Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1907)
- Date
- 1907-06-21
- Page
- Seite 297 (sequence 9)
- Language
- German
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Naturgesetze aus ein einziges oberstes Ordnungsprinzip zurück: das Gesetz von der Erhaltung der Kraft. Die Philosophen streben den Nachweis an, daß alle Wissenschaften, die Naturwissenschaften ebenso wie die Geistes- oder Kulturwissenschaften, ein einheitliches System darstellen. Die Astrophysiker lehren uns, daß im ganzen Planetensystem genau dieselben Kräfte wirksam und Gesetze gültig sind wie auf unseren! eignen Planeten. Den Zug nach Vereinheitlichung haben sogar die sozialen und politischen Einrichtungen genleinsam. Aus tausend und abertausend Symptomen läßt sich dieser unwiderstehliche Zug zur Einheit geschichtlich aufdecken. Die Logik der Geschichte verkündet uns das prophetische Wort: Die Menschheit will eins werden! Woher stammt nun dieser untilgbare Einheitstrieb der Menschennatur, der allüberall an Stelle der sichtbaren Vielheit eine gedankliche Einheit setzt? Es ist immer der gleiche Prozeß der subsumierenden Ordnung, d. h. des Unterordnens der Vielheit von Merkmalen unter die hinzugedachte Einheit des Trägers dieser Merkmale, und je höher der Menschengeist sich entwickelt, desto vollkommener ist in ihm die Fähigkeit ausgebildet, zu subsumieren, zu generalisieren, zu abstrahieren. Was ist diese unter Kulturmenschen sich täglich immer schärfer ausarbeitende Fähigkeit andres als virtuoses Vereinheitlichen? Wo das Auge eine kaum übersehbare Vielheit von Gegenständen sieht, da schiebt der Verstand die Einheit des Begriffs unter. Abstrakt denken, heißt in der Sprache des gesunden Menschenverstandes nichts weiter als kunstgerecht vereinheitlichen, die Mannigfaltigkeit der Eindrücke in der Erfahrung vermittels unsrer Verstandesfunktionen zur Einheit des diese Vielheit bannenden Begriffs zu verdichten. Dieses vereinheitlichende Bedürfnis gehört zur menschlichen Grundnatur. Es bleibe dahingestellt, ob diese „transzendentale Einheit der Apperzeption", wie sie Kant genannt hat, von Ewigkeit her als Wiegengeschenk der Natur uns Menschen a priori anhaftet, oder ob sie nur auf dem Wege der Vererbung als erworbene Eigenschaft eines mechanisch gewordenen Assoziationszwanges unfern- Hirnrinde zu deuten ist, wie Spencer in, Sinne Humes diese Theorie ausgebaut hat. Auch an eine dritte Möglichkeit, die neuerdings Mach und Avenarius in die philosophische Debatte geworfen haben, dürfte zu denken sein, daß nämlich dieser Einheitstrieb nur Ausfluß einer Denkökonomie ist, die ihrerseits wieder einen Spezialfall des Weltgesetzes vom kleinsten Kraftmaß darstellt. Alle diese Deutungen gehen indes nur den seelischen Ursprung dieses Vereinheitlichungsdranges an, nicht aber seinen Geltungsbereich. Dieser Einheitstrieb, der in der Naturwissenschaft zur Einheit des Weltgesetzes in der Energetik unserer Tage, in der Geschichte zur politischen Einheit führender nationalen Staaten, in der Philosophie zum Substanzbegriff oder zu einem System vollkommen vereinheitlichter Erkenntnis, in der Religion endlich zu einem Gott geführt hat, ist eine unleugbare Tatsache des gesamt-menschlichen Bewußtseins, gleichviel welche Ursache, welcher seelische Ursprung dieser Tatsache zugrunde liegen mag. Mit dieser Tatsache des metaphysischen Bedürfniffes, des Vereinheitlichungsstrebens haben wir unbedingt zu rechnen, denn diesem obersten Ordnungsprinzip der Vereinheitlichung verdanken wir wie alle Wissenschaft, so alle Kultur überhaupt. Was wir aber genötigt sind, uns als real und objektiv vorzustellen, sagt eininal der Religionsphilosoph Lipsius, das ist für uns die Wahrheit; eine andere Wahrheit, die nicht für uns wäre, bleibt eine leere Verstandesklügelei, ein Schatten und Schemen. Jede Wahrheit, auch die logische, und diese zu alleroberst, ist eine Wahrheit für uns. Esse est p ercipi, heißt es seit Berkeley. Eine Wahrheit, die nur für einen Menschen gilt, nennen wir individuell-subjektiv; eine Wahrheit aber, die für die ganze Gattung gilt, ist generell-subjektiv oder eine logische Wahrheit. Auch die „ewigen Wahrheiten" in Logik und Mathematik sind solchergestalt generell-subjektiv; denn siegelten nicht willkürlich für ein Individuum, sondern notwendig für alle Lebewesen, die sich derselben logischen Funktion bedienen. Die einzelne Erfahrung gilt daher nur für das Individuum, die ewige Wahrheit gilt für die Gattung oder das gesamt-menschliche Bewußtsein, das, wie wir wissen, nur eine Logik hat. Dieses Generell-Subjektive füllt nach alledem mit dem zusammen, was man logisch-objektiv zu nennen'pflegt. Objektive Wahrheit ist daher eine solche Wahrheit, die dem Belieben des Individuums entrückt ist, da sie bindende Gültigkeit für die ganze menschliche Gattung besitzt. Mag Feuerbach auch im Rechte sein, daß alle Gottesbegriffe, also auch der monotheistische, einer Verdoppelung und Hinausprojizierung des menschlichen Ich ihr psychologisches Dasein danken, so schreckt uns diese Deutung nicht im geringsten. Wir geben zu: die Jcheinheit, die der Mensch in seinem eigenen Bewußtsein als zusammensassende Einheit der Myriaden von Eindrücken empfindet, einerlei, ob mit logischem Recht, wie Kant behauptet, oder zu Unrecht, wie Hume darzutun versucht, ist das ewige Modell der Einheit Gottes. Projizieren wir nämlich unser unaufgebbares Ordnungsprinzip nach innen, so entsteht das Ichbewußtsein; projizieren wir es nach außen, so entsteht das Gottesbewußtsein. Der Quell der Welt, heiße dieser Natur oder Gott, ist für uns Menschen immer ein Widerschein unseres Selbst. Immer ist es die als ruhend angenommene Einheit unseres Ich, die wir der hypostasierten Einheit des Außen, des Weltengrundes oder Gottes leihen. Wie sich, nach innen gesehen, die Millionen von Empfindungen, die jeder Mensch in sich erlebt, verhalten zur Einheit seines Ich, das alle diese Empfindungen verarbeitet und bewältigt, so verhalten sich die Trillionen außerhalb des menschlichen Bewußtseins liegenden Gegenstände zur Einheit des Universums oder Gottes. Dieser Aufstieg des menschlichen Bewußtseins von der Wirklichkeit zur Wahrheit, von der Tatsächlichkeit zur Ursächlichkeit, von der Zufälligkeit zur Notwendigkeit, von der Mannigfaltigkeit der sinnfälligen Eindrücke zur vereinheitlichten logischen Funktion, des Verstandes, kurz von den einander scheinbar widersprechenden Tatsachen zu ihren letzten logischen Beziehungen und ver borgenen Beweggründen, das ist ein offenbarer logischer Zwang des menschlichen Gattnngsbewußtseins, der auch dann noch bestehen bleibt, wenn man selbst mit Huure anzunehmen gewillt ist, daß dieser seelische Zwang seinem Ursprünge nach ein Produkt der Gewohnheit und der Assoziationsgesetze ist, wie Spencer uns begreiflich zu machen sucht. Der Zwang ist da; er ist ein Faktum von unaufhebbarer Geltung. Aus diesem Zwange erklärt es sich, daß und warum die Einheitstendenz aller Wissenschaft, aller Religion und Philosophie so sehr im Blute steckt, daß der Monismus eine logische Denkforderung geworden ist, in der sich die großen Religionstypen und Philosophiesysteme so vielfach begegnen. Der 0onseosu8 gentium in bezug auf eine monistische Erklärung »nag wohl an sich keine Beweiskraft besitzen, aber er gewinnt Bedeutung, wenn er auf logische Wurzeln zurückdeutet. Deshalb sind die großen Religionsschöpfer lind Systembildner in den Hauptzügen übereinstimmend zu einer Substanz oder zu einem Gott gelangt, weil diese Einheitsdeutung als notwendige Selbstverdoppelung der Jcheinheit in der regelrechten logischen Entwicklungslinie des menschlichen Gattungsbewüßtseins liegt. Die historische Kontinuität von Fetischismus und Polytheismus zum Monotheismus weist letzten Endes aus eine logische Kontinuität in der einheitlichen Entwicklung des menschlichen