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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-06-28 · Heft 26 (28.6.1907) · p. Seite 310

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 26 (28.6.1907)
Date
1907-06-28
Page
Seite 310 (sequence 10)
Language
German
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„Durch die Freude wird der Sinn seßhaft, die Wehmut treibt ihn ins Exil." Wenn man solche Sentenzen und Aussprüche liest, meint man wohl, sie seien in der nächsten Nachbarschaft der alten deutschen Mystiker, des Meisters Eckart und Heinrich Susos entstanden. Alle religiöse Mystik ähnelt sich ungeachtet verschiedener Zeiten und Himmelsrichtungen. Die Geschichten des Rabbi Nachinan aber, die er seinen Schülern erzählte, um ihnen auf diesem Wege eine Lehre beizubringeu, sind Fabeln und Märchen, belebt durch Bilder und Gleichnisse, wie sie der orientalischen Vorstellungswelt besonders eigentümlich sind. Es ist nicht so sehr talmudische Dialektik wie Freude an Poetischer Verklärung der Dinge in ihnen. Sie nacherzählen zu wollen, hieße ihnen die „angeborene Farbe" abstreifen. Die Wanderung Rabbi Nachmans nach Jerusalem war wie der Ausklaug einer mystischen Pilgerungsleidenschaft, welche fast an die Kreuzzüge erinnert. Im Jahre 1700 zogen fünfzehnhundert Juden aus Polen nach Palästina; sie verdarben in Not und Elend. „Wandern, wandern, in der Verbannung wandern", war die Losung. Man denkt an Ahasver. Das war noch die Zeit der Kabbala. Sie wurde abgelöst durch den Chassidismus, in dessen Lehre das Verlangen nach der Gottnähe den Mittelpunkt bildete. Nicht gar viele sympathische Gestalten gleich derjenigen Rabbi Nachmans hat die chassidischc Mystik hervorgebracht. Und bisweilen, wenri man von einem „guten Jüd" vernimmt, meint man das Lessing'sche Wort vom „betrogenen Betrüger" Mitschwingen zu hören. Das ist von aller Mystik unabwendbar. Aber auch Figuren von wirklicher innerer Heiligkeit finden sich bisweilen unter diesen leidenschaftlichen chassidischen Gottsuchern. Rabbi Nachman war eine solche Figur. Nicht die erste und nicht die letzte. Vor etlichen dreißig Jahren, auf meinem Heimwege von dem chassidischen Dynasten in Sadagora, wäre es mir ein Labsal gewesen, an Rabbi Nachman zu denken. Aber damals wußte ich noch nichts von ihm. Auch jetzt bin ich dem Buche dankbar, das mir seine Gestalt und sein Leben vor die Augen rückt. Es ist eine besondere Gestalt, trotz aller Mystik von unwiderstehlicher Individualität und deS Wissens von solchen Gestalten hat man niemals genug. Versöhnung. Von M. Herzberg. VII. LLGCcvr ^^erz starrd hastig auf und ging im Zimmer auf und nieder. Wie schwer, wie schwer wurde ihm doch seine Pflicht, diesem lieblichen, vertrauenden Kinde gegenüber. Er fing an, des Sohnes Wahl zu begreifen, zu entschuldigen, trotzdem er sie verurteilen mußte. Er kam zu ihr, die ihm mit ängstlichen Angen gefolgt war, zurück und blieb, die Hand ans den Tisch gestützt, vor ihr stehen. „Wissen Sie, daß Julius Jude ist?" „Ja," erwiderte sie unbefangen, „aber das hat doch nichts zu tun mit unserer Liebe?" „Hat er mit Ihnen selbst darüber gesprochen?" „Doch, doch, er sagte mir davon; aber nie, daß es ein Hindernis sein könnte für — für die —" sie stockte. „Und Sie haben nie daran gedacht, liebes Kind, daß ihn die Liebe zu Ihnen in schweren Konflikt bringen könnte mit seinem Gewissen, seinem Vater, seinem Gotte? Wissen Sie nicht, daß er Ihr Gatte nie werden könnte, ohne seinen Glauben, den Glauben seiner Väter zu verlassen? Ist Ihnen denn der Gedanke niemals gekommen?" Sie saß stumm, bestürzt, ohne zu antworten. Wieder nahm Herz seine Zuflucht zu einer Wanderung durch das Zimmer. Es drängte ihn zu Ende zu kommen, und doch scheute er sich vor der Grausainkeit, die er an diesem jungen Herzen begehen mußte, mußte. Einem Weibe, einem liebenden Weibe durste er mit trockenen Vernunftgründen nicht kommen, mit Logik war da nichts auszurichten. Das sah er ein; das begriff er jetzt — so wenig Erfahrung er sonst in solchen Dingen hatte. — — das Weib versteht nur ihre Liebe, auf die Liebe bezügliches; so wollte er denn versuchen, sie durch ihre Liebe zu überzeugen. „Sie sagten mir, Sie lieben ihn, nicht wahr? Wirklich, wahrhaft, selbstlos?" „Ja," sagte sie und blickte ihn voll und ehrlich an. „Wären bereit Opfer zu bringen, um seinetwillen?" „Ja," sagte sie, wie vordein, „aber —" „Und nun," unterbrach er sie herb, „nun wollen Sie doch das Furchtbarste von ihm fordern? Stellen Ihre kleine Liebe über die des Ewigen, über meines Sohnes Ruhe, seinen Frieden? Wenn er, der Mann, durch Liebesleidenschaft verblendet ist, muß nicht das Weib, das selbstlos liebende Weib die bessere Einsicht haben? Das wollen Sie sein und haben nicht bedacht, welchen Kämpfen, welcher Zukunft sie ihn preisgeben? Gesetzt, er täte es, er würde Christ! Das Bewußtsein, das Herz des Vaters durch seinen Uebertritt gebrochen zu haben, würde es nicht schwer auf seiner Seele lasten? Würde nicht die Reue, dem Glauben seiner Väter untreu geworden zu sein, über ihn kommen, sobald der erste Liebesrausch verflogen? Denn tief, tief, unausrottbar, wurzelt in dem echten jüdischen Herzen der angeborene, anerzogene Glauben! Ueberwältigend bricht sie endlich doch hervor, trotz aller Betäubung, die reuevolle Sehnsucht nach dem verlorenen Gut und ruhet nicht, noch in der Todesstunde! — Vaterhaus, Glauben, Seelenfrieden, kann das alles Ihre Liebe ihm ersetzen? Könnten Sie sich der seinen freuen um solchen Preis? — Und Sie sagen noch. Sie lieben ihn? Wirklich nur ihn? Nicht auch den Egoismus des eigenen Jchs? Fordert wahre Liebe so ungeheure Opfer? Bringt sie nicht vielmehr die größesten — schwersten?" „Mein Gott! Mein Gott" stöhnte sie qualvoll, durch seine unerbittlichen Argumente bis ins Herz getroffen. „An all das Furchtbare, das Sie mir sagen, an seinen Glauben habe ich ja nie gedacht; ich liebte ja nur ihn, nur ihn — und nun, nicht wahr, um seines Glaubens willen soll — soll ich ihn aufgeben — das soll ich! Ich kann es nicht! Ich kann es ja nicht!" rief sie plötzlich leidenschaftlich ausbrechend. „Ich sterbe, wenn ich ihn verlieren muß! O, seien Sie nicht so grausam — so hart." „Hart? Grausam?" rief Rüben jetzt mit funkelnden Augen. „Was liegt an Ihnen, eines Mädchens Liebe, eines Mädchens Leben? Ahnen Sie denn, was es heißt einen Sohn erziehen in der Furcht des heiligen Glaubens, ihn lieben mit der ganzen Kraft der Seele als den Liebling, den auserwählten des Vaterherzens? Wissen Sie, was es heißt, einen solchen Sohn verlieren, ihn abtrünnig werden sehen dem hehren Glauben feiner Väter, den er geschworen, den er eingeatmet, eingesogen mit jedem Worte, jedem Tage seiner Jugend? Und das um eines Mädchens willen! Wiegt Deine Liebe

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