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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-07-05 · Heft 27 (5.7.1907) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 27 (5.7.1907)
Date
1907-07-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 5. Juli 1907. 71. Jahrgang. Nr. 27. Allgemeine eitung desAudenlums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnemen is-preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Aarxeles. Begründet von Rabbiner D«. Ludwig Philippson. Verlags-Expedition; Berlin, Jerasalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Anterrichtskrsgen. , . Berlin, 1. Juli. (in den letztenJnhren ist erfreulicherweise in der deutschen r Judenheit das eifrige Streben zu bemerken, unsere Jllgeud intensiv in der Erkenntnis des Judentums zu erziehen. Wir legen das Hauptgewicht auf die Förderung der Kenntnis des Judentmns und nicht aus den Religionsunterricht, weil das erstere viel umfassender ist und dein Wesen der Sache besser entspricht. Der Begriff Religionsunterricht ist in das Judentuin erst inr 19. Jahrhundert hineingetragen worden, und Kennern braucht nicht erst gesagt zu werden, daß ein katechetischer Unterricht, wie er bei andern Konfessionen üblich ist, dem Judentum wenig dient. Abgesehen davon, daß ivir großes Gewicht auf die Kenntnis der jüdischen Geschichte und des jüdischen Schrifttums legen müssen, welche beide wohl mit der jüdischen Religion in enger Verbindung stehen, aber nicht durch sie in enge Grenzen eingezwüngt werden können, ist selbst der Unterricht im religiösen Inhalt des Judentums gar nicht von der Geschichte und der Literatur zu trennen. Wir können beispielsweise die Jugend nicht über die Bedeutung des Sabbats und der jüdischen Feiertage ausklären, ohne sie ihrem Auffassungsvermögen entsprechend mit der geschichtlichen Entwicklung des Judentums vertraut zu machen. Wichtiger als alle religiöse Formen ist bei uns zweifellos der Prophetismus, eine Erscheinung, die in der Geschichte der Menschheit nicht ihresgleichen kennt. Und wie soll unsere Jugend diese Erscheinung zu würdigen wissen, wenn sie nicht gleichzeitig die Geschichte Israels in all ihren Phasen kennen lernt. Ueber das, was unserer Jugend frommt, wird wohl nnter uns keine Meinungsverschiedenheit obwalten. Strittig ist nur die Frage, was unter den obwaltenden Verhältnissen zu erreiche«l sei und wie wir es erreichen können. Der Unter- .richt im Judentum in den öffentlichen Schulen ist durch die Umstände äußerst schwierig. Trotzdem er in den meisten deutschen Staaten in der, letzten Zeit obligatorisch geworden ist, wird er doch nur als geduldet betrachtet iind behandelt. In den Gemeindeschulen wird namentlich in Preußen dem christlichen Religionsunterricht großes Gewicht beigelegt; , er nimint einen breiten Raum im Lehrplan ein. Der jüdische Religionsunterricht stößt hingegen auf Hindernisse. In den höheren Schulen ist der jüdische Religionsunterricht in den meisten Fällen von der Verfügung der Schulbehörde abhängig. Er ist daher unzureichend und vor allem nicht durch die jüdische Gemeinde kontrollierbar. Man muß sich sagen, daß alles dem blinden Zufall überlassen bleibt, und welchen Erfolg man durch einen solchen Unterricht erwarten kann, braucht wohl nicht erst erörtert zu werden. Es gibt nur ein Auskunstsmittel: die Religionsschulen, welche die Gemeinden außer dem öffentlichen Schulunterricht einrichten. In diesen wird versucht, das nachzuholen, was sich nur einigermaßen uachholen läßt. Allerdings muß dabei mit dem Umstand gerechnet werden, daß der Besuch dieser Religionsschulen nicht obligatorisch ist. In den großen Städten hängt er nicht einmal bloß von dem guten Willen der Schüler und deren Eltern ab; oft wird er durch andere Hindernisse unmöglich gemacht. Was die Verpflichtung zur Teilnahme an dem jüdischen Religionsunterricht betrifft, so darf man ihren praktischen Wert nicht überschätzen. Sie hat nur die eine Bedeutung, daß, da bei den anderen Konfessionen in Deutschland der Religionsunterricht obligatorisch ist, das Judentum wenigstens in der Theorie die Gleichberechtigung erhält. Aber durch de« Zwang, der der jüdischen Jugend auferlegt ist, den jüdischen Religionsunterricht mitzunehmen, ist wohl bisher noch kein einziger Jude in der Liebe zmn Judentum bestärkt worden. In der Hauptsache hängt es doch nur von den Eltern ab, ihre Kinder in der Liebe und in der Anhänglichkeit zu dem angestammten Glauben zu erziehen und ihnen das Judentum teuer zu machen. Was von Gemcindewegen geschehen kann, das ist, vor allem auf die Eltern nach dieser Richtung einzuwirken und dann reichlich Gelegenheit zu geben, daß der Jugend, wenn sie den guten Willen dazu hat, sich gediegene Kenntnis des Judentums, d. h. der jüdischen Religion, der jüdischen Geschichte und des jüdischen Schrifttums zu verschaffen, dies auch geboten wird. Das muß planmäßig und unter Aufwendung großer Geldmittel gescheheil. Dieses Kapitel des Gemeindebudgets hat in allen Geineiuden die erste Stelle zu behaupten. Und nun die Frage, was sich überhaupt erreicheli läßt. Seit Jahren wird darüber debattiert, welchen Raum der Unterricht in der hebräischen Sprache im Lehrprogranun einzunehmen habe. Ueber die Wichtigkeit der Kenntnis der hebräischen Sprache für die richtige Auffassung des Judentlnns und für die Kenirtnis der kulturgeschichtlichen Entwicklung der Menschheit im allgemeinen braucht man keill Wort zu verlieren. In England geht das Bestreben, den Unterricht in der hebräischen Sprache in den höhern Bildungsanstalten dem der beiden klassischen Sprachen gleichzustellen. Das ist eine berechtigte Forderung, die eigentlich nicht uns Juden alleiil angeht. Für uns kommt es hauptsächlich in Betracht, daß wir die hebräische Sprache als die des öffentlichen Gottesdienstes nicht entbehren können.

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