Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- Seite 314 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Wenn wir somit die Kenntnis der hebräischen Sprache als in erster Reihe für die Teilnahme an unserm öffentlichen Gottesdienst als unentbehrlich bezeichnen, inüsien wir gleichzeitig auf einen großen Fehler aufmerksam machen, der seit Jahrzehnten dein Unterricht in dieser Sprache anhaftet. Man geht stets von der Erwägung aus, daß die jüdische Jugend die hebräischen Gebete zu verstehen habe, folglich gibt man sich damit ab, sie zuerst hebräisch lesen zu lernen und dann die Gebete zu übersetzen. Das ist vom pädagogischen Standpunkt aus so verfehlt und verkehrt wie nur möglich. Unsere Gebete sind sprachlich nicht für den Anfänger bestimmt; man erreicht mit der mühseligen Erlernung einiger Vokabeln oder auch Sätze, die nur mechanisch sein kann, absolut nichts. Die zarten Knaben und Mädchen lernen wohl die Paar Sätze bei einiger Fähigkeit übersetzen, kurze Zeit aber nach ihrem Ausscheiden aus der Schule verlernen sie diese gänzlich. Es wird wohl sehr selten Vorkommen, daß sie selbst das Lesen der hebräischen Sprache im reiferen Alter behalten. Man will einem allgemein empfundenen Bedürfnis entgegenkommen und gibt sich deshalb einer Selbsttäuschung hin. Die kostbare Zeit geht aber damit unwiderbringlich verloren. In derJudenheit hat es zu keiner Zeit an Männern gefehlt, die das Hebräische wohl kaum lesen konnten, die Frauen hingegen waren von der Kenntnis dieser Sprache bis auf einige seltene Ausnahmen gänzlich ausgeschlossen. In früheren Zeiten hatte man aber ein besseres Verständnis für diese Sache. Wer nicht die hebräische Sprache gut beherrscht, wird in ihr niemals beten können. Für ihn ist eine gute Uebersetzung in der Muttersprache das einzig Richtige. Nur der öffentliche Gottesdienst in der Gemeinde soll hebräisch sein, die Laien, welchen diese Sprache nicht geläufig ist. folgen dem Vorbeter in der dem Gebetritus beigedruckten Uebersetzung. Die hebräische Sprache kann aber nur erlernt werden, wenn als Uebungsstoff geeignete Stellen aus den Erzählungen in Prosa aus dem heiligen Schrifttum genommen werden. Die Formenlehre kann auf das notwendigste Maß beschränkt werden, wenigstens für den Anfang; die Hauptsache bleibt die Lektüre dieses einzig schönen Buches in der Ursprache. Man wird dadurch zwei Dinge erreichen. Die Kenntnis der hebräischen Sprache wird in der jüdischen Jugend viel verbreiteter sein als es jetzt der Fall ist; außerdem wird sie in der Liebe zur Bibel erzogen werden. Allerdings muß man auch da mit dem Umstand rechnen, daß es nur ein kleiner Teil der Juden sein wird, der solche Fertigkeit in der hebräischen Sprache erlangt. Für die große Masse bleibt immer der Notbehelf einer guten Uebersetzung. Die ebenso betrübende wie beschämende Erscheinung, daß Juden und Jüdinnen von dem schönsten und erhabensten Buch der Welt viel weniger wissen als die Christen, läßt sich nicht aus der Welt schaffen. Diesem Uebel könnte wohl unter allen Umständen leicht abgeholfen werden, wenn in allen Schulen die Lektüre der Bibel eingeführt würde. Wir wollen nicht den Wert einer guten biblischen Geschichte herabsetzen, aber sie kann immer nur als Einleitung zu der Bibel selbst dienen. Die jüdische Jugend muß rechtzeitig daran gewöhnt werden, die Heilige Schrift selbst zu lesen, ihren geschichtlichen Teil, die herrlichen Reden der Propheten und ihre erhabene Poesie. Sache des Lehrers ist es, das jugendliche und leicht empfängliche Gemüt auf die poetische Schönheit und den ethischen Inhalt dieser Bücher aufmerksam zu machen, Solange die Bibel nicht wieder unser volles Eigentum wird, solange ihre Kenntnis nicht das Gemeingut der jüdischen Familie ist, bleibt nach unserer Ueberzeugung das Hauptziel des jüdischen Religionsunterrichtes nicht erreicht. Wir müssen uns immer vor Augen halten, daß das Judentum keine Dogmen hat und uns keinen Glauben lehrt. Es spricht zu uns und überzeugt uns, und es spricht zu uns nur in den unvergleichlichen Büchern der Geschichte, der Propheten und der Psalmen und überzeugt uns durch die köstliche Sprache und den ethischen Inhalt. Durch einen Dolmetsch, durch Kompendien und ähnliche Hilfsmittel dringt nicht die Stimine des Judentums an unser Ohr und noch weniger in unser Herz. Sir Mache. 3 Berlin, 1. Juli, n Süddeutschland sind die Liberalen ernstlich bemüht, die Einigung der verschiedenen Richtungen innerhalb des Liberalismus zustande zu bringen. Zu diesem Zweck wurde ein „Nationalverein für das liberale Deutschland" gegründet, der am 23 v. M. in Heidelberg seine erste Hauptversammlung abhielt. Bei dieser Gelegenheit erörterte der bekannte Professor Eberhard Gothein-Heidelberg die Stellung des neuen Nationalvereins zu den verschiedenen bestehenden Parteien. Er kennzeichnete dabei auch die „Abarten des Konservativismus", das demagogische Agrariertum und den Antisemitismus. Sodann erklärte er, .daß jeder anständige konservative Mann den Antisemitismus weit von sich abschütteln müsse, denn der Antisemitismus hat keine politische, sondern eine perverse Richtung. Jedermann müsse sich schämen, mit diesen Leuten jemals einen Händedruck zu tauschen. Der Redner schloß seine Darlegungen unter dem lebhaften Beifall einer imposanten Volksversammlung mit den Worten: „Wir wollen nichts wissen vom Massenhaß, vom Klassenhaß und Rassenhaß und derlei Teufelswerken!" Eine solche Kundgebung gereicht uns zur aufrichtigen Genugtuung und wir hoffen mit Prof. Gothein, daß diese Anschauungen vor allem in den Kreisen der Jugend sich Bahn brechen werden. * Ueber den neuen Minister des Innern in Preußen erhalten wir von gutinformierter Seite die nachfolgenden bemerkenswerten Mitteilungen: Königsberg, 1. Juli. Den neuen Minister des Innern Grafen von Moltke sehen wir hier nur ungern scheiden. Derselbe ist vor zirka vier Jahren nicht gerade mit großem Vertrauen empfangen worden. Sein Vorgänger, der Oberpräsident von Richthofen, hatte verstanden, in der kurzen Zeit seiner Amtstätigkeit sich bei allen Parteien und in allen Kreisen Achtung und Liebe zu erwerben. Moltke hat das aber ebenso verstanden und hat zur Ueberbrückung mancher Gegensätze sehr viel getan. Ihm und dem kommandierenden General von der Goltz ist in erster Reihe die Ausgleichung der Börsengartenaffäre zu verdanken. Ueberhaupt hat er sich in allen Angelegenheiten als Mensch gezeigt. Schlicht in seinem Auftreten, sehr schlicht und einfach in seiner Art zu sprechen, aber darum vielleicht um so wirksamer, in jeder Beziehung als ein guter Bürger mit dem lebhaftesten Interesse für alles, was die Stadt und die Provinz betraf, für Förderung von Handel, Kunst und Wissenschaft und allen sozialen und Wohlfahrtsbestrebungen. Auch den Juden gegenüber hat er sich, ohne daß freilich hier besondere Beziehungen vorlägen, in durchaus wohlwollender Weise verhalten. Beider Zweihundertjahrfeier unserer Chewra (1904) war er zum Festgottesdienst der Einladung gefolgt und hat sich in sehr sympathischer Weise geäußert. Ebenso war er bei der Einweihung des Koschschen Waisenhauses anwesend; seine Abwesenheit bei der Einweihung des israelitischen Waisenhauses für Stadt und Provinz hatte er entschuldigt. In den Ausweisungssachen ist er innerhalb die Schranken der Ministerialerlasse durchweg mit Milde und Wohlwollen vorgegangen.