Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- Seite 315 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228744-3228772--63640-3297556- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
315 Alles in allem, der neue Minister ist eine sympathische Persönlichkeit, ein Mann, der weniger auf Grund vorgefaßter Meinungen als vielmehr auf Grund selbst gewonnener Erfahrungen und auf Grund eines Meinungsaustausches mit anderen Menschen urteilt. * Die rumänische „Cronica Israelita“ brachte vor einiger Zeit die aufsehenerregende Schilderung eines Vorganges, den man für unmöglich gehalten hätte, wenn es sich nicht eben am Rumänien handelte, das Rußland den traurigen Ruhm streitig machen will, in Barbarei und alle Menschlichkeit verleugnender Grausamkeit die Führung zu haben. In Dorohoi hieß der Oberst des 8. Infanterie-Regiments die jüdischen Soldaten aus der Front vortreten und sich entkleiden. Dann wurden sie von christlichen Soldaten mit Knüppeln bearbeitet, bis das Blut in Strömen floß, bis sie halbtot in die Kaserne oder in den Arrest getragen wurden. Alles dies wurde unter dem Vorwände gemacht, die Juden leisteten nicht den richtigen militärischen Dienst, sondern gingen auch nach Hause. Nachdem die geschilderten Grausamkeiten vollzogen waren, wurde befohlen, daß alle christlichen Soldaten, welche sich kräftig spüren, vortreten sollen. Diese traten in großer Anzahl vor (ba es sich he rum sprach, es handle sich um die Tötung der Juden), und es wurde ihnen befohlen: jeder soll die Ueberwachnng von drei Juden übernehmen, sie Tag und Nacht nicht aus den Augen lassen, sie in den Kasernen und außerhalb derselben beobachten, und wenn einer von ihnen auch nur das kleinste Vergehen sich zuschulden kommen ließe, sollte er aufs Haupt geschlagen, getötet oder erschossen werden. Dies alles auf die Verantwortung der Vorgesetzten. Es ist begreiflich, daß die Kommentare, die die europäische Presse zu dieser Mitteilung macht, der ewig geldbedürftigen rumänischen Regierung nicht sehr angenehm waren. Und sie Ließ deshalb durch einen Offiziösen aller Welt verkünden: Bezüglich der von der „Cronica Israelita“ gebrachten Nachrichten über Mißhandlung jüdischer Soldaten in Dorohoi teilt mir der Kriegsminister General Averescu mit, daß ihm der Fall durch anonyme Denunziation zur Kenntnis gebracht worden sei und er eine strenge Untersuchung angeordnet habe, deren Resultat noch aussteht. Soviel sei jetzt schon festzustellen, daß die schlechte Behandlung jüdischer Soldaten in der rumänischen Armee unter keinen Umständen ein System darstelle, und daß es sich höchstens um einen isolierten Fall handeln könne. Wenn es Schuldige gibt, so werden sie ohne jedwede Rücksicht streng bestraft werden. Wer's glaubt! * Die Reaktionäre in Rußland sind mit dem neuen Regierungskurs noch lange nicht zufrieden; sie geben zwar zu, die Dumaauflösung und das neue Wahlgesetz seien Zugeständnisse an die Reaktion gewesen, sie wollen aber von Zugeständnissen überhaupt nichts hören, sondern etwas Ganzes haben. Dabei wird der Vorschlag besprochen, die Regierung aufzufordern, von der Einbringung von Regierungsvorlagen in die dritte Duma überhaupt Abstand zu nehmen, damit die Duma, in der die Reaktionäre auf eine Mehrheit rechnen, ihre Initiative betätigen kann. Auf diese Weise hoffen sie die Einbringung von Reformvorschlägen der Regierung zu verhindern und ihre Anträge, die sich natürlich vor allem gegen die Juden richten, durchzubringen. Anderseits sucht Herr Stolypin noch immer den Schein der Unparteilichkeit zu retten. Die Plötzliche Entlassung des Reichskontrolleurs Schwanebach, einer der gefährlichsten Reaktionäre und Judenfeinde, ist sein Werk. Aber was hilft das? Ein Schwanebach geht, der andere kommt — in Rußland jedoch bleibt alles beim alten! Wie die „Russische Korrespondenz" mitteilt, war im vergangenen November ein ministerieller Gesetzentwurf fertiggestellt worden, auf Grund dessen die schlimmsten Beschränkungen für die Juden abgeschafft werden sollten. Der Gesetzentwurf sollte gerade dem Zaren vorgelegt werden, als der Verband des russischen Volkes Massenpetitionen organisierte, die den Kaiser baten, seine Unterschrift für den Gesetzentwurf nicht zu geben. Diese Bitten fanden selbstverständlicherweise beim Kaiser Gehör. Augenblicklich ist nun genau dasselbe Manöver zu beobachten. Es ist eine Kampagne im Werke, unr die Juden vollkommen des Wahlrechts für die neue Duma zu berauben. Die Organe des schwarzen Hunderts, insbesondere die „Russkoje Snamja", bringen lange Artikel, um zu beweisen, daß alles Unheil von den Juden kommt. Es sei daher himmelschreiend, den Juden das Wahlrecht zu belassen. Besonders beachtenswert ist aber, daß die offiziöse „Rossija" diese Aeußerungen von Sympathie zum Abdruck bringt. $ Ueber die Auswanderung nach Amerika erhalten wir von dem „Hilfsverein der deutschen Juden" die nachstehenden wertvollen Informationen: New Jork und die anderen großen nordatlantischen Hafenstädte der Vereinigten Staaten dieses freiheitlichen Landes, das den unglücklichen jüdischen Flüchtlingen aus Osteuropa eine Zufluchtsstätte bietet, sind mit jüdischen Massen bereits überfüllt. So entstand für die jüdischen Philantropen aller Länder im Interesse sowohl der in diesen amerikanischen Zentren lebenden Einwohner wie der Zuwandernden selbst die zwingende Notwendigkeit, darauf hinzuwirken, den Strom der Auswanderung von diesen Zielen abzulenken. Durch die Konzentration großer Massen in wenigen Städten sind die Arbeitsbedingungen für die dort Lebenden naturgemäß bereits höchst ungünstig und jeder neue Einwanderer trägt zur Verschlechterung dieser Arbeitsbedingungen noch bei und findet es immer schwerer, unter diesen Verhältnissen festen Fuß zu fassen. Um dieser nicht ungefährlichen Entwicklung Einhalt zu tun, und um allmählich eine allgemeine Besserung der Lage der Auswanderer herbeizuführen, wird auf Anregung von Jacob H. Schiff in New Uork durch die „Industrial Remoyal Office" daselbst jetzt der Versuch gemacht, eine Ablenkung der Auswanderung aus dem östlichen Europa nach den südlichen Häfen der Vereinigten Staaten herbeizuführen. Als Landungshafen, von wo aus der Strom der Einwanderer weiter in das Innere gelenkt werden soll, ist Galveston gewählt worden. Daselbst ist eine Organisation geschaffen, die die Ankommenden in Empfang nimmt und nach Plätzen im Hinterlande weiterführt, wo für sie bereits im voraus Arbeitsgelegenheit vermittelt wurde. Mit der Durchführung dieses Planes einer Ablenkung der Auswanderung von den bisherigen Wegen in Europa ist bekanntlich ein Komitee in London betraut worden, an dessen Spitze Herr Israel Zangwill von der Jto steht. Dem Komitee gehören unter andern an > Leopold de Rothschild, Lucien Wolf und die beiden Vorsitzenden des Hilfsvereins der deutschen Juden, Herr James Simon und Dr. Paul Nathan. Für die Arbeit in Deutschland ist alsdann noch ein besonderes Komitee eingesetzt worden, dem außer Herrn James Simon und Dr. Nathan Herz Dr. A. Klee angehört. Nachdem die nötigen Vorbereitungen getroffen waren, ist bereits im vorigen Monat ein Dampfer mit einigen wenigen russischen Auswanderern über Bremen nach Galveston abgegangen. Am 6. Juni konnte der erste größere Trupp von 54 Personen über Bremen nach Galveston expediert werden. Für diesen Dampfer war eine größere Zahl Galveston-Passagiere eingeschrieben worden, als tatsächlich abgefahren ist. Einige davon sind nicht zur rechten Zeit eingetroffen, andere sind mit einigen hundert anderen Auswanderern zusammen wegen eines vorher in einer anderen Auswanderertruppe vorgekommenen Scharlach- und Diphtheritisfalles in Quarantäne zurückgehalten worden. - Die Auswanderer-Schntz-Komitees des Hilssvereins der deutschen Juden an der Ostgrenze — besonders die Komitees in Ostrowo, Myslowitz, Thorn ließen sich die Fürsorge für diese Auswanderer