Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1907)
- Date
- 1907-06-21
- Page
- Seite 295 (sequence 7)
- Language
- German
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verdankt. Er steht bei dem gegenwärtigen Mikado Mutzuhito in hoher Achtung. Nach einer sorgfältigen Erziehung hat er seine Studien an den ersten Universitäten Europas und Amerikas vollendet und sich ein mehr als gewöhnliches Wissen angeeignet. Seine Beobachtungsgabe ist erstaunenswert. Mit einer englischen Jüdin verheiratet, lebt er mit ihr in der glücklichsten Ehe. So hat er auch eine gewisse Vorliebe für das Judentum gefaßt. Im Aufträge seines Souveräns hat er eine Denkschrift über seinen Aufenthalt und seine Beobachtungen in beiden Hemisphären verfaßt, die viele treffliche Gedanken enthält. Ein guter Freund in Tokio, der sich seit einer Reihe von Jahren in Japan aufhält und der japanischen Sprache kundig ist, hat mir diese Geschichte erzählt und mir auch eine Uebersetzung dieser Denkschrift, die im Druck erschienen ist, eingeschickt. UnS interessiert vor allem, was ein Japaner über das Judentum zu sagen weiß, aber auch seine anderen Ansichten können wir nicht übergehen. Unsere Kultur kommt da nicht zum besten weg, wiewohl er die großartigen Errungenschaften auf industriellem, technischem und kommerziellem Gebiete staunend und dankbar anerkennt, da ja auch sein Vaterland denselben so vieles zu verdanken hat. „Was hilft es aber," heißt es an einer Stelle, „wenn diese ganze Menschentätigkeit doch nur auf Befriedigung der Ländergier und einer ungezügelten Geld- und Genußsucht hiuausläuft, wenn die Segnungen der Kultur so wenig sichtbar sind, die Sittlichkeit nicht zu-, sondern abninnnt und das Verbrechen, die Prostitution, das Proletariat und die allgemeine Unzufriedenheit grausig wachsen?" Er beweist dies alles durch statistisches Material aus der Kriminalistik und Zeitgeschichte. Furchtbare Ziffern starren uns hier entgegen von Fällen von Selbstmord, Wahnsinn, Gerichtsszenen, traurigen Familienbildern und Unfällen infolge des rapiden Verkehrs und Betriebes. Schonungslos legt er das soziale Uebel bloß, das der Glanz der Großstädte nur künstlich verhüllt. Ein Schauer erfaßt uns, wenn wir uns in diesem Spiegel erblicken. Mit seiner Verurteilung dieser Zivilisation ist er übrigens, wie er ausführt, durchaus im Einklang mit bahnbrechenden Geistern, mit Rousseau und anderen, die ihre Segnungen längst geleugnet haben. Ueberall gibt sich das Bestreben kund, aus diesem unerträglichen Zustande herauszukommen. Der Anarchismus möchte alles vernichten, der Sozialismus Staat und Gesellschaft, der Naturalismus Kunst und Literatur umgestalten, losgelöst von Autorität und Form. Die besonnenen Geister suchen ihre Idealem anderen Kulturen und Kulten, wie Schopenhauer im Buddhismus, Nietzsche tm Zororastertum, Dühring im Ariertum. Andere verfallen dem Spiritismus oder Okkultismus u. s. f. Kurzum, wohin man blickt — Chaos, Wirrwarr und Unbefriedigung . . . „Ein Arkadien," sagt er, „erscheint da Japan den vielen Reisenden, die dahin kommen und das Land studieren. Alles erregt ihr Erstaunen und ihr Entzücken: Die edle Einfachheit und das Maßvolle aller unserer Verhältnisse, unsere kleine, aber nette Häuslichkeit, ohne Ueberladung mit europäischem Plunder, unsere zierlichen Gartenanlagen, unsere Blumen-, Pfirsiche-, Kirschen- und Pflanmenblütenfeste, unsere Kindererziehung, das anständige Betragen unserer Bevölkerung. Da glaubt er sich in das klassische Zeitalter des Perikles oder ins Quattrocento und Cinquecento der Renaiffance versetzt, die wirklich auch bei uns herrscht, wenn auch nicht so anspruchsvoll und pruukhaft. Wenn ich bedenke, daß dies einmal anders werden kann — durch den Einfluß und den Verkehr der Fremden — dann beschleicht ein wehmütiges Gefühl mein Herz, und ich möchte ihnen den Zugang wehren..." Wir gehen nun zu seinen Auslassungen über das Judentum über und lassen ihn selbst sprechen: „Inmitten der christlichen Länder des Okzidents lebt seit Zerstörung des jüdischen Reiches, also seit bald neunzehnhundert Jahren, das ehrwürdige Volk des Judentums, zur Pariasrolle oder zum Schicksale unserer Aino verdammt. Es will mir fast scheinen, als wenn selbst zivilisierte Völker dem auch im Bienenstaate herrschenden Drang nach Drohnenschlachten folgen und eines verachteten Volksstammes bedürfen, um an ihm ihr Mütchen zu kühlen und ihn zum Prügeljungen und Sündenbock zu machen. So hatten die Spartaner ihre Periöken, die Hellenen die Heloten, die Römer die unterworfenen Sklaven, Christen und Juden, und so haben die Aegypter ihre Fellahs und wir die Aino, oder wie sie früher hießen, Ebisu, d. h. Barbaren. Das waren auch den Griechen alle Fremdenvölker. Fremdenhaß und Fremdenfurcht spielen hierbei in der alten Welt sowohl wie in der neuen die Hauptrolle, trotz der weisen Lehren des Buddha und Christus. Die Juden. sind jedoch keine Aino, keine Heloten, keine Fellahs, sondern ein hochentwickeltes Volk mit einer alten Vergangenheit und haben diese Kultur mit aufbauen helfen. Diese Nation ist zugleich auch die Stammutter des Christentums, dessen Stifter aus ihr hervorging. Gar lieblos handelt die Tochter gegen die Mutter, kann sie aber, doch nicht ausrotten, da sie dadurch das Fundament ihres Glaubens, das die jüdische Bibel bildet, zerstören würde. Im Christentum nämlich hat der petrinische Standpunkt, d. h. das Judenchristentum, nich t der Paulinische des Heidenchristen tums Platz gegriffen. Es stehen sich da noch zwei große Schismen, Katholizismus und Protestantismus, fast feindlich gegenüber. Ein Vergleich mit den bei uns herrschenden Religionsverhältnissen zeigt uns eine merkwürdige Analogie. Der Buddhismus mit seinem feierlichen, phantasievollen Kultus und seinen ehelosen Priestern entspricht dem Katholizismus, während der nüchterne Schintoismus, dessen Priester heiraten, dem Protestantismus gleichkommt. Die höhere, gebildete Gesellschaft ist auch bei uns entweder ganz glaubenslos, oder hängt anderen Kulten nach, dem Konfuzianismus oder Christentum. Ein bedeutender Unterschied ist aber da, daß unsere weise Regierung der Geistlichkeit niemals einen Einfluß auf die Gesetzgebung des Landes eingeräumt hat, und daher sind auch alle die traurigen Folgen sortgeblieben, die die christliche Kultur entstellen. In dieser waren und sind es zuiu Teil noch jetzt Kirche und Staat eins, oder vielmehr Seele und Körper. Was jene anordnet, führt dieser aus. Die Kirche hat zum Fremdenhaß noch den Religionshaß hinzugesellt, indem sie die Juden als die Feinde und Mörder Christi hingestellt hat. Gegen diese ist alles erlaubt. Sie erfand auch das heilige Märchen vom ewigen Juden, Ahasver, der ewig leben und nicht sterben soll, dieweil er Christus, als er nach Golgatha wallte, die Ruhe versagt hat. Daß sie dem, der die Feindesliebe lehrte und seinen Mördern am Kreuze vergab, einen solchen Fluch in den Mund legt, beweist nur, wie unduldsam sie ist und wie sie sich von seiner eigenen Lehre entfernt hat. Das Judentum war also rechtlos und von aller bürgerlichen Tätigkeit ausgeschlossen, in besondere Ghetti eingepfercht. Die erzwungene Isolierung ward zn einer freiwilligen, durch ein strenges Gesetz, den Talmud, geregelten, die jede Vermischung und Auflösung sernhielt. Wenn auch das jüngere,