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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-06-28 · Heft 26 (28.6.1907) · p. Seite 304

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 26 (28.6.1907)
Date
1907-06-28
Page
Seite 304 (sequence 4)
Language
German
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304 wegen der vorgerückten Stunde nicht mehr zur Beratung kommen. Es wurde beschlossen, diese Frage» der nächsten Rabbinerversainmlung, die im März 1908 stattfinden soll, vorzulegen. Es fragt sich nun, welchen Eindruck die Beschlüsse der Rabbiuerversammlung auf das französische Judentum machen werden. Es ist kein Zweifel, dasi die Verordnungen bezüglich des Get und der Ehalizah von weittragender Bedeutung sind, andererseits ist es billig, mit dem Witz, daß die französischen Juden die Entscheidungen ihrer Rabbiner schon antizipiert haben, über derartige Fragen hinwegzugehen. Tatsächlich sind die Beschlüsse der ersten französischen Rabbinerversammlung ein lvichtiger Schritt aus dem Wege der Reform innerhalb des Judentums und lverdcn deshalb von allen Freunden des Fortschritts mit aufrichtiger Freude begrüßt werden. * In R n ß la n d herrscht wieder einmal die Stimmung, der der berühmte Maler Wereschagin in seinein Bilde von dem erfrorenen Soldaten ans dem Wachtposten schauerlichen Ausdruck gegeben hat, das die Unterschrift des bekannten Telegrainms trägt: „Am Schipka-Paß alles ruhig." Nur die „echt russischen Leute" brauchen nicht ruhig zu sein; denn sie haben den Sieg errungen. Sie haben deshalb auch überall Siegesfeste veranstaltet, bei denen es selten ohne die übliche Judenhebe abging. Das Schlimmste ist freilich, daß sie in ihrem Uebermut auch ihre Auftraggeber und hohen Alliierten schwer kompromittieren. Wie nämlich aus Petersburg gemeldet wird, hat zlvischeu Nikolaus II. und dem Vorsitzenden des Verbandes echt russischer Leute ein Telegraminwechsel stattgesunden, in de», der Zar den Verband in jeder Hinsicht als Beispiel der Gerechtigkeit ausstellt. Andererseits wird jetzt erklärt, die ganze Depesche des Zaren sei erfunden — aber zu dementieren hat bisher noch keiner gewagt. Während derartiges in dem großen Rußland vorkvmmt, beschäftigt man sich in dem kleinen Finnland ernstlich mit der Frage der Jndenemanzipation. Ein Vertrauensmann des Verbandes für Jndenvollberechtigung wurde ersucht, an den Beratungen finnischer Landtagsabgeordncter über.die Jndenfrage in Finnland teilzuuehmen. Dieser Tage wird im Landtag ein Gese.tzesprojekt cingebracht, welches den Juden mit der grundbesitzenden Bevölkerung vollständig gleiches Recht sgibt. Für das Projekt stimmen die schwedische und die sozialdeinokratische Partei mit zusammen 104 Stinunen; die Gesamtzahl der Laudtagsabgeordneten beträgt 200. Das Schicksal der Vorlage hängt also nur von wenigen Stimmen ab. Aber schon die Tatsache, daß sic überhaupt eingebracht werden konnte, ist bedeutsam. Aus dem Lllah. Juni 1907. ndlich dürfte cs doch an der Zeit sein, mein Versprechen einzulösen und Ihnen wieder etwas aus unserer Gegend zu berichten. In dem laugen Winter ist tatsächlich nichts geschehe», was einem die Feder mit Gewalt in die Hand gedrückt hätte oder gar für die Allgemeinheit von besonder», Interesse gewesen wäre. Nach einer nicht allzu knapp bemessenen Periode dcS Schweigens mag es wohl auch nichts schaden, das Schweigen ein wenig zu unterbrechen und etwa das zusammenzusassen, tvas in diesem Zeitraum in ruhiger, geräuschloser Arbeit geleistet worden ist. Darüber, was nicht getan worden ist, ließe sich allerdings noch etwas mehr schreiben. Der Kürze halber unterziehe ich mich heute aber lieber der ersten Aufgabe, der ich in der Weise gerecht zu werden suche, daß ich Ihnen einen kurzen lieber- und Rückblick über die Tätigkeit verschiedener wichtigerer Verbände gebe. Da ist diesmal in erster Linie der „Verein jüdischer Elementarlehrer Elsaß-Lothringens" zu nennen. Dieser arbeitet zwar nur hinter verschlossenen Türen und läßt nichts über seine Verhandlungen verlauten, hat sich aber zweifellos ein Verdienst erworben durch die Herausgabe eines Schul-Lesebnches für die jüdischen Volksschulen. Der erste Teil desselben für die Mittelstufe ist bereits erschienen und in mehreren Schulen eiugeführt, der zweite Teil (Oberstufe) soll int Laufe dieses Jahres fertiggestellt werden. Für die hiesigen Verhältnisse war das Buch ein Bedürfnis. Die Bevölkerung wünscht die Erhaltung der konfessionellen Schule, das unterclsässische Ko nsistorium hat sich gelegentlich der Beratungen des Straßburger Gemeinderats über die Simultanisiernng der Schulen gleichfalls für die konfessionelle Schule ausgesprochen, und das Gleiche tat auch der Rabbinerverband fast einstimmig in seiner letzten Gencralversanunluug von, 7. Mai nach einen, Vortrag des Rabbiners Schwarz-Lauterburg über dieses Thema. In der Tat haben wir nicht die geringste Aussicht auf die wirkliche Simultanschule. Denn wir erhielten höchstens eine christliche Schule ohne bestimmten konfessionellen Charakter; in Ortschaften, deren christliche Einwohner sämtlich nur einen, der beiden Bekenntnisse angehören, wohl selbst diese nicht. Mag man deshalb noch so sehr für die Simultanschulc schwärmen, unter diesen Umständen kann man unr für die Erhaltung einer eigenen konfessionellen Schule sein. Besteht und bleibt diese aber, so ist es nicht einzusehen, weshalb mau jüdische Volksschüler vertraut machen soll mit der Schilderung der Herrlichkeit des Weihnachtsbaumes n. dergl. Ja, es ist fast unbegreiflich und unverzeihlich, daß man so lange den unnatürlichen Zustand hat bestehen lassen, dessen Unzuträglichkeit auch die Schulbehörde dadurch anerkannt hat, daß sie kurzerhand die Genehmigung zur Einführung des neuen Lesebuches gab. Uebrigens hatte, kurz bevor die Lehrer die Neubearbeitung beschlossen, der Rabbinerverband die Frage angeregt und dadurch zun, nnndesten die Verwirklichung desUnternehmens beschleunigt. Zur Ausführung war jedenfalls der Lehrerverband die berufenere Stelle. Kann er nun in dieser Angelegenheit bereits mit Zufriedenheit auf das Erreichte znrückblicken — Ende 1905 tvurde die Lesebnchkommission gewählt — so dürfte voraussichtlich weniger rasch ein Erfolg wahrzunehmen sein in seinen anderen Bemühungen, in den größeren Gemeinden, in denen durch Zuzug jüdischer Bevölkerung die Zahl der jüdischen Nolksschüler groß genug geworden ist, um die Gründung einer jüdischen Schule zu rechtfertigen, diese Schulen ins Leben zu rufen. Das Material zu dieser Angelegenheit ist einstweilen von dem Verband sorgsältig gesammelt und der zuständigen Behörde überinittelt »vorden. Die materiellen Wünsche der Lehrer endlich, soweit diese die jüdischen Gemeinden angehen, d. i. die Fixierung des Gehalts für den hebräischen Unterricht, dürften vorderhand wohl kaun, noch befriedigt werden. Doch beschäftigt n,an sich an maßgebender Stelle zurzeit angelegentlich mit allen finanziellen Fragen unseres Kultus, und ist die Hoffnung nicht ganz abzuweisen, daß auch dieser Posten bei einer eventuellen Neuregeluilg der Bndgetverhältnisse die ihm gebührende Berücksichtigung finden werde. Weniger offenkundig sind die Erfolge, die unser Rabbi nerverband zu verzeichnen hat. Doch ist seine Tätigkeit nichtsdestoweniger eine segensreiche. Ueber diese Tätigkeit gibt jährlich der vom Vorsitzenden der Generalversammlung --

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