Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1907)
- Date
- 1907-06-21
- Page
- Seite 296 (sequence 8)
- Language
- German
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mit der Kultur fortschreitende Geschlecht diese Barriere häufig übersprang, so wachte doch die argwöhnische Orthodoxie darüber, daß diese nicht niedergerissen wurde, und so besteht noch die befremdliche Erscheinung der ganzen Ursprünglichkeit des Glaubens inmitten einer alles nivellierenden Kultur. Als einzige Tätigkeit und Erwerbsquelle verblieb den Juden der Handel, der von der Kirche gehaßt ward. Darin erreichten sie eine große Gewandtheit und einige von ihnen gelangten zu großen Reichtümern, die wieder den Haß und ' den Neid der Mächtigen und des Pöbels anregten und zu den blutigsten Verfolgungen führten." Es folgt nun weiter eine Schilderung der bekannten Leider: der Juden im Mittelalter. Darauf, zur Neuzeit übergehend, führt der Verfasser fort: „Mit dem Erwachen der Völker und der Abschüttelung der Despotie des Staates und der Kirche erhielten auch die Juden durch die konstitutionelle Verfassung bürgerliche Rechte und Gleichstellung. Ist diese auch nicht gerade überall ganz strikt' rrnd ehrlich ausgeführt worden, so erlangten doch die im' Daseinskämpfe besonders gestählten Juden eine Vorzugs-' stellung, indem sie in Handel und Wissenschaft hervorragten und eine im Verhältnis zu ihrer Minderzahl bessere Klasse abgabcn. Dies regte wieder den alten Haß und den Neid an. Die Folgen der wirtschaftlichen Uebertreibung und die Sünden der Ueberkultur wurden den Juden in die Schuhe' geschoben, gerade wie im Mittelalter ihnen die Pest und alle politischen und sozialen Uebel zur Last gelegt wurden. Eine Bewegung, der Antisenritismus genannt, gestützt auf - die Theorien der zerfahrenen Wissenschaft, die die Superiorität der kaukasischen, respektive arischen Rasse gegen-" über allen anderen Völkerschaften und Rassen verteidigt, griff besonders im hochgebildeten Deutschland Platz und eröffnete den Kampf mit Vehemenz. Ihre eigene Geschichte sollte sie doch von der Unsinnigkeit und Phrase dieser Lehre hinlänglich; überzeugen. Und nun unser eigenes Beispiel, das ja überzeugend die ganze Hinfälligkeit der kaukasischen Ueberlegen-' heit beweist. Doch diesen von Jnteressensucht und Neid verblendeten Fanatikern ist schwer Vernunft zu predigen. Ihrer Agitation ist es zu danken, daß der alte Judenhaß wieder erwachte, der mittelalterliche Greuel hervorrief, wie in dem barbarischen Rußland, das unseren Truppen so wenig stand hielt, aber gegen wehrlose Juden tapfer losschlägt und Scheußlichkeiten verübt, derer: sich die rohesten Asiaten schämen würden. Und die gesittete Welt steht mit verschränkten Armen da rind erhebt keinen Einspruch, obgleich sie doch dadurch so stark in Mitleidenschaft gezogen wird, indem ein ungeheures Pro-' letariat die Kulturstaaten überschwemmt und Riesensummen erforderlich sind, dasselbe rrnterzubringen und das namenlose' Elend zu lindern. So weit ist es mit der christlichen Liebe und christlichen Humanität gekommen! Behüte uns der Himmel vor dieser Kultur! Der Schaden, welchen die gesamte Gesittung und Kultur, namentlich Deutschland, durch die schändlichen Umtriebe des Antisemitismus erleidet, ist kaum zu ermessen. Eine Brandfackel ist in die Herzen der jüdischen Intelligenz gefallen und richtet eine wahre geistige Zerstörung da an. Mit eurer an- Schwärmerei grenzenden Verehrung hat sie den deutschen Starrtsgedanken und die Liebe zum deutschen Vaterlands gehegt und gepflegt und an seiner Wohlfahrt und seinen ' Schlachten redlich teilgenommen. Und nun sieht sie sich wiederum auf den Standpurrkt des Parias herabgedrückt und ' zum Aschenbrödel verurteilt . . . Da regt sich der böse Zweifel wieder und Versuche zur Abkehr von einer solchen Gesittung zeigen sich in bedenklicher Weise. Personen der höchsten In telligenz, denen das ehrwürdige Gesetz der Väter nichts mehr galt, die dem Judentum völlig abgestorben waren, sehen wir an der Spitze und im Banne des unmöglichen und knlturwidrigen Nationalismus, der eine Unsumme geistiger und rnaterieller Kraft nutzlos verschlingt und Deutschland seiner besten Mitarbeiter beraubt. Ich schließe dieses Kapitel mit dem Wunsche, daß wir fvrtfahren mögen, uns von der abendländischen Kultur nur dasjenige anzueignen, was uns wahrhaft nützt und uns befähigt, uns vor ihrem Eindringen und der Habgier der Westmächte zu schützen! Banza, Gott erhalte unfern Mikado!" Das logische Fundament des Gotlesbegriffs. Von Dr. Ludwig Stein, Professor an der Universität Bern. > II. ls logische Forderung erscheint mir das Dasein Gottes erst darrrr gerechtfertigt, wenn wir den umgekehrten Weg einschlagen, den uns Feuerbach gewiesen hat. Feuerbach sagt einmal von seinem eigenen Entwicklungsgang: Gott war mein erster, die Welt mein zweiter, der Merrsch ist mein dritter und letzter Gedanke. Deshalb löste sich ihm zuletzt alle Philosophie in Anthropologie auf. Wir werden umgekehrt vom Menschen unseren Ausgangspunkt nehmen, rrm bei Gott als unserem Zielpunkt anzulangen. Der seelische Ursprung der Gottes- und Weltbegrifse aus dem Vermenschlichungsbedürfnis wird auch von uns zugegeben. Auch in unseren Augen schufen sich die Menschen ihre Götter nach ihrem Ebenbilde. Nur sehen wir in diesem psychologischen Prozeß des Gottsuchens und Gottschaffens, der geradlinig emporführt von der anarchischen Willkür des Fetischismus bis zur konstitutionell regierten Universalmonarchie des Monotheismus, keirr wirres Chaos von Meinungen, keinen wilden Haufen von sinnlosen Vermutungen, sondern einen regelrechten Aufstieg, einen in der Weltgeschichte sich verwirklichenden logischen Entwicklungsprozeß. Genau so wie alle Menschen sich ungeachtet der Sprachverschiedenheit zu einer Logik bekennen, ganz ebenso arbeiten sie sich ungeachtet der Bekenntnisverschiedenheit in den Konfessionen zu einem Gott, in der Philosophie zrr einer Substanz empor. Der Aufstieg von Fetischismus, Anirnismus, Totenrismus, Schamanismus, Polytheismus zum Monotheismus ist rrach alledem kein Willkürprozeß, sondern zielsichere, geradlinige, unaufhebbare Entwicklungsrichtung derselbeir einheitlichen Menschennatnr, die alle Menschen trotz Verschiedenheit des Mutes, der Raffe, der Tradition, der Sitte, des Rechts und der Sprache doch letzten Endes zu einer und derselben Logik geführt hat. Das ist der ewige Erziehungsplarr der Geschichte, von dem Lessing, Herder und Schiller sprechen. Die Tendenz zur Vereinheitlichung, das unaufhebbare Streben der Menschennatur nach „vollkommen vereinheitlichter Erkenntnis", entspricht durchaus jenem Kraftersparnissystem der Natur, das uns befiehlt, mit einem Minimum von Arbeit ein Maximum von Ertrag zu gewinnen. Vereinheitlichung ist gleichbedeutend mit Ordnung. Die einzelnen Wiffenschafterr sind nichts andres als Ordnungssysteme, und bringt man unter die einzelnen Wissenschaften selbst wieder eine vereinheit lichende Ordnung hinein, so entsteht das philosophische Weltbild oder System. Die Naturforscher führen darum alle