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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-06-21 · Heft 25 (21.6.1907) · p. Seite 298

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 25 (21.6.1907)
Date
1907-06-21
Page
Seite 298 (sequence 10)
Language
German
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Gattimgsbewußtseins zurück. Und ähnlich wie Descartes dem ontologischen Gottesbeweis Anselm von Canterburys die Wendung hinzugesügt hat: ein allerrealstes Wesen können wiruns nicht bloß vorstellen, sondern wir müssen es uns denken, so daß das Dasein Gottes auf die Notwendigkeit des menschlichen Gattungsbewußtseins gegründet wird, ganz ebenso halten wir Feuerbach entgegen: DerProzeß der verdoPPeltenHinausprojizierung derJcheinheit von innen in eine Gotteinheit nach außen ist kein Zufallsspiel, kein Willkürprodukt, kein geschichtliches Faktum, das auch anders hätte ausfallen können, sondern ein logischer Zwang, eine Gedankennötigung, eine unabweisbare Schlußfolgerung aus gegebenen Prämissen. Der Mensch verdoppelt sich notwendig und unwiderstehlich; er verdoppelt sich in seinen höchsten Verallgemeinerungen wie in seinem Weltbegriff, so in seinem Gottesbegriff. Der Mensch errichtet mit seinem Geiste die Konstitution des Universums und muß sich das Weltimperium einheitlich denken, weil er sich logisch genötigt sieht, die Jcheinheit, die Ordnung in seinem Kopfe schafft, auf eine Gotteinheit zu übertragen, die Ordnung ins ganze Universum bringt. Der Gottesbegriff bringt die Abstraktionsfähigkeit des Menschen zum höchsten, unüberbietbaren und eben darum abschließenden Ausdruck. Daß alle Völker zu einer Logik drängen, aber auch alle reiferen Kulturshsteme bei geläuterter Einsicht immer wieder auf einen letzten Einheitsgrund stoßen, mögen sie ihn Gott, Substanz oder Natur nennen, das ist kein beliebiger Vorgang, den man willkürlich hätte ausschalten können. Das ist vielmehr ein unentrinnbarer Denkzwang, ein logisches Fatuni, das sich in der Geschichte stufenweise offenbart, so daß Denkreife ihm aus die Dauer gar nicht entfliehen können. Der Einheitstrieb des Menschen drängt unaufhaltsam zur unbedingten Vereinheitlichung des Weltengrundes oder Gottes. Gott kann nicht bloß, er muß gedacht werden, weil wir die Pyramide der Gesetze und Zwecke in der Welt notgedrungen auf einen obersten Einheitspunkt oder ein oberstes Ordnungsprinzip — Gott genannt — beziehen müssen. Dieser Monismus ist der tiefste Sinn nicht bloß der historischen Religionensondern auch das letzte Wort der Logik. Die Seinsnotwendigkeit Gottes hat ihre unumstößliche Gewißheit, ihre logische Bürgschaft in seiner Denknotwendigkeit. Denn nur das, was wir allesamt und zwar unausweichlich — nicht als Individuen, sondern als menschliche Gattungsexemplare — denken müssen, das bedeutet für uns die oberste Wahrheit. Sein heißt: notwendig Gedachtwerden. Mit den Sinnen sehen wir die wandelbare Außenwelt, mit dem Verstände (nicht mit Gefühl und Willen) erfassen wir den unwandelbaren Wesenskern der Welt: Gott. Sich zu Gott bekennen bedeutet also, in erkenntnistheoretischer Beleuchtung gesehen, nichts anderes, als ewige Wahrheiten anerkennen, die Mathematik der Natur begreifen, die Gesetze der Logik respektieren! Versöhnung. Von M. Herzberg. VI. t*eUlLLet70fr n dem einzigen, geöffneten Fenster des einfach möblierteir, aber hellen, sonnigen Zimmers saß eine Dame. Eine Anzahl zusammengerollter Strümpfe lag neben ihr aus dem Fensterbrett, ein anderer, noch der Ausbesserung harrender, auf ihrem Schoße.' Auf die linke Hand hatte sie eine Socke gezogen und war singend dabei, ein Loch zu stopfen. Rubens Eintritt ließ sie überrascht aufblicken - jäh ab brach der Gesang, und, schlangengleich, in drolligen Windungen, purzelten die Strünipfe alle zu Boden. Lachend und errötend raffte sie sie auf und stand nun, noch in halber Verlegenheit über die komische Situation, dem Fremden gegenüber. Wie hübsch sie die Röte kleidete! Ein anmutiges, von dunkelbraunen Locken umwalltes junges Gesicht niit klaren, großpupilligen, graublauen, von dichten schwarzen Wimpern umsäumten Augen. Ein Latzschürzchen gab der ganzen lieblichen Erscheinung den Anstrich der Häuslichkeit, so daß Rüben, dies in Verbindung bringend mit ihrer Beschäftigung in des Sohnes Zimmer, sie für die Tochter der Wirtin halten mußte. Er betrachtete sie mit Wohlgefallen. „Wohnt hier nicht Herr Julius Herz?" fragte er grüßend und näher tretend. „Jawohl, mein Herr. Er ist aber nicht zu Hause, ist im Geschäft." Rüben sah nach der Uhr: Elf. „Kommt er vor Tisch nach Hause?" fragte er dann. „Nicht immer. Und wenn auch, es würde doch noch eine Weile dauern. Vielleicht bemühen Sie sich nach dem Kontor; ich kann Ihne» auch sagen, wo er speist, falls Sie ihn dort zu treffen wünschen?" Sie hatte währenddessen die Strümpfe zusammengepackt und sie sauber in den offenstehenden Kommodenschub geräumt; sie schien so ganz zu Hause und über Julius Gewohnheiten so gut orientiert, daß Rüben in seiner Annahme, die Tochter der Wirtin vor sich zu haben, bestärkt wurde. Seiner Sache sicher, fragte er sie direkt: „Sie sind wohl die Tochter der Wirtin, Mademoiselle?" „Nein," sagte sie errötend. „Nichte?" Sie machte eine ungewiffe Bewegung, halb zusagend, halb zweifelhaft. Rüben deutete sie als Bejahung. Diese kleine Schönheit könnte Julius gefährlich werden, wenn die schlimmere Rivalin nicht wäre, dachte er. „Wenn Sie erlauben, warte ich hier vorläufig; ich kann ja immer noch zu ihm gehen, wenn er nicht kommen sollte." „Nehmen Sie, bitte, Platz." Sie schob einen Stuhl zurecht. Im Begriff, das Zimmer zu verlassen, schien ihr etwas - einzufallen. Sie musterte Rulben aufmerksam und fragte plötzlich impulsiv: „Wenn es sich um Wichtiges handelt, mein Herr, könnte man Herrn Julius vielleicht auf einen Augenblick herüberrufen laffeu; das Kontor ist ganz in der Nähe, Veit & Co. an der Neuen Promenade." „N—nein," antwortete Herz zögernd. Wie gut sie Bescheid wußte; sie wäre vielleicht auch imstande, ihm Auskunft zu erteilen über die verdächtige Geliebte. Es käme auf den Versuch an! „Nein!" wiederholte er laut. „Es möchte ihn zu sehr erschrecken; denn er erwartet mich gar nicht. Ich bin ganz plötzlich angekommen — ich — ich bin nämlich sein Vater — wenn Sie das nicht schon erraten haben —" Nein, das hatte sie nicht! Gott, wie sie erschrak! Ein auffallendes, tödliches Entsetzen breitete sich über ihr Gesicht, die Farbe wich, sie wurde weiß bis an die Lippen; ein Zittern durchlief sie so heftig, daß sie haltlos sich an die Türe lehnen mußte, deren Griff sie noch hielt. Sie hat ein böses Gewiffen, ist Mitwisserin sicher, vielleicht Vermittlerin, dachte Rüben. Also ist doch Wahres an Saras Worten! Sein Verdacht, seine Befürchtung kehrte doppelt schwer zurück. Was würde er erfahren! Er sah das Schlimmste und es wurde ihm selbst schwül und matt. Er bat sie um ein Glas Wasser und lehnte sich schwer in den Stuhl zurück.

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