Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1907)
- Date
- 1907-06-28
- Page
- Seite 307 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die materialistischen Einwendungen, folglich die ganze Naturwissenschaft verweist und der er keinen Platz in der Apologie einräumt. Gewiß, die jüdischen Religionsphilosophen waren zugleich Apologeten, .aber das berechtigt uns nicht, aus der Apologie die religionsphilosophischen Fragen zu streichen, welche zu den Grundfragen der Religion gehören, ebensowenig wie auch keine Kulturgeschichte geschrieben werden kann, ohne einen klaren Blick auf die pragmatische Geschichte geworfen zu haben.') Es ist unerläßlich notwendig, nicht allein, wegen der Ungläubigen unter den Juden, aber auch wegen oer transzendentalen Grundideen des Christentums, das; eine jüdische Apologie die Naturwissenschaft ins Bereich der eingehenden Behandlung ziehe. Heute sind schon die Verhältnisse -o weit gediehen, daß wir der modernen Bildung gegenüber nunmehr keine Vogel Strauß-Politik treiben können; wir müssen vielmehr den Zeitfragen offen entgegentreten und klar und unumwunden und ohne jede Sophisterei darauf Antwort erteilen: Ist es vom jüdischen Standpunkt zulässig, an eine :reatio ex nihilo nicht zu glauben? Und wenn es vom rein jüdischen Standpunkt aus statthaft ist, an eine Urmaterie zu glauben, wofür nicht nur vereinzelte Belege aus der jüdischen Literatur gebracht werden können, dann müssen wir zur Evolutionstheorie Stellung nehmen, welche heute auf allen Gebieten der Wissenschaft und sogar des praktischen Lebens ourch die Soziologie in den Vordergrund tritt. Kann das Judentum eine Evolution nicht bloß der Weltenbildnng. sondern der geistig religiösen Erkenntnis zugeben? Die Antwort wird zweifellos zur allerwichtigsten Frage der Ossenbarung führen und auch eine Aufhellung in der Beurteilung der biblischen Grundquelle der jüdischen Religion anleiten. Denn das moderne Judentum wird sich wahrlich nicht gewinnen lassen, wenn man von der Tatsache der Offenbarung nichts Besseres sagen kann, als was Maimonides gesagt hat: „Der Vorgang am Sinai gehört zu den Geheimnissen der Thora." Auch das fühlt Güdemann und gibt sich eine rasche Wendung zur geistreichen Bemerkung, daß nach dem Midrasch in Israel sogar die Mägde hohen prophetischen Blick gehabt haben, und somit die Entstehung der jüdischen Religion als ein Produkt des Volksgeistes dargestellt wird. Schade um die schönen Sätze und erhabenen Gedanken, welche Güdemann verwendet, um diesen Volksgeist, der jedoch bald in Volkserziehung und dann sogar in Vererbung übergeht, zu veranschaulichen, denn gegen diesen die Religion produzierenden Volksgeist protestieren mit schneidender Schärfe alle Propheten von Mose bis Esra und nicht minder das moderne Judentum! Angesichts der modernen Bildung kann kein Apologet ohne die Evolutionstheorie den Weg zu den Herzen finden, und wenn Güdemann als Grundlage des ganzen Buches jenes Prinzip feststellt, daß er die volle Geschichte der jüdischen Religion als ein einheitliches Ganzes betrachtet, das heutige Jndentum mit dem biblischen Zeitalter erklärt, das biblische Israel mit dem heutigen Judentum beleuchtet, so wird wohl seine Theorie bei allen denjenigen Juden Anklang finden, die gar keine Apologie benötigen; hingegen für die christlichen Theologen und die modernen ungläubigen Juden, die eben einer Apologie bedürfen, hat er sich vergeblich abgemüht. Wohl ist das heutige Judentum aus dem Kern des biblischen Zeitalters ausgebildet, wohl ist die farbenreiche Blume in dem kleinen unansehnlichen Samen enthalten, und auch das Sperma birgt den ganzen ') Die Gefahr für das Judentum liegt heute auch nach unserer Ansicht nicht so sehr im Materialismus als in der Uelerschätzung des historischen Christentums. Daß Güdemann besonders hier eingesetzt hat, halten wir für durchaus gerechtfertigt. Di« Red. Menschen in sich, aber das Sperma ist noch nicht der Mensch, wie auch der breite Strom an der Mündung der See nicht mit der ursprünglichen, rieselnden Quelle identifiziert werden kann. Güdemanns Antwort an Professor Movers, deren er in einer früheren Schrift Erwähnung tut, ist höchst geistreich aber die Quellen belehren uns eines Besseren, indem sie uns deutliche Beweise dafür liefern, daß man vor zweitausend Jahren nicht ganz auf dieselbe Art die Tefillin gelegt hat, wie man es heute tut. Es ist ein nicht nur wissenschaftlicher, sondern auch politischer Fehlgriff aller jüdischen Schutz- und Streitschriften, daß man den Gegnern gegenüber selbst das Geringfügigste und Unwesentlichste retten will, während wir in der Gemeinde uns wohl hüten werden, sogar die den reinsten jüdischen Gottesbegriff trübenden Makhnisse Harachamim aus benSselichotli zu streichen, denn die Gemeinde reklamiert von uns die Ghajoth und die Ophannim. Meeresschlamm lagert sich auf die Muschel, ans welcher der Fischer die kostbare Perle gewinnt, aber er wird den Schlamm abstreifen und die Muschel zerbrechen, nur die Perle zu retten. Geistreich ist Güdemanns Behauptung, wenir er sagt, in letzterer Zeit ist mit dem Wesen der Religionen viel Unwesen getrieben worden; aber der gewichtigste Streitpunkt zwischen den Religionen ist nicht und soll auch nicht der sein, welche Religion hat schönere, sinnreichere und zweckmäßigere entwicklungsgeschichtliche Ablagerungen, sondern welche Religion die richtige Perle hat. Geistreich ist Güdemanns Wort, daß er kein destilliertes Judentum haben will; gewiß, ungenießbar ist das destillierte Wasser für den Gesunden, aber das heutige Judentum ist schwerkrank und nur destilliertes Wasser kann zur Medizin verwendet werden, wenn wir die Heilung erhoffen wollen. Geistreich ist übrigens das ganze Brich, von Anfang bis zu Ende, und ein Jude, der es nicht nötig hat, erst durch diese Apologie im Glaubeir gestärkt zu werde»:, wird köstlichste geistige Nahrung darin finden, wird sich sogar an so manchem „Wörtchen" ergötzen, von denen als die geistreichsten besonders zu erwührren sind: die Erklärung (p. 16) der Mischna mit der Ausführung, daß Rabbi Akibas Silbenstecherei als Gegenwirkung gegen die Allegorie zu betrachten sei, und daß der talmudische Am Haarez ein ganz gewöhnlicher „Vagabund" war (p. 183). Der Apologet Lipmann Mühlhausen, am tEnde des 14. Jahrhunderts, war und wollte gewiß nicht geistreich sein, um nrrr aus Kosten der Wahrheit alles Nebensächliche zu retten und den Gegnern auch das Geringfügigste nicht zugestehen zu müssen. Im Gegenteil, er war ein solch entschiedener Verfechter der absoluten Wahrheit, daß er selbst daran keinen Anstoß genommen hat, was wir uns heute wohl überlegen würden, ob wir es der Oeffentlichkeit mitteilen, indem er zu den Worten der Schrift: „Beschneiden sollst du alle männlichen", folgendes bemerkt: „Der Christ spottet unser und behauptet, daß das weibliche Geschlecht, da es doch dem Gesetze der Beschneidnng nicht unterliegt, gar nicht zun: Judentmn gehören kann. Die Christen rvissen es aber nicht, daß der Glaube (die Zugehörigkeit zum Judentum) nicht von der Beschneidung, sondern vom Herzen abhängt; wer keinen vollkommenen Glauben hat, den macht die Beschneidung noch zu keinem Juden; wer aber den vollkommenen Glauben hat, ist ein Jude, selbst wenn er unbeschnitten ist, nur daß er mit einer Sünde behaftet ist." So hat man am Ende des 14. Jahrhunderts Apologie getrieben, wo man nicht scheuen mußte, die Wahrheit offen zrr verkünden. Die jüdische Apologie des 20. Jahrhunderts fühlt sich gedrungen, selbst solche zun: „Gesetz" gehörende Anordnungen, deren Unterlassung keine „Sünde" ist, zusammenzufassen, sie mit aller Anstrengung zu verteidigen und zu den Grundwahrheiten des