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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-06-28 · Heft 26 (28.6.1907) · p. Seite 302

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 26 (28.6.1907)
Date
1907-06-28
Page
Seite 302 (sequence 2)
Language
German
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302 bis vor kurzem immer mehr divergierten. Man würde fast mit Bestimmtheit behaupten können, daß die beiden von einem Punkte ausgegangenen religiösen Strahlen in nicht zu ferner Zeit wieder zusammenfallen werden, ja werden znsammenfallen müssen, wenn nicht in der Religion ganz besonders die Tradition eine so außerordentliche Rolle spielte. Das Christentum läßt zwar ein Dogma nach dem anderen von denen, die es vom Judentum trennten, die es feindselig dem Judentum ge genüberstellten, fallen, aber es wird doch die religiösen Vorschriften der mosaischen Religion nicht wieder aufnehinen, die es aufgegeben hat, um das Gebet: „Gehet hin und lehret alle Völker" ausführen zu können. Dieses propagandistische Gebot wird, wenn man die dogmatischen Ausschmückungen, die nach und nach ja aufgegeben werden, bei Seite läßt, von vielen als Hauptunterschied der beiden Religionen angesehen, derjenige, der die letzte und Hanptursache der unheilvollen Trennung gebildet hat. Die Juden ihrerseits werden, so lange sie noch Juden sind, viele Zeremonien nicht ausgeben, deren religiöse Bedeutung zwar jetzt nur gering eingeschätzt wird, die aber durch mehrtausendjührige Tradition geheiligt sind, und die, obwohl sie nicht eigentlich religiöser Natur sind, doch als äußerliche Stützen, „als Zaun um die Thora" ihre wichtigen Zivecke erfüllen und so fast religiös geworden sind. Wenn aber auch die Speiden Religionen sich nicht wieder zu einer verschmelzen, sicher ist, daß sie sich nicht mehr und mehr voneinander entfernen oder gar, daß sie einander wie Feuer und Wasser bekämpfen, sondern daß sie friedlich wie Parallellinien nebeneinander herlaufen werden. Je ernster heute sich jemand mit religiösen Fragen beschäftigt, je religiöser jemand ist, desto weniger wird er gegen Juden und Judentum voreingenommen sein. Also auch frommen Christen gegenüber braucht heutzutage niemand unter uns Juden seine Religion und Abstammung zu verheimlichen. In allen Kulturländern sind wir Juden gleichberechtigte Bürger. Diejenigen Länder, die uns unsere Rechte mehr oder weniger noch vorenthalten, tun es zu ihrem Schaden und stehen nicht auf der Höhe der Zivilisation. Unserer Vergangenheit brauchen wir uns nicht zu, schämen; alle anderen hätten sich nur unserer Vergangenheit zu schämen. Wir können erhobenen Hauptes einhergehen, und nur diejenigen dürfen mit Recht von den Andersgläubigen gering geschätzt werden, die sich selbst gering schätzen, so gering, daß sie sich scheuen, offen zu sagen, wer sie sind. Die sich nicht zu erkennen geben, können auch nicht verlangen, daß man sie anerkenne. Wir selbst würden die inkognito reisenden Juden nicht der Ehre für wert gehalten haben, ihnen soviel Beachtung zu widmen, wenn sie nur sich blamierten; aber sie blamieren auch die Judenheit, und darum haben wir diese Zeilen geschrieben. Wer es gut mit solchen Leuten ineint, sollte ihnen den Rat erteilen, sich ruhig immer zu erkennen zu geben. Sie laufen da viel weniger Gefahr, zumal von anständigen Leuten, geschnitten und abgeschüttelt zu werden, als wenn sie zu einem doch nur sehr" schwer durchzuführenden Inkognito sich entschließen. Die Woche. Berlin, 25. Juni. Y||an erinnert sich, daß Adolf Harnack vor einigen Monaten in einer akademischen Rede den Unionsbestrebungen zwischen Katholiken und Protestanten mit großer Entschiedenheit das Wort geredet hat. Wir haben schon damals den Vortrag an leitender Stelle besprochen und darauf hingewiesen, daß darin ausschließlich die Rede von den beiden Konfessionen sei. Die Tatsache der Existenz noch anderer Konfessionen im Vaterlande wird einfach ignoriert. Daß darin eine gehässige Spitze gegen diese nichterwähnten Bekenntnisse liege, wird wohl kein objektiv denkender Mensch in Abrede stellen können. Nun hat Herr Harnack aus dem katholischen Lager seine Antwort erhalten und zwar eine ebenso kluge wie entschiedene Ablehnung seiner Forderungen. Kardinal Ko pp hat bei bei Einweihung einer hiesigen Kirche diese Antwort in nicht miß zuverstehender Weise gegeben. Für uns als Juden komm; dabei hauptsächlich ein Moment in Betracht. Während de^ protestantische Theologe ausschließlich von den beidei Konfessionen im Vaterlande spricht und alle anderen ignoriert umfaßt der katholische Kirchensürst in seiner Rede alle Bekenntnisse, alle Mitbürger, alle Menschen mit gleicher Liebe Er sagt u. a.: „Nichts hindert uns, zu gemeinsamer Arbeit uns mit allen unfern Mitbürgern zu vereinigen, um die irdische Herberge für das Erdenleben aufs beste und vollkommenste eiuzurichten. Nich! hindert uns unsere religiöse Einheit, mit ihnen zu wetteifern in der Entfaltung aller bürgerlichen Tugenden. Nein, das ewige Ziel, zu dem die Religion hienieden die Menschen vorbereitet, kann nicht ini Widerspruch stehen mit den Ausgaben des bürgerlich-irdischen Lebensdenn diese sind der Weg zu jenem, beide greifen ineinander und treffen sich an einem Ziele. Die bürgerliche Einheit ist dem Christen auch kein anfgedrungenes. erzwungenes Verhältnis, sie ist ihm gött liche Anordnung, verankert in den Tiefen seines Gewissens. Dies Anschauung prägt dem gläubigen Christen die Religion ein, und vor ihr erhalten die gemeinsamen bürgerlichen Ausgaben Schutz und Pflege und tätige Förderung. Aufrichtige Achtung vor fremder Ueberzeugung, gegenseitige Duldung, Liebe und Eintracht in allen gesellschaftlichen und bürgerlicher Verhältnissen sind die unerläßlichsten Voraussetzungen dieser bürgerlichen Einheit." Das sind goldene Worte, die gewiß einen Widerhall sinder werden in den Herzen aller Menschen, die nicht den Haß sondern die Liebe in der Welt befördern wollen und die vielleicht wirksamer sind als alle Beschlüsse der Haager Friedens^ konfereuz. Und ebenso wird jeder von uns beit Schlußfolgerungen des Kirchenfürsten zustimmen, wenn dieser iiu Hinblick auf das Ziel jener unitarischen Bestrebungen sagt: „Wir müssen inhaltlich diesen Ruf prüfen, ob wir ihm ohru Vorbehalt folgen können. Wenn wir nun dabei anklingen hören, daß Nationalität und Religion nicht voneinander zu trennen seien, daß unsere nationale Einheit so lange nicht fertig sei, als unsere Gottesverehrung nicht auf einem gemeinsamen Grunde ruhe, daß wir uns daher umbilden müssen, um beiderseitig der religiösen Einheit näher zu kommen, so können wir doch nicht umhin, solche Anssprüche mit den Grundsätzen zu vergleichen, die uns unsere Glanbensväter gepredigt haben. Wir können also nicht zu ge den, daß unsere nationale Einheit mit unserer Gottesverehrung auf einem gemeinsamen Grunde ruhen müsse." Wir brauchen die Bedeutung dieser Erklärrmg unserer Lesern wohl nicht erst ausführlich auseinanderzusetzen. <* Die Entscheidung über den Wechsel im Kultusministerium wie im Ministerium des Innern in Preußen hat natürliä auch für uns eine nicht geringe Bedeutung. Daß wir Herrn Studr keine Träne nachweinen werden, ist sehr begreiflich War doch seit vielen Jahren, vielleicht seit Mühler, kein Kultus 'minister in Preußen, der auf dem Gebiete des höheren Unterrichts wie des Volksschulwesens so sehr die Juden zurückgedrängt und beschränkt hat wie dieser Minister. Seine Amtsleitung bedeutet in dieser Richtung sogar einen starker

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