Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1907)
- Date
- 1907-06-28
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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71. Jahrgang. Nr. 26. Berlin, 28. Juni 1907. der Gemeindevote. Vellage zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums". korrelpondkn?kn und Kschrichtm. Deutschland. s. Berlin, 25. Juni. Eines der angesehensten Mitglieder unserer Gemeinde, Professor Dr. Emanuel Mendel, ist am 23. d. M. m 67. Lebensjahre gestorben. Mendel hat als Arzt, Gelehrter, 'ehrer und Burger einen interessanten Lebensgang gehabt. Als unger Arzt ließ er sich in dem damals noch ganz dörflich-idyllischen 'ankow nieder, gründete dort, einem Zuge seines besonderen wissenchaftlichen Interesses folgend, eine Irrenanstalt, deren Nus bald weit wer die Grenzen des Landes ging. Später habilitierte er sich als >rivatdozent an der Universität Berlin, ohne seine Praxis, die freilich mmer mehr sich aus Nervenkrankheiten spezialisierte, auszugeben. Er urde bald einer der angesehensten Psychiater. Mendel war ein :ittcr Bürger; jahrelang hat er sich mit großem Eifer in der Politik etätigt. Zweimal vertrat er den Wahlkreis Niederbarnim im teichstage; dem Kreistage gehörte er lange Zeit an und war auch u verschiedenen Zeiten Abgeordneter im Provinziallandtage. Seinem Irte Pankow hing er mit besonderer Liebe an; auch hat die Geneinde ihm seine Fürsorge mehrfach durch besondere Ehrungen veralten. Das neue Krankenhaus trägt seinen Namen, natürlich gibt s auch in Pankow eine Mendelstraße. Mendel war in seiner ganzen lrt einer von den Männern alten Schlages, der bürgerliche ind berufliche Tüchtigkeit zu Vereinen wußte. Dabei war er ^scheiden und zurückhaltend, aber immer mit dem Mute einer Meinung. Er hat in seinem Leben auf manches verzichtet, aas man seiner hohen wissenschaftlichen Bedeutung gern gewährt )ätte, sofern er nur bereit gewesen wäre, von seiner Ueberzeugnng chzuweichen oder ein Opfer derselben zu bringen. Auch für jüdische Angelegenheiten hat er stets lebhaftes Interesse gezeigt. Er gehörte aem Vorstand des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, des Hilfsvereins für jüdische Studierende und vieler anderer Vereine an. Ehre seinem Andenken! 8. Berlin, 24. Juni. In der letzten Sitzung des geschäftsührenden Ausschusses des „Hilfs ver ei ns der deutschen Inden" wurde zunächst eine Reihe von Nachbewilligungen und Budgetrhöhungen für die eigenen Institute des Hilfsvereins in Palästina wrgenommen und zwar für das Lehrerseminar, für die im April ueses Jahres eröffnete Handelsrealschule, für die drei Kindergärten n Jerusalem und die Knabenschule und die zwei Kindergärten in tziffa. Durch den Andrang von Kindern mittelloser russischer Emigranten wurden unvorhergesehene finanzielle Anforderungen gestellt, denen in vollem Umfange Rechnung getragen werden mußte. Sein jüdischen Dtädchenheim in Jerusalem, das palästinen- «schen und russischen Waisenkindern eine Zufluchtsstätte bietet, ourden 2000 Franken zur Verfügung gestellt. Die Subvention für die Gesellschaft Bezalel zur Förderung der Hausindustrie und des umsthandwerkes in Palästina wurde erneuert. Auf einen entprechenden Antrag aus Hebron wurden als Zuschuß für eine approbierte Hebamme daselbst 400 Franken bewilligt. Das Schulverk des Hilfsvereins hat einen weiteren Ausbau durch die Bewilligung .'er Mittel zur Begründung eines Kindergartens in Liberias rfahren — des neunten, den der Hilfsverein der deutschen Juden n Palästina unterhält. Für die notleidenden Wohlfahrtseiurichtungen n Grodno in Rußland hat der Hilfsverein der deutschen Juden eine Hilfsaktion der großen Organisationen in die Wege zu leiten gesucht und den Anteil, den Deutschland nach dem vorgeschlagenen llerteilungsmodus zu leisten hätte, im Verein mit dem Frankfurter Hilfskomitee für die notleidenden osteuropäischen Juden bereits nach Grodno überwiesen. Für die in Deutschland unterzebrachten russischen Pogrom-Waisen — 58 an der Zahl — hat der Hilfsverein der deutschen Juden in Kooperation mit der Großloge für Deutschland seinerseits eine jährliche Spareinlage von je 20 Mark bewilligt, die für diejenigen Kinder, deren Zukunft nicht dltrch Adoption oder in sonstiger Weise gesichert erscheint, bis zu ihrer Selbständigkeit anfgesammett und zur gegebenen Zeit ansgehändigt werden soll. Die Berichte über die in Deutschland unter' gebrachten Waisen melden nach wie vor das Beste bezüglich der geistigen und körperlichen Entwicklung der Kinder. Für den Israelitischen Unterstützungsverein für Obdachlose in Hamburg, dem speziell erhebliche Austvendungcn für Ueberwachung der koscheren Verpflegung der überseeischen Auswanderer erwachsen, wurden 2000 Mark, für das jüdische Krankenhaus in Memel, das zahlreiche kranke russische Glaubensgenossen verpflegt. 300 Mark bewilligt. 8. Berlin, 2l. Juni. Der Vorstand des „Vereins zur Erhaltung des überlieferten Judentums" hat in einer Vorstellung an den Vorstand und die Repräsentanten der jüdischen Genteinde die nachstehenden Forderungen gerichtet: „1. Die Einsetzung eines Rabbinats-Kollegiums mit tunlichster Beschleunigung vorzunehmen, welches in Lehre und Leben den Standpunkt des Judentums aus Ueberzeugung vertritt; 2. in den drei orgelfreien Synagogen fürderhin nur Jugendgottesdienste abhalten zu lassen, welche dem überlieferten Ritus entsprechen; 3. aus Anlaß der hohen Feiertage regelmäßig eine entsprechende Zahl von Veranstaltungen für den Jngendgottesdienst nach überliefertem Ritus einzurichten; i. in den bestehenden Einrichtungen der Synagoge in der Rykestraße keinerlei tveitere dem überlieferten Ritus zuwiderlaufende Aenderungen vorzunehmen; 5. bei der Neuerrichtung von Synagogen weniger die Rücksichten auf die äußerliche Repräsentation, als vielmehr die ans die religiösen Bedürfnisse und die Traditionen der regelmäßigen Gottesdienstbesucher als maßgebend zu erachten." 8. Berlin, 10.Juni. Die „Vereinigung jüdischer Religionslehre r Berlins" hat in ihrer letzten Sitzung sich mit einer Prüfungsordnung beschäftigt, die sie bezw. ihr Vorstand für jüdische Religionslehrer und Religionslehrerinnen ansgearbeitet hat. Die Erkenntnis, daß für solche Lehrkräfte, die nicht an Seminar!en ausgebildet sind, eine Möglichkeit kaum existiert, sich eine Lehrbefähigung zu verschaffenhat die Vereinigung schon vor vielen Monaten veranlaßt, dieser Frage näher zu treten. Die Grundzüge dieser Prüfungsordnung lvurden nun in der letzten Sitzung durchberaten nub im wesentlichen zu Ende geführt. Sobald sie endgültig beschlossen ist, soll sie der Oeffentlichkeit unterbreitet werden. — Die nächste Sitzung findet am Donnerstag den 6. Juni statt, in der Herr I. Wohlgemuth die Verwendbarkeit von Güdemanns Apologetik für den Religionsunterricht besprechen wird. e. Kolberg, 21. Juni. Heute feierte der Rabbiner unserer Gemeinde, Dr. Goldschmidt, seinen 70. Geburtstag. Dr. Goldschmidt, der sich in rastlosem Eifer besonders dem Liebeswerk des überaus segensreich wirkenden jüdischen Kurhospitals gewidmet hat, das er zum großen Teil als seine Schöpfung ansehen kann, hat auch durch seine sonstige Wirksamkeit als Geistlicher und Lehrer Segen verbreitet und Liebe geerntet. Möge er seiner Gemeinde und unserer Stadt in körperlicher Kraft und geistiger Frische erhalten bleiben. Morgens wurde dem Jubilar ein Ständchen der Regimentskapelle dargebracht. Ueberaus zahlreich war die Zahl der von nah und fern eintreffenden Glückwünsche. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde, die Vorstände der Humanitütsvereine, des Frauenvereins, des Sterbe- Vereins brachten ihre Glückwünsche dar. Namens des Kuratoriums des Kurhospitals war dessen Wohltäter James Simon, der Stifter des Kaiser- und Kaiserin-Friedrichheims, erschienen, ferner Dr. Paul Nathan und andere. Zur Beglückwünschung erschienen ferner der Direktor der städtischen höheren Mädchenschule Linduer, der Direktor des Gymnasiums Prof. Dr. Wehrmann, Prof. Tr. Ziemer und Vertreter des Rabbinerverbandes. Im Tempel fand Gottesdienst statt, bei welchem Rabbiner Dr. Vogelstein aus Stettin die Festpredigt hielt. Ferner fand zu Ehren des Jubilars ein solennes Festessen statt.