Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1907)
- Date
- 1907-06-21
- Page
- Seite 299 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Froh, ihre Bewegung verbergen zu können, war sie hinansgeeilt. In wenigen Minuten kehrte sie zurück mit einem Teebrett, auf dem eine gefüllte Karaffe, Glas und ein Fläschchen Himbeersaft standen. Mit anscheinender Unbefangenheit mischte sie selbst gewandt den kühlen Trank und präsentierte ihn freundlich. Trotz aller Mühe aber, sich zu beherrschen, zuckte es nervös um ihre Mundwinkel und die Hände bebten leise. Als Rüben sich erfrischt, und nachdenkend, wie er sie am besten ausforschen könnte, irr seinem Geiste verschiedene Fragen zurecht gelegt hatte, kam sie ihm, unfähig die eigene Qual der Ungewißheit länger zu meistern, mit solchen zuvor: „Hat Ihr plötzlicher Besuch eine unangenehme Ursache? Bringen Sie schlechte Nachrichten, mein Herr?" „Ich erhielt sie von ihm — vielmehr über ihn, deshalb kam ich und — „Schlechtes über ihn?" fragte sie und sah ihn mit großen Augen ängstlich an. „Was denn?" „Hören Sie mich an, Mademoiselle, ich habe eine Bitte, vielleicht können Sie helfen. Ich sehe ja, Sie nehmen Teil an meinem Sohne! Das freut mich, freut mich aufrichtig; denn obgleich ich sein Vater bin, so darf ich doch sagen, er verdient es, er ist ein guter Mensch." Sie nickte lebhaft, stumm, ungewiß, wo er hinaus wollte. „Wollen Sie ihm einen Dienst erweisen, Mademoiselle, einen wirklichen Dienst?" „Wenn ich kann, von ganzem Herzen," entgegnete sie beklommen. „Sie kennen meines Sohnes Leben hier, seine Erlebnisse, fein ganzes Tun und Treiben?" „Ja. Er sagt mir alles." „Sind seine Vertraute also?" „Ja," sagte sie errötend, leise. „Er hat Vertrauen zu mir." „Darf ich es auch haben, Mademoiselle?" fragte Rüben ernst. „Wollen Sie aufrichtig gegen mich sein und das, was ich jetzt sage, gegen jedermann geheim halten, auch gegen ihn?" „Sein Vater wird nichts Unrechtes verlangen — ja denn, ja!" „Wissen Sie, daß mein Sohn eine Liebste hat, seit lange schon, und daß er es mir verheimlichte?" „Ja," sagte sie tonlos. „Das weiß ich." „Kennen Sie das Mädchen?" fragte er dringend. „Ja." Sie hauchte es fast. „So wissen Sie auch, daß sie eine Dirne ist, eine Nichtswürdige, die ihn in ihren schändlichen Netzen gefangen, um ihn zu verführen, ihn seinem Vater, seinem Glauben abwendig zu machen?" Er hatte, in steigender Erregung sprechend, sich erhoben und schaute nun mit zornig flammenden Augen in die ihren. „Allmächtiger Gott! Nein, das ist nicht wahr!" rief sie, obwohl totenbleich, ihnen mutig stand haltend. „Wer sagt das?" „Ich weiß es aus zuverlässiger Quelle, darum habe ich, bekümmert und in Sorge, mich aufgemacht, ihn zu retten, zu befreien. Und nun, liebe Mademoiselle, wenn Sie es trotzdem anders, wenn Sie es besser wissen, so bitte ich Sie instäudigst, mir die Wahrheit, die volle Wahrheit zu sagen. Es gilt das Lebensglück meines Sohnes! Sie wissen nicht, wieviel bei ihm auf dem Spiele steht. Wer ist das Mädchen?" Sie hatte sich abgewendet und Rüben sah ihren Busen ungestüm sich heben und senken. „Verbergen Sie mir es nicht, mein Kind! Glauben Sie doch, daß ich, sein Vater, nur sein Bestes will. Vertrauen Sie auch mir!" „Sie ist ... . sie ist ... . sie ist nicht, was sie glauben," begann sie endlich mit bebender Stimme. „Das Mädchen, das er liebt, es ist ein einfaches, armes, aber ehrenhaftes Mädchen," fuhr sie sicherer fort, „ein Mädchen, das auch ihn liebt mit aller Kraft ihrer Seele, mit der Dankbarkeit und grenzenlosen Hingebung eines Herzens, dem er in seiner unerfahrenen, freudlosen Verlassenheit Schützer, Führer, Lehrer, mehr noch, dem er Trost, Hilfe, Glück und Licht geworden! Ich, ich bin es selbst, das arme, nun so reiche Mädchen, das er beseligt mit seiner Liebe, der Zärtlichkeit eines edlen, großmütigen Herzens. Ich liebe ihn, ja,, ich liebe ihn und bin bereit zu jedem Opfer, das sein Vater fordern mag — nur nicht zur Trennung — nicht Trennung! Nehmen Sie ihn mir nicht — o nehmen Sie mir ihn nicht, den teuren, den teuren — den einzigen Freund!" Sie hattemit zunehmender Leidenschaft gesprochen, und übern,annt von der Macht ihrer Gefühle war sie auf die Knie zu seinen Füßen niedergeglitten, vergeblich versuchend, der Tränen Herr zu werden, die unaufhaltsam zwischen den Fingern der das Gesicht verbergenden Hände hervorrieselten. Rubens maßlose Ueberraschung während ihres Geständnisses war allmählich der Rührung gewichen. Das also war des Rätsels Lösung, das! Sie selbst, sie selbst war die Gefürchtete! Und etwas wie Vatergefühle regten sich für sie in seiner Brust. Sie schien ihm in der Tat sehr des Schutzes, der Hilfe bedürftig, hier in ihrer demütigen, wehrlosen, vertrauenden Weiblichkeit; und er sollte ihn ihr rauben! „Stehen Sie auf, mein Kind," sagte er weich, ihre Hände fassend, sie emporzuziehen. „Die Sache ist schlimm genug, wenn auch. Gott sei Dank, nicht so arg, wie ich glaubte. Kommen Sie, setzen Sie sich her zu mir und lassen Sie uns vernünftig und ruhig darüber reden." Sie tat wie er befohlen und saß ihm gegenüber mit gesenkten, verweinten Augen, aus denen noch einzelne Tropfen niederfielen ans die verschlungenen, leise bebenden Hände. Sie dauerte ihn unbeschreiblich und doch mußte er ihr wehe tun, sehr wehe. „Sie kennen Julius schon lange, nicht wahr?" begann er vorsichtig, ihr Zeit lassen wollend, sich zu sammeln. Sie nickte still. „Erzählen Sie mir doch, liebes Kind, wie das gekommen!" Und sie erzählte ihm die einfache, die rührende Geschichte ihrer Liebe. Sie entstamme einer ehrenhaften, gut bürgerlichen Familie. Des Vaters Tod habe sie brotlos gemacht. Eine Waise, sei sie nach Berlin gekommen, einen Unterhalt zu suchen, weil die kleine schlesische Stadt, ihre Heimat, zu wenig Gelegenheit geboten zu befferem Erwerb. Längere Zeit vergeblich sich mühend, um, ohne Zeugnisse, ohne Empfehlungen, eine Familienstellung zu finden, habe sie endlich, da sie von Hause aus geschickt mit der Nadel und seiner Näherei gewesen, froh sein müssen, für ein größeres Wäschegeschäft dauernde Beschäftigung zu erhalten. Dasselbe befände sich zufällig in demselben Hause des Bankgeschäfts, in dem sein Sohn angestellt sei. Man wäre sich ab und zu auf Flur und Treppe begegnet, wenn sie gekommen, Arbeit holen oder abzuliefern. Er sei ihr behilflich gewesen, habe ihr, wenn sie Pakete gehabt, die Tür geöffnet usw. Das sei öfter geschehen, sie habe gedankt, ein Wort habe dann das andere gegeben; so wären sie bekannt geworden. Er habe sie. heimgeleitet, wenn sie sich gerade bei Geschäftsschluß begegnet wären und schließlich sei er ihr, die ein kleines Hinterstübchen bei der Witwe