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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-06-28 · Heft 26 (28.6.1907) · p. Seite 306

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 26 (28.6.1907)
Date
1907-06-28
Page
Seite 306 (sequence 6)
Language
German
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werden sollte, an welcher die Geschütze der Feinde abprallen müssen, um in unserer Mitte keine Niederlage anzurichten. Denn wir müssen so manches dem bisherigen Mangel eines solchen Buches zuschreiben. Wir konnten dem modern gebildeten Juden keinen sichern Wegweiser in die Hand geben, mit dessen Hilfe er nicht nur die Vorzüge des Judentums ersehen, sondern auch die Schwächen und Jrrtümer anderer Religionen klar erschaut hätte. Es ist heute bereits eine Lebensfrage des Judentums geworden, sich dem heutigen wissenschaftlichen Standpunkte entsprechend auf unumstößlich wissenschaftlicher Grundlage mit all jenen Fragen auseinauderzusetzen, welche der jüdischen Religion gefährlich zu werden drohen. Nachdem vor mehreren Jahren die Wiener Kultusgemeinde zweimal nacheinander die Preisfrage der Rappaport-Stiftung über die Apologie des Judentums vergeblich ausgeschrieben hatte, begrüßten wir mit Freuden das Streben der hervorragendsten jüdisch-literarischen Gesellschaft und harrten mit gespannter Erwartung dem Gelingen ihres ersten Schrittes entgegen. Das Prinzip der Gesellschaft: „den Herren Autoren die Verantwortung für die in ihren Werken enthaltenen wissenschaftlichen Tatsachen und Ansichten zu überlassen," hat diese Erwartung nicht gedämpft, wußten wir doch, daß Dr. Güdemann, einer der bedeutendsten jüdischen Gelehrten und einer der gründlichsten Kenner des Christentums, es ist, der sich der Aufgabe unterzogen hat, die Apologie des Judentums zu liefern, die geeignet sein wird, unsere Religion gegen Christen und leider auch gegen Juden ins rechte Licht zu stellen. Nun liegt das Buch fertig vor uns und wir werfen die Frage auf: Kann der die Wahrheit aufrichtig suchende Christ durch dieses Büch von der Ueberlegenheit des Judentums überzeugt werden? Kann der nach Wahrheit ringende Jude durch dieses Buch dazu geführt werden, daß er nicht nur seiner Religion nicht untreu werde, sondern in seiner Religion K«t iw-v die Religion erkenne? Die letzte Frage ist eigentlich die wichtigere, denn Gefahr für das Judentum erwächst durchaus nicht aus den heftigen Angriffen der christlichen Theologen, sondern aus dem absoluten Unglauben der modernen Juden, die vorgeben, auf wissenschaftlichem Boden unerschütterlich zu stehen. Wenn noch immer der alte Glaube im heutigen Israel lebte, dann hätten wir gar keinen Angriff von außen zu fürchten; der gläubige Jude ist gepanzert gegen jedweden Angriff, mag er von Theologen oder Philosophen oder von Naturforschern ausgehen. Der moderne Jude hat aber keinen Glauben; die naturwissenschaftlichen Studien haben ihm den Boden entzogen, in welchen er an der Quelle des Glaubens den Baunl seines Lebens pflanzen könnte, und er folgt darum dem Gesetz der Gravitation: er folgt der anziehenden größeren Masse. Wir dürfen uns der Tatsache nicht verschließen, das; der einzige Grund der leichtfertigen Judentaufen in dem Unglauben zu suchen sei, der infolge des Aufschwunges der Naturwissenschaft entstanden ist. Da nützt keine Predigt, kein Vortrag über Geschichte und Literatur, da muß in allererster Reihe den Leuten ein Glaube beigebracht werden. Vermögen wir das zu tun, dann haben wir alles gewonnen; können wir aber den Herzen mit dem Glauben nicht beikommen, dann winden wir uns vergeblich in Schmerzen über den Verlust solcher, die selbst durch feste Bande der Familientradition nicht zurückgehalten wurden. Wenn die bedeutendsten Apologeten des Judentums, Lippmann Mühlhausen und Jsak Troki, hebräisch geschrieben haben, so war ihre Absicht gewiß nicht, ausschließlich in der kleinen Zunft der christlichen Gelehrten gelesen zu werden, sondern auch in die breiten Schichten der Juden Eingang zu finden und dort überzeugende Aufklärung zu verbreiten, und wenn sie in ihren berühmten Apologien beinahe nichts anderes behandelt haben als nur die Stellen der Heiligen Schrift, welche in christologischem Sinne gedeutet wurden, so haben sie nur den Anforderungen des Zeitalters gerecht werden wollen, um den Folgen, welche die christologische Ausbeutung der Heiligen Schrift nach sich ziehen konnte, vorzubeugen. Und wenn heute die Forderung gestellt wird, Apologie des Judentums schreiben zu müssen, die eben nicht nur eine Streitschrift gegen das Christentum, sondern auch eine Schutzschrift für das Judentum werden soll, so dürfen wir einer Auseinandersetzung mit der Philosophie und der Naturwissenschaft unter gar keiner Bedingung aus dem Wege gehen. Güdemann hat es nicht getan. Er fühlt zwar die diesbezügliche Verantwortung und sagt wohl in der Einleitung, daß er sich mit den Einwendungen, die vom materialistischen Standpunkt gegen die Religion überhaupt vorgebracht werden, nicht beschäftigen werde, da er der Ansicht ist, „daß ihre Besprechung in das Gebiet der jüdischen Religionsphilosophie gehöre, die einen besonderen Teil des Grundrisses bilden wird"; ferner betont er es daselbst ausdrücklich, der Monotheismus soll hier nicht selbständig behandelt werden, denn „er bedarf als unbestrittener Vorzug des Judentums keiner Apologie. Auch seine Unsterblichkeitslehre wird nicht angefochten und kommt deshalb hier nicht zur Sprache." Güdemann war also seiner außerordentlich schweren Aufgabe bewußt und überging die drei wichtigsten Punkte, von deren Stande aus die Welt des Judentums entrückt werden könnte. Ist denn die Unsterblichkeitslehre wirklich nicht angefochten? Wird denn nicht vom Urbeginn des Christentums an bis zum heutigen Tage in allen christlichen Apologien gerade darauf hingewiesen, daß das Christentum die Unsterblichkeitslehre inauguriert hat und daß diese Lehre hauptsächlich in der biblischen Schatzkammer der jüdischen Ideen durchaus nicht zu finden ist? Und wenn schon Güdemann in einer anderen Schrift dieses Thema einmal behandelt hat, was eben den triftigsten Beweis dafür liefert, daß selbst nach seiner Ansicht diese Lehre des Judentums tatsächlich angefochten wird, so muß ihr in einem Handbuch der Apologie doch ein besonderes Kapitel gewidmet werden, da es doch alles enthalten soll, was den Laien und Suchenden über daS ganze Gebäude des Judentums aufklären kann. Und ist denn der Monotheismus wirklich ein derart unbestrittener Vorzug des Judentums, daß er keiner Apologie bedarf? Anerkannt wird er wohl, wenn auch besonders von katholischer Seite in übles Licht gestellt, um eben der Berechtigung der Trinitätslehre den Anschein zu geben, welcher Umstand schon die unbedingte Notwendigkeit einer Apologie des reinen Monotheismus erheischen würde; anerkannt wird er wohl auch von protestantischen Theologen, wenn auch nur für eine Stufe der Entwicklungsgeschichte der jüdischen Religion, zufolge dessen es doch mindestens als Ehrenpflicht des Judentums betrachtet werden müsse, dieser Frage apologetisch näher zu treten, und gesetzt den Fall, daß wenigstens alle Juden von diesem unbestrittenen Vorzug vollkommen durchdrungen wären, wenn sie überhaupt glauben würden, selbst in dem Falle dürfte diese beinahe einzige günstige Gelegenheit des unbestrittenen Vorzuges nicht unbenutzt gelassen werden, sondern alle Geschütze des jüdischen Wissens müßten gerade auf diese bevorzugte Höhe heraufgezogen werden, um alles fernzuhalten, was unsere Reihen wankelmütig machen könnte. Freilich gehört hierzu eine tiesergehende Auseinandersetzung mit der Philosophie, in deren Gebiet Güdemann

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