Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1907)
- Date
- 1907-06-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, Z»> richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inkognito. Berlin, 25. Juni. lle, die sich eine Ausspannung leisten können oder müssen, sind jetzt auf Reisen oder mit Reisevorbereitungen beschäftigt. Die Juden, die ja meift angestrengt arbeiten »üssen, sind einer Erholung dringend bedürftig. Denn der kämpf ums Dasein wird ihnen sehr erschwert: viele Berufsweige sind ihnen trotz der verbrieften Gleichberechtigung und rotz der fortschrittsstolzen Zeit unseres Jahrhunderts noch miner verschlossen. Auf den Gebieten des Erwerbslebens, >enen sich die Juden zuwenden können, herrscht eine gewaltige leberfüllung; sie müssen daher infolge der großen Konkurrenz >iel intensiver arbeiten, ihre geistige Kraft ungemein an- . trengen, um mitkommen zu können und auf dem Ozean des Gebens nicht unterzugehen. Darum müssen sie auch von Zeit n Zeit ansspannen und ausruhen. Möchten sie alle in den Ferien die erwüirschte Kräftigung ind Stärkung finden in den Kurorten, die sie aufsuchen und zesnnd an Körper und Geist zurückkehren, damit sie sich mit rneuter Kraft ihrem Berufsleben zuwenden und auch unsere,' >esonveren Mission mit gesteigertem Interesse widmen können. Leider lieben es aber nicht wenige Inden, unterwegs sich licht als solche „zu erkennen zu geben", ihr Judentum — oder m sie in dieser Beziehung in der Regel nicht viel zu vereugnen haben — ihre jüdische Zugehörigkeit zu verleugnen. Das ist nicht nur nicht schön, es ist sogar feige und in gewisser Hinsicht noch häßlicher als selbst der Uebertritt, zu deni doch >och immer eine gewisse Entschließnngskraft gehört, und ganz >esonders ist es dumm. Wir lachen über den Polnischen Juden in Kaftan und mit tzeies, der sagt, er habe sich als Juden nicht zu erkennen gegeben. Wissen denn unsere inkognito reisenden Juden nicht mß sie in den weitaus meisten Fällen nicht bloß an Nase und haar — das sind sogar sehr leicht irreführende Merkmale — andern. sehr häufig am Organ, ja an einer Geste oder gewissen Redewendungen usw. erkannt werden können, genall <o, wie man den Hannoveraner, Ost-, Westpreußen, Sachsen- Rheinländer, Westfalen erkennen kann? Wenn aber aus rgend einem Grunde einer dieser Provinzialen seine Stanun- »rovinz verleugnet, wird man es nie schön finden, oft sogar m ein verdächtiges Motiv denken; von dem inkognito reisenden Huden aber wird jeder sofort denken, er ist zu feige, zll erbärmlich, sich als Jude zu bekennen. Lohnt es, bei der. großen Unwahrscheinlichkeit, das Jnkogllito aufrecht erhalten zu können und bei der Gewißheit der bezeichneten Auslegung des Versuchs, sich den Deinütigungen und der Verachtung auszuetzen, die einer Entdeckung unbedingt folgen müssen, und die / dem inkognito reisenden Juden die ganze Erholungsreise verleiden dürften? Vor wem aber soll die jüdische Zugehörigkeit verleugnet werden? Ausgesprochenen Antisemiten gegenüber? Gesetzt, es gelälige, dann hätte der Jude, der sich nicht zu erkennen geben will, während der ganzen Dauer des Zusammenseins, ohile zu mucksen, die Schimpfereien auf die Juden mit anzuhören, die kein Jude, der noch eine Spur von Ehrgefühl besitzt, mit anhören kann. Außerdem sind Antisemiten dieses Schlages doch die letzten in der Welt, deren Gesellschaft auch Nlw anständige Nicht-Juden mit dem Opfer einer Lüge jemals erkaufen möchten. Aber man trifft unterwegs oder in einer Sornnierfrische eine nette Gesellschaft gebildeter Männer und Frauen, von der man in Anbetracht des herrschenden gesellschaftlichen Antisemitismlls ausgeschlossen zu werden fürchtet, die inan aber doch ans verschiedenen an sich sogar löblichen Gründen zll genießen wünscht. Da möchten wir doch darauf aufmerksam machen, daß diejenigen, die es mit ihrer Bildung vereinen können, gesellschaftlichem Antisemitismus zu huldigen, dies auch gewöhnlich nur auf ihre Salons beschränken. Diese Herrschaften glauben aus irgend welchen oft recht törichten und weder ihrer Bildung noch ihrein Berstande Ehre machenden Rücksichten, Juden aus ihren Salons ausschließen zu sollen, sind aber im übrigen nicht antisemitisch, verkehren sogar außerhalb ihrer Häuslichkeit mit Juden recht gern. Jedenfalls ist man auf Reisen ungenierter und freier im Verkehr als zu Hause. Wir wissen aus Erfahrung, aus dem Munde selbst sehr konservativer Herren, daß ihnen ein Jude, der sich offen zu seiner Religion bekennt, unendlich viel lieber ist als der, der sein Judentum verleugnet oder aus weltlichen Gründen ablegt wie ein getragenes Kleidungsstück. Solche Herrschaften werden schwerlich jemals etwas gegen die Gesell schaff eines gebildeten Juden einzuwenden haben, Wohl aber sich von einem Menscheil mit Entrüstnng und Ekel abwenden, der sich ihnen unter falscher Flagge aufzudrängen sucht. Am allerwenigsteil braucht heute ein Jude religiöse Borurteile zu fürchten. Wir denken nicht einmal au die religiös Indifferenten, deren Zahl unter den Vergnügungsreisenden eine recht beträchtliche sein dürfte. Aber gerade in den Kreisen der religiös denkenden Meilschen herrschen jetzt über andere Religionen und besöllders über die jüdische ganz andere Anschauungen als vor noch nicht gar so langer Zeit. Es ist geradezu erstaunlich, wie sich in dieser Hinsicht die Ansichten sogar geistlicher Herren geändert haben. Um bei den uns hauptsächlich angehenden beiden Religionen;u bleiben, so konvergieren sie jetzt von Jahr zu Jahr mehr, während si