat. Doch schon zwei Jahrhunderte vorher hören wir den ägyptischen Oberpriester Manetho behaupten, das jüdische Gesetz gestatte Raub und Haß gegen andere Völker, während zahlreiche Bücher der Apokryphen gegen die griechische Weisheit die Weisheit der Bibel ausspielen und Josephus später ähnlichen Beschuldigungen gegenüber die schönen und richtigen Worte Prägt: „Es wird, wie ich glaube, klar hervorgehoben, daß wir Gesetze haben, die am meisten geeignet sind, Gottesfurcht, Zusammenleben mit andern, allgemeine Menschenliebe, Gerechtigkeit, Ausdauer in Leiden und Todesverachtung zu erzielen." 4. Mit dem schriftlichen geht das mündliche Wort der Abwehr Hand in Hand. In jenen Zeiten, in denen der Heide endlich die Nichtigkeit seiner Götzenwelt einzusehen beginnt und nach einer reineren, höheren Gottesanschauung sich sehnt, damals, als das Judentuin vom Hauptstamme mannigfaltige Zweige sich abspalten sieht, werden Religionsgespräche und Disputationen beliebt, so beliebt, daß der Talmud nicht wenige überliefert, die nur einen sagenhaften Charakter tragen. Auf seiten der rechtgläubigen Juden treten die glänzendsten Häupter als Streiter auf den Plan, Hillel, Jochanau ben Sakkai, R. Gainliel, R. Josna den Chauanja, R. Akiba, R. Meir it. a., auf der anderen Seite sehen wir Griechen, Römer, Aegypter, Syrer und Vertreter jüdischer Sekten, Philosophen, Statthalter, ja selbst Kaiser. Verhandelt wird über alle möglichen Gegenstände der jüdischen Religion, über die Eigenschaften Gottes und die Weltschöpsung, über Widersprüche und sittliche Mängel in der Thora, über den Fortbestand des jüdischen Gesetzes und des jüdischen Volkes, über den Sabbat, die Beschneidung, die Speisegesetze usw. Dieses Hin- und Herwogen sah auch das Zeitalter der Gemara nicht schwinden, noch viel weniger das rabbinische. in welchem das Religionsgesetz zu Anfang aus dem „Meere des Talmud" gehoben, geordnet und in feste Formen gebracht ward, welche um die allgemeine Anerkennung rangen. Diese wurde ihnen prinzipiell von einem Teile der eigenen Glaubensgenossen, den Karäern, versagt, welche der mündlichen Ueberlieferung keine unbedingte Rechtskraft einräumen wollten, allein es gelang deil Rabbaniten, die Verteidigung ihrer Grundsätze siegreich durchzuführen. Im Lager der letzteren hat nur der Kampf um die Hauptwerke des Maimonides eine größere Wellenbewegung entfacht, wobei Angriff und Abwehr oft mit großer Erbitterung erfolgten. Vereint hatten alle den Glaubensbestand des Judentums gegen Islam und Christentum zu behaupten, und diese Bewegung war eine so lebhafte, daß nicht allein zahlreiche öffentliche Religionsdisputationen (zu Barcelona, Tortosa, Paris u. a.), sondern auch eine ganze Literatur daraus erwuchs, welche die Vorzüge des Judentums beleuchtete und die Vorwürfe gegen dasselbe zurückwies. Die bedeutendsten Männer stellten sich inden Dienst dieser edlen Sache. Schon der Gaon Saadia, der diese Periode einleitet, bewährt sich als tapferer Kämpe, Jehuda Halevi und Maimonides, die Häupter der beiden religionsphilosophischen Richtungen, berücksichtigen auf das eingehendste die Ansichten ihrer Glaubensgegner, nicht wenige, unter ihnen Nachmanides. Salomo Aderet, Chasdar Kreskas, haben unserm Gegenstände besondere Schriften gewidmet, und wenn ich außerdem noch die Namen Jakob ben Rüben, Abraham ibn Esra, Joseph Bechor Schor, Jechiel ben Joseph aus Paris, Joseph und David Kimchi, Jsak Lopez, Schemtob b. Jsak Schaprut (Werk: Eben Bochan), Prophiat Duran (Werk: AI t’hi käabotecha), Don Vidal Benvenisti, Simon b. Zemach Duran. Joseph Albo, Don Jsak Abarbanel, Jomtob Lipmanu aus Mühlhausen (Nizzachon), Jsak Troki (Chissuk emunah), David de Pomis, Simone Luzatto, Manasse ben Israel (Rettung der Juden), Jsak Nieto, Jakob Emden, Moses Mendelssohn, wenn ich alle diese Namen aufzähle, so habe ich noch nicht einmal die Reihe der Männer erschöpft, die in der Verteidigung ihres angestammten Glaubens wirklich Bedeutendes geleistet haben. 5. Allerdings stand ihnen eine Welt von Waffen gegenüber und das Schlachtfeld war ja nicht bloß der Boden des Geistes, sondern auch das wirkliche Leben. Hier aber gebot allein die Macht, und man nutzte sie so rücksichtslos aus, daß von den Abwehrmitteln des Patriarchen Jakob (s. oben 1) nicht bewaffneter Widerstand, sondern nur Gebet oder Gaben zu helfen vermochten. Und gebetet haben die Juden wahrhaftig oft und innig genug, den ganzen Jammer, welchen Hohn, Plünderung, Mord, Vertreibung und Bedrückung in ihnen aufgesammelt, haben sie vor Gott ausgeschüttet, und wenn in allen diesen Klagen hie und da ein Racheschrei hervortönt, dann wird nur der ihn nicht begreifen können, der in den Juden entweder Engel oder Steine sieht. Mehr als einmal haben auch Geschenke, freiwillige oder unfreiwillige, d. h. schwere Abgaben sie vom Verderben gerettet, kein Wunder, daß die reichsten unter ihnen in der Regel am besten behandelt