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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-06-28 · Heft 26 (28.6.1907) · p. Seite 311

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 26 (28.6.1907)
Date
1907-06-28
Page
Seite 311 (sequence 11)
Language
German
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Kind, die meine, die des Ewigen auf? Noch einmal sage ich: Was liegt an Deinem — was an seinem Leben, wenn er darüber seiner Seele Heil verlöre?" Zitternd hatte sie ihr Gesicht in den Händen verborgen. Der Mann vor ihr schien ihr so anders als vorher, so schrecklich, so furchtbar mit den flammensprühenden Angen, den feierlich erhobenen Händen und der gewaltigen Beredsamkeit des Fenereifers, der, ihre^Liebe verdammend, sie zu Schuld und Sünde stempelte. „Was soll ich tun?" flüsterte sie ratlos. „Gott, was soll ich tun?" Er sah ihre Angst und wurde ruhiger, sich gewaltsam bezwingend. „Ich habe mich Hinreißen lassen," sagte er milder, mit gedämpftem Tone, in dein noch die leidenschaftliche Erregung nachzitterte „und bin heftiger geworden, als ich wollte und durfte, vergeben Sie mir." Sie sah nicht auf, fühlte aber seine Hand, wie abbittend, sich leise auf ihr Haar legen. „Wenn das Flehen eines bedrängten Vaterherzens, wenn die Ruhe des Geliebten Ihnen teuer ist, so ersüllen Sie mir eine ernste, eine dringliche Bitte." Er wartete auf Antwort; sie blieb stumm, nur tiefer noch senkte sich das Köpfchen. Er nahm es als Zustimmung und fuhr fort: „Lassen Sie mich heute mit meinem Sohne sprechen, bevor noch Sie ihn sehen, unbeeinflußt von Ihrer Gegenwart. Ich weiß, auch das ist schon ein Opfer, das ich fordere; doch muß es sein, er muß mich zuerst hören! Wenn aber, wie Sie mir versichern, er Sie wirklich liebt, so wird das seine Liebe nicht sofort erschüttern, so heiß ich selbst es auch wünschte. Haben Sie selbst so kleinen Glauben an ihre Macht, sie wäre wertlos und dann —" „Nein," sagte sie, die Hände sinken lassend und aufblickend mit bescheidenem Stolze, „ich fürchte nichts. Willig überlasse ich Ihnen Julius; Sie haben das erste Anrecht. Ich verspreche es Ihnen, ich will ihn nicht Wiedersehen, bis Sie, öderer selbst, mich rufen. „Gutes Kind!" sagte Rüben, herzlich ihre Hand drückend. „Ich habe aber noch eine andere Idee — freilich — ich weiß nicht — wenn Sie sich ganz von hier entfernen — wenn Sie verreisen könnten, Kind," sagte er zögernd — bittend — „nur für einige Zeit — bis — bis — bis ich zu einen: endgültigen Entschluß mit ihm gekommen —" (Fortsetzung solgt.) Literarische Mitteilungen. — W. Iawitz: „Die Geschichte Israels nach den Urquellen bearbeitet." Bd. VI, 1. 2. Krakau, 1907, Josef Fischer. — Von der hebräisch geschriebenen „Geschichte Israels" die der rühmlichst bekannte Gelehrte W. Jawitz herausgibt, ist jetzt der sechste Band erschienen, der die Periode vom Untergang des jüdischen Staates bis zum Tode des Rabbi Jehuda II, Nessiah genannt, behandelt, somit den Zeitraum von 3830 bis 3990 der Weltenaera umfaßt. Wer den hohen Wert dieses Geschichtswerkes in den vorangegangenen fünf Bänden erkannt hat, wird diese Fortsetzung mit besonderer Freude begrüßen. Wer aber bisher nicht Gelegenheit gefunden, dieses bedeutsame Buch kennen zu lernen, sollte nicht länger damit zögern, sich dasselbe anzuschaffen und es sich durch aufmerksame Lektüre zum geistigen Eigentum zu machen. Während der Text in allen seinen Teilen die Aufmerksamkeit des Lesers durch eine besonders anziehende Darstellung fesselt, findet der Forscher vom Fach in den Noten unterm Strich und in den Beilagen am Schluffe des Ganzen nicht allein Belehrung, sondern auch Anregung zur weiteren Forschung in den angegebenen Quellen. Aus den im uralten Schrifttume weit und breit zerstreuten Materialien werden volle Lebens- und Charakterbilder der Geisteshelden, welche jener Geschichtsperiode angehören, wie in einem klaren Spiegel gezeigt. Es ist nicht jene Spiegelschrift, die wir anderswo so oft begegnen, wenn es gilt, tendenziös ein verkehrtes Bild von den Lehrern und Trägern der Tradition zu entwerfen. Die geschichtliche Situation wird meisterhaft gezeichnet, um uns überall bis zur Evidenz davon zu -überzeugen, daß der Gott in der Geschichte dafür sorgt, daß jede Zeit ihren Mann und jeder Mann seine Zeit findet. Vorzüglich aber erkennen wir den Hüter der jüdischen Tradition, für welche Männer in Lehre wie im Leben gleich ausgezeichnet erstehen, den Schatz der Ueberliefernng zu bewahren, festzuhalten und gegen Fälschungen sicherzustellen. Die einzelnen Aussprüche dieser Lehrer, wie zerstreut sie auch oft in den entlegensten Quellen sich finden mögen, sie werden zusammengetragen und wie zu einem Mosaikbilde gestaltet. Es sind dies die Zitate, welche im Texte eigens mit Vokalzeichen versehen sind und so besonders markiert in die Augen fallen, um uns überall in diesen Aussprüchen den Wert der jüdischen Ethik, der die Ethik keines der anderen Bekenntnisse den Rang abläust, erkennen zu lassen. Das Buch ist in klassischem Hebräisch geschrieben; selbst da, wo für einen modernen Begriff ein neuhebrüisches Wort geprägt wird, ist ein möglichst adäquater Ausdruck gewählt. In der Gegenwart bemerkt man eine erfreuliche Bewegung, besonders in der jüngeren Generation und unter der studierenden Jugend, die hebräische Sprache sich zu eigen zu machen. Dieses Buch gewährt ein Hilfsmittel hierzu, wie es kaum zum zweitenmal geboten wird. Unter Anleitung eines Lehrers oder mit Hilfe eines guten Wörterbuches dürfte auch der minder Geübte das Ziel erreichen durch das Studium dieses Luches das Verständnis mancher anderen Teile des hebräischen Schrifttums sich zu erschließen. Das Buch, welches zwei Lieferungen enthält, ist zum Preise von 6 Mark vom Verfasser direkt (in Nieder-Schönhausen bei Berlin) oder durch die Buchhandlung M. Poppelauer in Berlin zu beziehen. Prof. Dr. A. Berliner. & — M oses. Ein Oratorium nach biblischem Thema. Der Königliche Musikdirektor A. Päts, seit langer Iahrenreihe Organist an der evangelischen Hauptkirche und Direktor des Musikvereins Hierselbst, ein von seinem Künstlerberuf begeisterter und genial hervorragender Mann, hat sich durch rastlose, segensreiche Wirksamkeit auf dem Gebiete des gemischten Chorgesanges und als gemütvoller, verständnisinniger Komponist größerer Oratorienwerke längst einen geachteten Namen erworben. Kürzlich brachte er hier zur Erstaufführung sein Oratorium „Moses" mit dem Text der heimischen Dichterin und Schriftstellerin Hedwig Müfselmann. Die Verfasserin hat in tunlichster Anlehnung an den biblischen Erzählstoff denselben mit großem Geschick und mit Gemütswärme in anmutenden poetischen Versen dargestellt. — Der Komponist hat in treuer Arbeit, mit hingebungsvoller Liebe und mühevoller Ausdauer in seinem „Moses" ein Oratorium geschaffen, das nicht bloß hier, sondern auch in weiteren Kreisen hohe Anerkennung hervorgerufen hat. Dem Seelenschmerz des geknechteten israelitischen Volkes und seiner Hoffnung auf Erlösung durch den Gott der Stammväter, die hervorragende Persönlichkeit Mosis und die von ihm ausströniende Göttlichkeit, die Halsstarrigkeit und den unbeugsamen Hochmut des Aeghpterkönigs, die Handlungen im Sklavenlande und am wie im Schilfmeere: für alles hat der Tonkünstler in weihevoller Stimmung den rechten, Packenden, vielfach hinreißenden Ausdruck gefunden. Jammer und Klage, Vertrauen und Hoffnung, Bosheit und Versolgungswut, Verzweiflung und Erhebung, die Erwählung Israels zürn Gottesvolk — der Komponist trifft für jedes Moment die lebenswahren Töne und wirkt ergreifend. Mit zartem Verständnis hat er die Xol-mclre-Melodie in seinem Werke verwendet, in die er das Jammern und Klagen der Geknechteten einkleidet. Für die Aufführung war ein zahlreiches, sorgfältig ausgewähltes Orchester zusammengestellt. Die Solopartien wurden von anerkannten Oratorium-Sängern und Sängerinnen aus Berlin und

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