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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-06-21 · Heft 25 (21.6.1907) · p. Seite 300

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 25 (21.6.1907)
Date
1907-06-21
Page
Seite 300 (sequence 12)
Language
German
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Colberg bewohne, eigentlich nur mit der Wirtin teile, nachgezogen, um ihr noch nützlicher werden zu können. Er habe ihre Erziehung, ihr Wissen bereichert, sei ihr Lehrer, ihr Bildner geworden. Dankbar erkenne sie an, wieviel sie ihm schulde, wie geduldig, wie freundlich er sie unterrichte, sie stütze und leite. „So lernte ich ihn lieben," schloß sie weinend, „mehr als mich selbst! Ach, wir sind so glücklich gewesen — so glücklich — bis jetzt — mein Herr, mein Herr, lassen Sie es uns, dieses Glück — trennen Sie uns nicht — es würde ihn doch auch elend machen; er liebt mich ja!" „Und was soll denn nun daraus werden, mein Kind?" „Nun," sagte sie rasch, mit reizender Naivität zu ihm aufschauend, „wir wollen uns doch — heiraten!" «Fortsetzung folgt.) Kabbi Manalle kohen? Von Börries, Freiherrn von Münchhausen. der hohen Schule zu Prag sitzt Einer, Wer stillt ihm die Sehnsucht nach Weisheit? Keiner! Er sucht seinen Gott in der Schrift irgendwo, Findet er Gott in der Schrift? — Nirgendwo! In der Rabbischule zu Prag ist ein Sumrnen, Halb Singen, halb Sprechen und jähes Verstummen, Halacha, Hagada von früh bis spät, Und in ewigem Schaukeln ein ewig Gebet. — In der Schule zu Prag loschen lange die Lichter, Die Moldaunebel brau'n dichter und dichter, Einer sucht sich selber bei Sonne und Licht, — Findet er sich selber? Er findet sich nicht! „Ach hätt ich die Flügel der Rosse vom Wagen, Der flackernd gen Himmel Elijah getragen, Ich rauschte zu dem, der im Dornbusch brennt, Des Namen die Rolle der Thora nicht kennt. Ich taucht in die Tiefen, die Saul sich erschlossen, Draus quellend der Strom alles Lebens geflossen, Ich folge des Stroms unterirdischem Lauf Und die ewigen Türen, mir springen sie auf!" In der Rabbischule zu Prag ist ein Sumrnen, Halb Singen, halb Sprechen und jähes Verstummen, Eine Stimme, pie fehlt — und doch schweigt sie nicht, Sie schrie nur zu laut nach dem ewigen Licht! — Vom Stamme der Priester Manasse Kohen Ist in die weiten Länder geflohen, Was soll ihm sein Adel! Er lacht und spricht: „Gesetz und Gebet, — was! Ich glaub ihnen nicht!" Die Leidenschaften, wie große Winde, Gehn über sein Herz in Schuld und Sünde, Er taucht in das Leben — und fand es so tief, Und so schlammig das Bett, darinnen es schlief. Und fand überm Strom doch die ewigen Stege, Und fand in der Sünde nach oben die Wege, Und fand sich selber, — doch als er sich sah, Wie der Schnee war die Locke der Schläfen ihm da. — Der große Rabbi Manasse Kohen Lebt wieder in Prag, draus einst er geflohen. Hochgieblig und finster ein dunkeles Haus, Da gehen viele Leute ein und aus. J) Mit Erlaubnis des Dichters aus seinen eben erschienenen Balladen <Goslar, Lattmann) abgedruckt. Und wer einen Sohn in der Fremde verloren, Und wer verzweifelt an allen Doktoren, Und wer an heimlichen Feuern verglüht, Und wer an den ewigen Fragen sich müht, Sie alle kommen und fragen und klagen, Und der große Rabbi muß Antwort sagen, Seine Weisheit ist mächtig, sein Ruf geht weit, Heut klagt ihm das Volk sein letztes Leid! „Wir fingen die Hexe, von der sie sagen, Sie hätte die Sünde nach Böhmen getragen, Sie saß und spann tief drinnen im Wald, Spinnweben umwoben und wunderalt. Nun gib, großer Rabbi, gib du uns den Segen, Wir wollen sie weich in die Moldau legön, Die Spindelhexe, die Gift nur gebraut Und Liebestränke für Knaben und Braut!" Da tritt zum Altane Rabbi Manasse Und sieht hinab auf die tobende Gasse, Und hebt seine Hand — da schweigt es,— und spricht: „Ihr habt die Hände der Richtenden nicht! Und hat sie die Leidenschaft in euch entzündet, — Habt ihr denn den Fluch ihrer Tränke ergründet? Wer von euch hat niemals nach Liebe begehrt, Wen hat nicht die Liebe erst leben gelehrt?! Gab Leidenschaft nicht euren Zielen die Weiten, Gab sie euch nicht Götter in Stürmen und Streiten, Gab Weibern das Kind und gab Männern den Stab! Und wißt ihr vielleicht, was sie mir einnlal gab?" Ein Schweigen rings, und dann wie ein Raunen, Ein Stoßen und Gehen, ein Zögern und Staunen, Fort schleicht sich die Alte, ihr Fluch losch aus, Und der große Rabbi geht ernst ins Haus. Litersrilchr Mitteilungen. Kroner, H. Ein Beitrag zur Geschichte der Medizin des XU. Jahrhunderts, an der Hand zweier medizinischer Abhandlungen des Maimonides dargestellt und kritisch beleuchtet. Selbstverlag des Verfassers. Preis 5 Mark. Wer wüßte nichts von dem berühmten Rabbi Mose ben Maimon, dem großen Theologen und Philosophen zu berichten? Eine Unkenntnis dieses Mannes und seiner diesbezüglichen hervorragenden Werke dürfte einen wahren Bildungsmangel bei jedem denkenden Juden bedeuten. Anders steht es aber mit der Kenntnis der medizinischen Bedeutung des am Hofe des Sultans Salah-ed-Din zu Kairo praktizierenden Arztes Maimonides hier dürften nur wenige unter uns zu den näher Eingeweihten zu rechnen sein. Um so größeren Dank müssen wir deshalb dem wagemutigen Verfasser der neuesten Edition zweier medizinischer Abhandlungen des Maimonides zollen, der die ärztliche Tätigkeit jenes Großen vor aller Augen zu einer greifbaren Klarheit gebracht hat. Aber nicht nur der große Arzt und seine wissenschaftlichen Vorbilder, auch seine Zeit und der ihr eigene naive Zeitgeist, die Lebens- und Liebesbedürfnisse der Sultane und Veziere, die Faune und Flora jener südländischen Gefilde, besonders die reichgesegnete Gewürzwelt Arabiens, tritt uns in frischen, lebensvollen Farben entgegen. Dabei hat es Kroner in höchst anerkennenswerter Weise nicht verfehlt, uns Maimonides im Gesamtbilde seines universellen Denkens zu zeigen und den inneren Zusammenhang zwischen dem Arzte und dem Religionsgelehrten überall nachzuweisen. Diese glückliche Verquickung muß als ein unschätzbarer Vorzug der Arbeit Kroners hingestellt werden. Möchte daher dem Verfasser ein reicher Dank aus weiten Kreisen erblühen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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