Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- Seite 316 (sequence 4)
- Language
- German
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316 besonders angelegen sein, und die Ueberfnhrung auf das Schiff ist ohne störenden Zwischenfall erfolgt. Ihrem Berufe nach sind die Emigranten, die ihr Glück in der neuen Heimat suchen wollen, 35 Handwerker, 7 Fabrikarbeiter, zwei Kaufleute. 8 unbestimmt und 2 verheiratete Frauen. Die Emigranten stammen meist aus Shitomir, Odessa, Kiew, Warschau und Berditschew. Damit ist ein llnternehmen in die Wege geleitet, das voraussichtlich für die Gesamtheit der osteuropäischen Juden von großer Bedeutung sein wird und das gleichzeitig dazu führt, der Ueberfüllung einzelner großer Städte in den Vereinigten Staaten entgegen zu arbeiten. Es war nur durch die aufopfernde Tätigkeit des Jto-Komitees in Nußland, unter Leitung von Herrn Dr. Iochelmann, möglich, in verhältnismäßig kurzer Zeit diesen Answanderertrupp, der aus kräftigen, jungen Leuten und nur zwei verheirateten Frauen besteht, zu organisieren. Herr Jakob H. Schiff hat kürzlich in einer Sitzung der amerikanischen Bne Brith-Loge das Programm für diese Einwanderung auf neuem Wege in neue Gebiete aufgestellt. Er sagte u. a.: „Wir sollten es nicht gestatten, das; unsere Glaubensgenossen fast ausschließlich in Städte längs der nordatlantischen Küste gehen. Wir müssen sie empfangen, wenn sie landen, zmd ich glaube, daß wir unserm Lande keinen größern Dienst erweisen können, als wenn wir beu Strom der Einwanderung nach den Golsstädten, nach Atlanta und Galveston lenken, wo mar; ihn braucht. Wir müssen nicht vergessen, daß wir dieses jungen Blutes, dieser jungen Leute, der Leute, die neue Aufgaben erfüllen werden, bedürfen, und so wollen wir ihnen die Hände reichen zum Besten unserer Gesamtheit. Wir wollen nicht nur gute Inden, sondern auch gute Amerikaner sein in Erinnerung daran, daß, als die Sonne für uns in der alten Welt unterging, sie glänzender und verheißungsvoller in der neuen für uns aufging." Ter Hilfsverein der deutschen Juden hat sich bereit erklärt, diesen groß angelegten Plan nuferer amerikanischen Glaubensgenossen unter Führung des Londoner Komitees der Jto seinerseits mit allen Kräften zu unterstützen. Srirk aus Leltrrrrich. Juni 1907. t§ wir in unserem letzten Briefe von der Unaufrichtigkeit der sogenannten deutsch-freiheitlichen Partei berichteten, meinten >vir, ein vielleicht zu starkes Wort gewählt zu haben. Heute können wir schon sagen, das Wort „Unaufrichtigkeit" ist nicht bezeichnend genug, all' den Widerwillen auszudrücken, der jeden ehrlich denkenden Menschen erfüllen muß, wenn man diese Partei an der Arbeit sieht. Nicht Unaufrichtigkeit, sondern Treulosigkeit und Hinterlist nennt man dies, was die Vertreter dieser Partei, an der Spitze der sattsam bekannte Herr Dr. Grosz, den wir in diesen Briefen schon einmal sestnagclten, den Juden gegenüber sich leisten. Wir können es jetzt eingestehen: Ohne die jüdischen Stimmen wäreir die pseudo-liberalen Herren, die den Namen des Deutschtums und der Freiheit verunglimpfen, nie gewählt worden. Und was ist nun ihr Dank? Sie wollen die Wiener Abgeordneten, unter denen sich zwei Juden befinden, obgleich diese als wahre Freiheitsmänner gegen die Christlich-Sozialen gewählt wurden, in den zu bildenden Parteiverband nicht aufnehmen, und zwar aus dein brutal zugestandenen Grunde, weil eben zwei von ihnen noch nicht getauft sind und der dritte, der Baron Hock, der Sozialdemokratie zuneige. So ist alles in Erfüllung gegangen, was aufmerksame Leser dieser bescheidenen Briefe aus ihnen längst entnommen haben: die Juden haben von dem nächsten Reichsrate nichts zu hoffen, wenn sie nicht als Männer Charakter für ihr Judentum selbst eiutreten und sich auf niemand verlassen, als auf sich selbst. Die Herren aber, die jetzt kleinlaut das zugestehen, worauf wir seit Monaten schon hingewiesen haben, mögen nun ihre Schuld bekennen und offen sagen: Wir haben selbst dazu beigetragen, das Judentum in eine solche Lage^gebracht zu haben, indem wir mit Elementen liebäugelten, deren versteckter Antisemitismus jetzt klar zutage tritt. Da ist z. B. ein mährisches Provinzblatt, es nennt sich „Tagesbotc", will deutsch-freisinnig sein und predigte schon feit der ganzen Wahlbewegung das Bündnis mit den Christlich- Sozialen. Ein deutsch-freisinniger Abgeordneter der mährischen Landeshauptstadt, für den die Juden agitierten, der nie geworden wäre, was er jetzt ist, empfahl offen die Wahl nationalantisemitischer und christlich-sozialer Abgeordneter, und die Juden gingen diesem Manne auf den Leim. Keinen Tag könnte sich der genannte „Tagesbote" ohne seine jüdischen Abonnenten und, was noch mehr sagen will, ohne die Inserate der Juden halten. So unterstützen Juden die Labans, die falschen Freunde, und verfemen diejenigen, die solche Schwäche geißelten. Nach unserer Ansicht, die man wohl nicht weiter belächeln wird, gibt es hier nur ein Mittel der Vergeltung: Boykottierung dieser Heuchler auf allen Linien. Das Judentum Oesterreichs hat von diesen falschen Leuten nichts mehr zu erwarten; darum gilt es jetzt, ihren Parteiverbänden, in denen ein Wolf, ein Ebenhoch, ein Lueger regieren werden, auszuweichen, ihre Zeitungen nicht zu abonnieren, mit den schärfsten Waffen der Rede und Tat sie auf allen Linien zu bekämpfen. Wi> raten den Juden kein offenes Bündnis mit der Sozial demokratie, denn sehr grundlegende' Anschauungen scheide, uns von dieser, aber die Freiheit, wie sie diese Partei meint ist uns doch lieber als die der entarteten Nachkömmlinge deeinstigen Liberalismus, dieser vorurteilsvollen Köpfe, die an dem Boden des beschränktesten Antisemitismus sich befinden. \ für welche es nichts gibt als den Judenpunkt, um den sick nach ihrer - Meinung die Welt bewegt. - — Kuranda Ofner werden aus dem deutschen Parteiverbande aus geschloffen, weil sie als Juden geboren wurden, Männer abe, werden in diesen ausgenommen, die mit den allmächtigen Christlich-Sozialen paktieren, und diese letzteren werden sick gar nicht besinnen, in gewissen Fragen auch mit den Tscheche, zu gehen, wenn es ihr Vorteil erheischt. Da ist der Landes hauptmann von Ober-Oesterreich, der in der schwärzesten Wolle gefärbte Erzklerikale Ebenhoch. Man erzählt von ihm er sei der ewige Advokatursaspirant, d. h. er habe, trotz heiße, Bemühens, die Rechtsanwaltsprüfung noch nicht bestanden Doch dies nur so nebenbei; wir können diese über ihn um gehende Fama nicht bestätigen. Er hat sich Lueger mit Hain und Haaren verschrieben. Den Inden warf er in eine» veröffentlichten Interview demoralisierende Tendenzen vor Man kennt die Phrasen dieser Schwätzer von den destruktive, Absichten der Juden. Wahrscheinlich sollen damit di, jüdischen Sozialdemokraten getroffen werden. Wir schenke, Herrn Ebenhoch diese sozialdemokratischen Juden, die kein Wort der Abwehr für das arg verleumdete Judentum finden Aber gerade in Mähren z.B. wurden die sich zurSozialdemokrati, bekennenden Männer jüdischer Abstammung nicht gewählt Die Statistik der jüdischen Abgeordneten ist überhaupt seh' interessant. Von ihnen sind zwei, sage und schreibe zwei, Sozial demokraten, beide aus Galizien, von denen der eine Dr. Diamond, gegen den Präsidenten der Leinberger Kultus Gemeinde, Samuel von Horowitz, gewählt wurde, für den sicl die ganze Polizei und die Statthalterei mit Feuereifer ein setzten. Zwei, es sind die Wiener Abgeordneten, gehören de, deutsch-freisinnigen Partei an, die ihnen die Türe vor de, Nase zuschließt. Drei sind Mitglieder des Polenklubs. Dies,