Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1907)
- Date
- 1907-06-28
- Page
- Seite 308 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Judentums zu rechnen, denn... sie sind bewährte Erziehungsmaßregeln! Ja, mit Erziehungsmaßregeln sind nicht nur Professoren der Pädagogik und Dozenten für Kinderkrankheiten, sondern auch alle modernen jüdischen Mütter und Väter vollgespickt; die wollen in der Re ligi on ganz etwas anderes suchen und finden als nur Erziehungsmaßregeln; wenn man von Reli g ion handelt, so müssen die Pillen des „Gesetzes" in einer anderen Hülle verabreicht werden, um die christlichen Theologen — unter denen es ja hoffentlich noch auch wohlerzogene Leute gibt — zur Würdigung des „Gesetzes" zu veranlassen, um die modernen jüdischen Mütter zur Beachtung des „Gesetzes" zu führen. Erziehungsmaßregeln werden sie sich schon anderswoher holen. Nicht bloß Erziehungsmaßregeln dürfen in „Gesetzen" gesucht werden; auch Güdemann kommt damit nicht durch und findet in den Speisegesetzen eine Negation des heidnischen Dämonenglaubens, womit er auf die schlüpfrige Bahn der Suche nach dem Taame Hamizwolh geraten ist. Wer die Speisegesetze aus Negation des heidnischen Dämonenglaubens beachtet oder selbst als Erziehungsmaßregel befolgt, der wird gar bald aushvren, sie zu halten. Man frage nur die Leute, welche diese Gesetze mit Leib und Seele wirklich beachten, so werden wir die richtige Aufklärung hören, daß sie die Speisegesetze und alle sonstigen „Gesetze" aus Religion befolgen, und während der Befolgung denken sie air nichts anderes, als daß sie dadurch Gott näher kommen. Ich habe einmal jemand gesprochen, der sich mit den Worten beklagte: „Gott hätte mir wahrlich helfen können, denn ich habe nie Terephot gegessen." Das war sein Glaube. Nicht die Gesetze sind der „Panzer" des Glaubens, sondern der Glaube ist der innerste Kern, um welchen sich die Kristallisierung der Gesetze herausgebildet hat. Es ist höchste Zeit, daß wir nicht mehr verkünden: in unserem religiösen Schrifttum wird nirgends gesagt, du sollst glauben! Die jüdische Religion und das „Gesetz" setzen den Glauben voraus, er ist selbstverständlich; das „Gesetz" hat dort den Boden verloren, wo der Glaube aufgehört hat. Auch früher lvaren Ungläubige, aber damals hat der Cherem dem „Gesetz" die rechte Autorität verschaffen können; heute geht das nicht, und selbst die schönste Predigt vermag den modernen Juden zur Befolgung des „Gesetzes" als Erziehungsmaßregel nicht anzuhalten; heute muß vorerst der Glaube an das „Gesetz" beigebracht werden. Hie Rhodus, hie salta!') Hat doch Güdemann in den Kapiteln über die jüdische Religion in nationaler und universalistischer Hinsicht über das Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen, über ihren Ausdruck in Gesinnung und Handlung, und über den Messianismus so viel Schönes und Wahres, so viel Begeisterndes und Ueberzeugendes gesagt, daß wir an ihm wirklich den berufensten Apologeten des Judentums erkennen würden, wenn wir diesen Kapiteln nicht in diesem Buche begegnet wären. Denn dieses Bccch mutet uns an, als würden wir in finsterer Nacht an einem hochragenden Gebäude feenhaft beleuchtete Fenster sehen; wir sehen das Gebäude nicht, nur an einer langen Reihe von h Die Verteidigung des Zeremonialbez>v. Speisegesetzes spiele bei Güdemann nicht eine so große Rolle, daß deshalb die christlichen Kampf-Theologen sich vergnügt die Hände reiben könnten. Andererseits gehörte, unserer Ueberzeugung nach, selbst für diese Gesetze nicht haltende Juden, den von den christlichen Theologen wider das „Gesetz" gerichteten Anschuldigungen gegenüber, in die Apologetik eine Verteidigung dieses „Gesetzes", wenn solche auch im Sinne Vieler vom historischen, nicht vom ethischen Standpunkt aus unternommen werden sollte. Die Red. beleuchteten Fenstern weiden sich die Augen. Jedoch auc! dieses Entzücken niinmt ab, indem wir gar bald merken müssen daß acis den Fenstern kein ruhiges, den Augen wohltuendes Licht strahlt, sondern farbenreiche Raketen werden in ununterbrochener Folge losgeschossen, die uns Furcht einfiößen, das sie in und an dem Gebäude Schaden anrichten könnten Pfleiderer und Kuenen und Wellhausen und Harnack unk Bousset und alle anderen verdienen wahrhaftig, daß mcu endlich mit ihnen abrechne, aber beißender Hohn und bitterer Spott und geistreiche Raketen schwächen die Wirkung der Be weise und rechtfertigen nur den Titel des Buches, welcher stak einer Apologie des Judentums eine jüdische Apologetik ist. Wer unter uns noch fest auf dem Boden des Judentum! steht, der wird sich an den geistreichen Ausführungen und ar den gegen die christlichen Theologen zugesetzten scharfen Hiebei, ergötzen. Aber das Buch sollte ja nicht nur für diese geschrieben werden. Die Gesellschaft zur Förderung der Wiffenschaft bei Judentums wollte durch dieses Buch die Schwachen unter den Juden kräftigen und die christlichen Theologen von der Wahrheit überzeugen. Habbi Mgchmsns Geschichten. Von Wilhelm Goldbaum. or etlichen dreißig Jahren bin ich einmal bei dem „guten Jüd" in Sadagvra gewesen. Nicht, mit Verlaub als Bresthafter, um von ihm ein rettendes Heilmittel zu erbitten; auch nicht als fanatischer chasfidischer Bekenner, um unter seinen Augen zu beten und meines Seelenheils wegen mit ihm die nämliche Luft zu atmen. Lediglich aus Wißbegierde oder vielleicht gar nur aus ganz vulgärer Neugierde, und weil ich gerade in der Nähe, bei der Eröffnung der Czernowitzer Universität berufsmäßigem Berichterstatterdienste oblag. Es war am Tage vor dem jüdischen Neujahrsfeste; Tausende von Gläubigen aus dein polnischen und russischen Osten, Männer und Frauen, lvaren herzu gewandert und biwakierten auf dem Marktplatze des chassidischen Wallfahrtsnestes. Mir ward die Ehre eines persönlichen Empfanges bei dem „Heiligen" zuteil, und niemals — um es kurz zu sagen — habe ich vorher oder danach einen ähnlichen moralischen Katzenjammer empfunden wie nach dieser Konversation mit dem „guten Jüd". Einem Götzen in einem kapellenartig ausgestatteten Halbdunkeln Gemach hatte ich fast eine volle Stunde gegenüber geseffen, einem Götzen mit stereotypem Lächeln und lallender Stimme, in langem gelblichweißen schlasrockartigen Gewände, mit einer endlosen Tabakspfeife in der Hand. Ich suchte, nachdem ich ihn verlassen hatte, in meinem Gedächtnis nach einem charakteristischen Wort, nach einer bezeichnenden Wendung aus seinem Munde; es war vergeblich, ich hatte nichts dergleichen zu hören bekommen. Das also war ein Nachkomme des Israel von Miedzyborz, des „Baal Schem", des Propheten des Gottesnamens, des Gründers der Sekte der Chasstdiin. Und den noch in den Augen seiner Bekenner der überkommene Heiligenschein seines wundertätigen Urahnen umgab. An jenes Erlebnis von Sadagöra werde ich jetzt durch ein merkwürdiges Buch erinnert, das unter dem Titel „Die Geschichten des Rabbi Nachman" erschienen ist. Sein Herausgeber ist Martin Bub er; verlegt und originell ausgestattet hat es die Frankfurter Literarische Anstalt von Rütten & Loening.