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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-06-28 · Heft 26 (28.6.1907) · p. Seite 303

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 26 (28.6.1907)
Date
1907-06-28
Page
Seite 303 (sequence 3)
Language
German
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303 Rückschritt gegen die Ministerien Bosse und Goßler. Der bisherige Minister des Innern, Herr v. Bethmann-Hollweg, hatte in seiner kurzen Amtsführung nicht oft Gelegenheit, sich mit jüdischen Angelegenheiten zu befassen. Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß derselbe in jedem vorkommenden Falle, soweit sich dies im Rahmen der Regierungspolitik ermöglichen ließ, in humaner und konzilianter Weise vorgegangen ist. Von den neuen Ministern ist natürlich noch wenig bekannt. Der designierte Minister des Innern, Herr v. Moltke, erfreut sich in seinem bisherigen Wirkungskreise hohen Ansehens. Und von dem neuen Kultusminister Dr. Holle heißt es, daß er nach allen seinen Ueberlieferungen und Anschauungen alles eher als starr konservativ und orthodox sei. Angesichts der vielen Fragen, die gerade auf den Gebieten, die unsere Interessen berühren, der Lösung harren, wäre es allerdings von großer Bedeutung, wenn in dieses Ministerium ein neuer und humaner Geist eiuzöge. * Der Jahresbericht der Alliance Israelite Universelle für 1906 ist eben erschienen. Die Allianee Israelite Universelle hat seit ihrem Bestehen Wert darauf gelegt, den Mitgliedern und jedem, der sich dafür interessieren mag, über ihr Wirken genaue Auskunft zu geben. Die Jahresberichte dieser ältesten und größten jüdischen Hilfsorganisation bieten nicht bloß ein Bild ihrer über drei Erdteile sich erstreckenden Tätigkeit, sondern im Zusammenhang damit eine fortlaufende Geschichte der Judenheit. Was von der Judenheit für die Judenheit getan wird, das ist hier ausgezeichnet; der Juden Leiden und der Juden Taten sind hier ailfgeführt. Die Jahresberichte der Allianee Israelite Universelle sind eine Art Kulturgeschichte der Juden, Zeugnisse eines nie aufhörenden Karnpfes für Gerechtigkeit und Menschlichkeit wie unermüdlicher Bruderliebe und nie rastender Kulturfortschritte. In immer entlegenere Kulturwüsten entsendet die Alliance Israelite Universelle ihre Missionare, die das Licht der Lehre erneuern und Verbreiten, die das wirtschaftliche Elend unserer Glaubensgenossen nicht durch Almosen verewigen, sondern durch Erziehung und Unterricht und durch wirtschaftliche Kräftigung der Brüder ausrotten helfen. Die Allianee Israelite Universelle Verleiht den Glaubensgenossen Stärke zur wirtschaftlichen Selbsthilfe, stählt sie für den Lebenskampf und erweckt in ihnen die Traditionen, die der ganzen Jndenheit gehören. Die Allianee Israelite Universelle blickt auf ermutigende Erfolge zurück. In mehr als einem Lande, das sonst im geistigen Dämmer liegt, hat sie unseren Brüdern das Licht der Kultur gebracht; in mehr als einem Lande besteht das ganze lebende Geschlecht der Juden aus ihren Schülern, die in verehrender und dankerfüllter Liebe auf sie als auf die große Mutter sehen und Gott preisen, daß er ihnen vergönnt hat, nachdem sie Kinder der Sorge und Fürsorge gewesen, zu selbständigeu mitarbeitender» Männer»» in Israel und für Israel zu werden. Auch der vorliegende Bericht für das Jahr 1906 spricht von weiteren Fortschritten und vor» glücklichen» Gelingen, überall von der Erfüllung der Pflichten der Bruderliebe. Der letzte Abschnitt der deutschen Ausgabe des Jahresberichts handelt von der deutschen Konferenz-Geineinschaft, die die Fahne der Allianee Israelite Universelle in Deutschland ueu erhoben und neue Mitstreiter zu Tausenden gewonnen hat. ft In Paris hat am 11. d. M. die erste französische Rabbinerversammlung stattgefunden. Wir erhalten über dieses bedeutsame Ereignis nachfolgenden Bericht: In dem Konsistorinmssaal des Temple der rue de Ia Victoire fanden vom 11. bis 13. d. M. die Verhandlungen des ersten französischen Rabbinerkongresses statt. Derselbe machte, um es gleich von vornherein zu sagen, einen durchaus erfreulichen Eindruck, schon durch die große Zahl der Besucher. Es waren 37 Großrabbiner und Rabbiner — also fast das ganze französische Rabbinat — anwesend, und fast alle Abwesenden hatten sich entschuldigt. Außerdem haben die Großrabbiner von Parma, Bologna und Brüssel teilgenommen. Auf der Tagesordnung stand die Bildung einer Union der Rabbiner von Frankreich und Algier, die durch einen Ausschuß, zusammengesetzt aus den Großrabbinern des Zentralkonsistoriums und durch sechs gewählte Mitglieder, vertreten werden soll. Die Beschlüsse der Generalversammlung müssen vom französischen Zentralkonsistorium ratifiziert werden. Den Vorsitz führte bei den Verhandlungen der rühmlichst bekannte Großrabbiner von Bordeaux, Isaak Levi. Am selben Tage fand noch eine Begrüßung der Rabbinerversammlung seitens des Zentralkonsistorinms statt, in der ein völliges Znsammengehen mit der Vereinigung der jüdischen Kultnsgemeinden in Frankreich feierlich beschlossen wurde. Der Präsident der letzteren, Baron Eduard von Rothschild, eröfsnete eine Subskription für die Kasse des Rabbinerverbandes mit einer Spende von 1000 Francs und einem herzlichen Glückwunschschreiben. Von besonderer Bedeutung waren die Verhandlungen des zweiten Tages. Dieselben drehten sich hauptsächlich um folgende Punkte: 1. Heiraten in den Trauerwochen. 2. Scheidebrief, 3. Chalizah, 4. die Benutzung von elektrischen Straßenbahnen an Sabbat- und Festtagen. Bezüglich des ersten Punktes wurde beschlossen, daß der Brauch. Hochzeiten in der Trauerzeit nicht zu veranstalten, aufrecht erhalten werden soll. Ausnahmen seien nur unter besonderen Umständen, sür welche die Gründe dem Rabbiner genügend erscheinen, zu gestatten. Dann aber sollte man die Trauung mit der größten Einfachheit in einem Privathans oder in einem Betsaal, ohne jeden Pomp und ohne Aufsehen stattfinden lassen. Zu Punkt 2 über die Ehescheidung wnrde folgender Beschluß mit großer Majorität gefaßt. Vom l. Januar 1908 ab ist der Get fakultativ. Die Ketuba soll sestsetzen, daß. wenn die Zivilscheidnug voraugegangen ist, die religiöse Scheidung von der Frau als ihr gutes Recht in Anspruch genommen werden kann, und daß die Zivilscheidung in Geltung bleibt auch für den Fall, daß der Ehemann es ablehnen sollte, einen Get zu geben. Unter diesen Verhältnissen soll die religiöse Trauung einen bedingnngsweisen Charakter annehmen, indem der Gatte bei Aufstellung des Trauringes auf den Finger der Frau sein Einverständnis damit erklären soll, wenn die Verhältnisse es erfordern sollten, die Konsequenzen der Zivilscheidung, das heißt die religiöse Scheidung zu akzeptieren. Eine für alle französischen Juden, und für alle, welche durch einen Rabbiner, der Mitglied der Union des französischen Rabbinerverbandes ist, getraut werden, geltende Formel soll von den Antragstellern vorgelegt und durch gemeinsamen Beschluß angenommen werden. Sollten aber beide Teile den Get wünschen und der Mann der Frau diesen geben, so kann niemand ihn hindern, dies zu tun. Es wird vorausgesetzt, daß diese Maßregel rückwirkend ist, das heißt, daß die Verordnung auch den Frauen zugute kommen soll, die vor Anwendung der neuen Trauungsformel geheiratet, gerichtlich geschieden, aber nicht religiös getrennt worden sind, das will sagen, keinen Get erhalten haben. Punkt 3. Vom 1. Januar 1908 ist die Chalizah fakultativ. Es ist eine Tatsache, daß diese Zeremonie irr Frankreich sehr selten praktisch zur Ausführung kam, außer in orthodoxen Kreisen und bei den hier lebenden Einwanderern. — Bezüglich des Fahrens an Sabbaten und Festtagen innerhalb der Stadt auf elektrischen Straßenbahnen bestätigte die Versammlung einstinunig eine ältere Verordnung des Pariser Rabbinats, die solches innerhalb der Grenzen des biblischen Gesetzes gestattet. Ein Vorschlag, das Fahren leschem mitzwab, so zum Beispiel, um eine erkrankte Person zu besuchen, zu gestatten, wurde abgelehnt, da die Idee einer mitzwab sehr verschiedenartig ausgelegt werden könnte. Einige andere Fragen, wie die über die Organisation des Rabbinats, über die Bedingungen der Wahl und der Beförderung von Rabbinern, ferner über das Minjan, über den Religionsunterricht, die Konfirmation und den Kultus konnten

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