Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1907)
- Date
- 1907-06-21
- Page
- Seite 292 (sequence 4)
- Language
- German
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292 Er bedauert, nicht in so begeisterter Weise wie sein Vorredner sprechen zu können, denn er soll über Dinge des täglichen Lebens sprechen. Gar oft ist in den letzten Wochen in öffentlichen Versammlungen der Ruf ertönt: „Weg mit diesem Vorstand der jüdischen Gemeinde, weg mit dieser Verwaltung!" Da ist es doch notwendig, daß wir uns darüber klar werden, was die Verwaltung der jüdischen Gemeinde ist und was sie geleistet hat. Zunächst die Zusammensetzung. - Der Gemeindevorstand besteht aus sieben Mitgliedern und drei Stellvertretern, das Repräsentantenkollegium aus 21 Repräsentanten und zehn Stellvertretern. Es sind 20 Kommissionen tätig, in denen nicht weniger als 402 Mitglieder arbeiten. Diese Kommissionen haben in den letzten Jahren sehr erheblich ihre Tätigkeit erweitert und sehr große Dienste der Gemeinde geleistet (Alterversorgungsanstalt, Armenkommission, Krankenhauserweiterung. Friedhofskommission, Baukommission). Auch die innere Verwaltungstätigkeit ist eine sehr verdienstliche, die Vermehrung der Synagogen, Einrichtung der Festgottesdienste, Jugendgottesdienst, zwölf Religionsschulen. Religionsunterricht an höheren und niederen Schulen, Religionsknrse für Lehrer und Lehrerinnen, Einrichtung einer glänzenden Bibliothek. Auf politischem Gebiete hat sich die Gemeindeverwaltung nicht zu betätigen, das ist Sache jedes einzelnen. Wo es erforderlich war, hat sie eingegriffen. Sie hat sich z. B. um Hilfe sür die russischen Juden an die Regierung gewandt. Bezüglich ihrer Stellung zu den Rabbinern ist die Gemeindeverwaltung an Gesetze und Satzungen gebunden, die sorgsam innegehalten worden sind. Der Gemeindeverwaltung ist gar nicht eingesallen, wie es behauptet worden ist, das Rabbinat zu beseitigen; wo ein Rabbinat religionsgesetzlich vorgeschrieben ist, hat die Verwaltung gar kein Recht und keine Macht, dieses Rabbinat zu beseitigen. -Es ist im Augenblick eine recht eigene Sache mit der Frömmigkeit und der Religiosität. Es geht ein eigentümlicher neuer Zug durch die Welt; überall, in Theaterstücken, in Büchern wird über Religion abgeurteilt, alle Welt schreit nach Kirchen, als ob die Welt mit einem Male ganz religiös geworden wäre. Auch bei uns ist eine neue Strömung, auch bei uns will der eine Teil der Religion eine neue Richtung geben. Da sind eine Anzahl junger Herren cuff der Universität gewesen, die haben ihr Judentum recht mutig und recht tapfer verteidigt und auf der Spitze des Rapiers getragen. Manche sind darunter gewesen,denen ihre Religion weiter stand als ihr Stammestum, sie haben sich Juden genannt, weil sie der Rasse nach Juden find, wie sie meinten. Ein guter Teil dieser jungen Herren glaubt jetzt mit ihren spitzen Federn und spitzen Zungen, sei es nn Zeitungen, sei es in Volksversammlungen, wenn es sein muß, auch gegen die anderen sich durchzusetzen und zur Geltung bringen zu können. So ist es denn dazu gekommen, daß ein Streit entstanden ist, der eigentlich nichts mit der Religion zu tun hat, ein „Fall", der gar kein Fall ist. Herr Dr. Cohn ist als Rabbiner angestellt worden, obwohl er Zionist war und obwohl die Verwaltung das wußte. Das mag ein Fehler gewesen sein (vielfaches sehr richtig!). Sie sagen „sehr richtig", aber wenn Sie beim Wählen dabei gewesen wären, so würden sie vielleicht anderer Meinung sein. Es ist das ein Zeichen vorzüglicherTo^leranz. Und die Verwaltung hat weiter angenommen, daß sie sich vor jedem Mißbrauch schützen wird, daß sie den Herrn vor der Anstellung prüfte und sich überzeugte, daß er auf der Kanzel und in der Schule nicht diejenigen Anschauungen vertreten wird, die mein Vorredner in so treffender Weise gekennzeichnet hat. Herr Dr. Cohn hat erklärt, er halte es für selbstverständlich, daß er seine amtliche Tätigkeit nicht dazu benutze, den Zionismus zu fördern; er fühle sich verletzt durch die Annahme, daß ein solcher Mißbrauch der Kanzel oder des Lehramts durch ihn möglich sei. Und was ist geschehen? Zu derselben Zeit hat Herr Dr. Cohn im Falk-Realgymnasium zionistisch gewirkt. Herr Dr. Cohn gibt zu, daß er im Religionsunterricht zu der gleichen Zeit vom Zionismus gesprochen hat; er behauptet nur, es in wissenschaftlicher Weise und im wirtschaftlichen Sinne getan zu haben. Demgegenüber ist es Tatsache, daß ihm der Religionsunterricht zum Schluffe des Semesters entzogen worden ist. Ein Knabe ferner, der sein Schüler im Falk-Realgymnasium war und den er außerdem zur Barmizwah vorbereitet hat, erklärte seinen Eltern, er sei weniger Religionsjude als Stammesjude; an einen Gott außerhalb der Natur glaube er nicht. Er wolle nicht Soldat werden, weil er nicht Deutscher, sondern Jude sei. (Hön hört.) Es will mir scheinen, als ob dies kein Zionismus in wisse: - schaftlicher und wirtschaftlicher Beziehung sei (sehr richtig!). Tie s Ansichten sind erst durch den Einfluß des elterlichen Hauses mühsai i beseitigt worden. Aber auch nach dem Abgang aus dem Gymnastin i ist Dr. Cohn mit den Schülern in Verkehr geblieben. Er hat be i größeren Schülern gesagt, jeder muß von ihnen Schüler ans be i niederen Klassen zu seinen Ideen Heraufziehen. DaS Resultat war, daß sich ungefähr 50 Schüler gegenseitig besprochen haben, nicht mehr mit Christen zu verkehren. (Lei - Haftes hört! hört!) Diese Konventikel haben ja glücklicherwein wieder ausgehört, aber es will mir scheinen, daß das keine Betätigung in wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Beziehung sei. Der zwei e Fall betrifft die Herzl-Rede. Dr. Cohn hatte erklärt, es widersprecl e seiner ganzen Natur, in öffentlichen Versammlungen zu spreche.. Die Verhältnisse könnten sich jedoch auch sür ihn ändern. Eine Ve pflichtung in dem gewünschten Sinne könne man ihm wohl nid t auferlegen. Er versprach aber, nicht öffentlich zionistisch zu Wirker. Als dann die Herzl-Rede angekündigt wurde, hat ihn einer der Voi steher unserer Gemeinde auf die Voraussetzungen seiner Anstellnn i aufmerksam gemacht. Er sagte, er wisse nichts von Voraussetzunge - und hat die Rede gehalten. Nach der Rede sagte er, daß sie kein agitatorisch-zionistische gewesen; von Volksversammlungen sei über' Haupt keine Rede gewesen, sondern nur von öffentlichen Versanuu lungen. Wenn man eine Herzl-Rede hält, wie kann man dan anders reden als im zionistischen und zionistisch-agitatorischen Sinne Das kommt mir so vor, als wenn man auf Windthorst reden will, ohne seine Stellung zum Zentrum zu erwähnen, oder auf Enge: Richter, ohne seiner Parteistellung zu gedenken, oder wenn man aiw Kaiser Friedrich eine Rede halten will und nicht von seinem Ausspruch von der „Schmach des Jahrhunderts" sprechen wollt Wenn Herr Dr. Cohn sagt, ein anderer Rabbiner habe ebenfall über Herzl gesprochen, so ist das bald nach Herzls Tod eine Trauerseier gewesen, und bei dieser hat ein Rabbiwl im Ornat eine Rede gehalten. Das ist ganz etwas anderes. Dc^ dritte war die Unterredung mit dem Direktor Przygode. I-, bringe nur Tatsachen, die unumstößlich feststehen, ich lasse mich ai i Debatten und Diskussionen gar nicht ein, es genügt mir, was Her Dr. Cohn selber zugestanden hat. Er hat gesagt, er sei zunächst Jud und dann erst Deutscher. Alle anderen Juden seien derselben Ansich.. soweit sie sich dessen bewußt seien, wollen sie diesen Standpunkt der tuschen. Ich glaube nicht, daß Sie damit einverstanden sein werde:, daß jemand Ihnen sagt, Sie wollten Ihre Ansicht in einer solche Frage vertuschen. Er hat gesagt, innige Liebe und Treue an da Vaterland ans Herz zu legen, sei jüdisches Gebot; die deutscll Gesinnung könne aber höchstens von dem Geschichtslehrer anerzoge werden. Nun, m. D. u. H., wir alle hängen an unserem Vaterland» wir alle wollen, daß wir nicht bloß von unserem Geschichtslehre: sondern von jedem unserer Lehrer in der Liebe zu unserem Vater land gestärkt und gekräftigt werden. Wir Juden wollen alle, da auch unsere jüdischen Lehrer in die Lage kommen, nicht bloß de: Juden, sondern auch den Christen den Unterricht zu geben. Dr. Cohn beschwerte sich über das Verfahren, das gegen ihn zu: Anwendung kam. Die Anzeige der drei Lehrer gegen ihn sei nich richtig gewesen. Es war aber ihre verfluchte Pflicht und Schuldigkei als Mitglieder des Schuld orst an des, denen derReligionsunterrick untersteht, Anzeige zu machen. In einer Volksversammlung soll ei: Lehrer gesagt haben, er trete im Namen aller beteiligten Lehrer sü Dr. Cohn ein. Der Redner selbst gab zu, nur von mehreren — e wurden dann drei festgestellt — gesprochen zu haben. Von dieser dreien erklärten dann noch zwei, daß sie das Verfahren Dr. Cohn nicht billigten. Es ist also wieder eine Legende zerstört. Dr. Cohn beschwert sich weiter, es fei ihm kein Gehör gegebe worden. Mit dieser Legende verhält es sich genau so, wie mit de früheren. Nicht nur, daß er sich zweimal mit dem Vorstande am gesprochen hat. sondern er hat auch mit 14 von den 28 Herren, di über die Sache zu entscheiden hatten, gesprochen. Alle 14 hat er aus gesucht! Er hat fernereine Verteidigungsschrift verfaßt. Er sagt jetzt es sei eine wissenschaftliche Abhandlung. Wer mir das als Juristen klar machen will, der kommt zu spät. Er beschwert sich, daß Direktor