Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- Seite 317 (sequence 5)
- Language
- German
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Bekennen wir cs nur, uns scheint diese Vertretung der österreichischen und insbesondere der galizischen Jndenschaft sehr gering, namentlich wenn man bedenkt, wie toenige eigentlich nur auf ihr jüdisches Programm gewühlt wurden. Ebenhoch und Genossen mögen ruhig sein, die christlich-sozialen Kreise werden wohl schwerlich gestört werden können. Groß, Wolf, Bielohlawek, Ebenhoch werden dafür sorgen. Desto mehr wird es notwendig fein,, daß sich gegen den Rückschritt alle diejenigen erheben, welche von den ehrlichen Absichten erfüllt sind, Oesterreich auf wahrhaft demokratischer Grundlage aufzubauen. Daß die auf dein Programm des Judentums erwählten Abgeordneten keine Verunglimpfung der Inden dulden werden, davon sind wir überzeugt. Sie werden sich in einer schwierigen Situation befinden, aber wir erwarten von ihnen, daß sie sich durch keine Angriffe werden einschüchtern lassen, nicht zurückweichen und nicht nachgeben. In allgemein freiheitlichen Fragen werden sie mit den Sozialdemokraten gehen, die wir nicht als nufere Phalanx betrachten, welche aber ganz gut wissen, daß Unterdrückung der Juden iinmer Hand in Hand ging mit Unterdrückung der Völker. Und so wird das allgemeine Wahlrecht vielleicht doch die Hoffnungen rechtfertigen, die wir darauf setzten. Die Zukunft liegt in Dunkel gehüllt vor uns; aber wir können es nicht glauben, daß der Rückschritt zu siegen vermöge. Eine große Koalition der wahrhaft freiheitlichen Parteien gegen die Finsterlinge aller Parteischattieruirgen, daS wird der Schlachtruf fein für unsere zukünftige Reichsvertretung. Auch unter den Tschechen gibt es einige, wenn auch nicht viele freiheitlich Gesinnte. Zu den letzteren gehört der „Realist" Massaryk, ein Mann, der sicherlich der großen Freiheitspartei irur zur Zierde gereichen wird. Der nationale Chauvinismus wird wohl nicht verhindern, daß man auch mit Männern seiner Gattung zusammengehen werde. Eine neue, und wie wir glauben, große Zeit bricht für Oesterreich an. Möge sie kein kleines, unwürdiges Geschlecht finden. Die Juden aber werden, so hoffen wir. alle kleinlichen Ztvistigkeitcn endlich beiseite legend, unter den ersten Kämpfern zu finden sein, welche das Dunkelmünnertrun perscheuchen, auf daß wir bald alle wandeln im Sonnenglanze der Freiheit. hvri. Die jüdische Verteidigung. Von Dr. S. Grzpmisch. uf leisen Sohlen ist der Monat Tammus herangeschlichen, im Blättergrün, im Rosenblühn und Sonnenglühn sind die „drei Wochen" erschienen, um ihre dunklen Schatten vor uns auszubreiten, das Andenken an die Zerstörung Jerusalems und des Tempels in uns zu erneuern. Unter Fasten, Gebet und Enthaltung von allen gesellschaftlichen Freuden verbringt der eine diese Tage, der andere begnügt sich mit einem wehmütigen Gedenken und den dritten bestärkt der Schmerz um die „verödete Tochter Zions" in dem Vorsatze, ihre Wiederaufrichtung mit aller Kraft in die Wege 311 leiten. Doch in welchen Formen immer die Hcrzensteilnahme an jencin Ereignisse sich kundgeben mag, ein Gedanke wird sie überall begleiten dürfen: groß war der Ruhm der Sieger, doch größer noch der Ruhin der Besiegten; unter der glanzenden Kriegskunst der weltbezwingeuden Legionen, unter der eisernen Wucht ihrer Angriffswcrkzeuge sind die Bollwerke des jüdischen Reiches zivar zusainmengebrocheu, allein der Widerstand war doch so gewaltig, der Heldenmut der Eingeschlossenen trotz Hunger und Zwietracht so hervorragend, daß man sich im Ernste fragen kann, ob hier nicht viel eher von einem Triumph als von einer Niederlage zu reden sei. Ja, voir einem Triumph, dem Triumph der jüdischen Verteidigung. Darum werden diese Tage Geist und Herz besonders dazu einladen, sich jener Idee einmal ganz hinzngeben. Folgen wir dieser Einladung, indem ivir die jüdische Verteidigung auf ihrer Wanderung durch die Zeiten begleiten (I), ihre Ansdehmnig in der Gegenwart kennen lernen (II), die besten Wege zn ihrer Einprägung weisen (III), und ihre würdige Handhabung darstcllen (IV). I. Geschichte. 1. Als Jakob nach 20 jährigem Aufenthalte bei Laban sich auf dem Wege nach seiner Heimat befindet, wird ihm gemeldet, sein Bruder Esan rücke ihm mit mehreren hundert Mann entgegen, und er. in dem Wahne, das geschehe in feindseliger Absicht, zögert nicht, die nötigen Vorbereitungen zu treffen; er rüstet sich, tvie die Erklärer bemerken, durch „Gabe, Gebet und Kampfmittel", d. h. indem er den Bruder durch Geschenke zu begütigen sucht, indem er zn Gott nur Hilfe fleht und sein Lager befestigt. Diese Erzählung der Heiligen Schrift hat einen weit über ihren Rahmen hinausgehenden Sinn, sie spiegelt das Schicksal derer wieder, die Ulstern Helden ihren Stamurvater nennen, der „Kinder Israels". Auch ihre Wanderung durch die Völker lind Lander war von Gefahren arg bedroht, ihre Sehnsucht nach einer Heimat haben Angriffe, freilich nicht eingebildete, mit Blut und Tränen bedeckt, jedoch unter den unsäglichen Mühsalen ist ihnen mächtig eine Kraft empvrgeblüht: die Kraft des Widerstandes. Wer die Eigentümlichkeiten der jüdischeil Volksseele genauer beobachtet, deur limß diese Fähigkeit als eine der bemerkcnslvertesten entgegenleuchten, denn genährt nicht bloß durch das eigene Vermögen, sondern noch mehr durch die Einwirkungen der Außenwelt, hat sie sich so innig mit dem jüdischen Wesen verwebt, daß sie selbst bei Männern und in Zeiten hervorbricht, die sie nicht vermuten lassen, ja daß sie in Wissenschaft l>nd Leben bedeutende positive Kulturwerte geschaffen hat. 2. Schon ein Blick in die „heilige Thora", den Urquell des Judentums, bestätigt diese Behauptung, denn hier begegnet Nils eine ganze Reihe von Gesetzen, die nur den Zlveck verfolgen, ihre Anhänger von der heidnischen Uingebung abznsoildern. Allein diese Absonderung wollte ilicht etwa, wie böswillige Verkleinerungssucht noch immer zischelt, Unduldsamkeit und Adelsstolz unter ihnen großziehen, sondern einzig und allein ihre ans ein bescheidenes müßiges Außenleben gegründete geistige Kultur vor der Sinnenknltnr des Heidentums schützen, welche in einem leichtsinnigeil, zügellosen, ans irdische Freuden abzielenden Treiben anfging. Diese Absicht tritt nicht bloß aus dem Charakter jener Bestiiiliillingen klar hervor, sie wird auch ausdrücklich hervorgehobcn z. B. in den Worten: „Schließe mit ihnen (beit Völkern Kanaans) und ihren Göttern keilien Bund. Sie sollen nicht in deinem Lande