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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-06-21 · Heft 25 (21.6.1907) · p. Seite 291

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 25 (21.6.1907)
Date
1907-06-21
Page
Seite 291 (sequence 3)
Language
German
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deutschen Juden sind zuerst eingetreten sür die Not und das Elend im deutschen Vaterlande ohne Unterschied des Glaubens. (Beifall.) Sind sie nicht in erster Reihe beteiligt gewesen bei allen Hilfeleistungen der Menschenliebe und Humanität? Wie kommt man dazu, eine Ansicht auszusprechen, die dem Gefühl der deutschen Juden in ihrer überwiegenden Mehrheit widerspricht? (Beifall.) Wenn nun dieses Liebeswerk der Hilfe für unsere t usländischen Glaubensgenossen notwendig ist und wenn einzelne i leinen, daß durch Ansiedlung dieser Glaubensgenossen und durch Errichtung jüdischer Kolonien es möglich ist, ihr Leid zu mildern, so i lache ich denen, die sich damit abgeben, nicht den geringsten Vor-! mrf. Sie laden bloß die Verantwortung auf sich, daß diese Versuche l enen, die es erhoffen, nicht das ersehnte Heil bringen. Wenn diese Gründungen womöglich auch zu einem jüdischen Staat führen sollen, w will ich nicht untersuchen, ob dieses Problem überhaupt gelöst c»erden kann. Es ist mir sehr zweifelhaft. (Zuruf: Sehr richtig!) Uber ich will kein Prophet sein. Ich will die Arbeit derjenigen nicht! ören, die sich damit beschäftigen. Wenn es aber Leute gibt, die behaupten: Wir gehören nicht um deutschen Volke! Wir gehören zum jüdischen Volke! Wir eien keine Deutschen und könnten dies nur nach dem Gesetz sein und - icht nach der Gesinnung, und unsere Liebe sollte einem konstruierten üdischen Volke gehören, so muß ich erklären: Das ist eine Afteri eis heit, von der es gut wäre, daß sie weite Kreise unserer üdischen Volksgenossen nicht befallen möge. Es gibt ja jetzt schon deutsche Juden, die der Meinung sind, wir wären nicht deutsche. sondern Juden, die es erklärlich finden, daß den Anti- ^miten unsere Nase nicht gefällt. (Heiterkeit.) Das ist schon ganz -ntisemitisch. Sie sehen auch in denjenigen immer noch Juden, die irdischer Abstammung sind, selbst wenn sie übergetreten sind, trotz er Taufe. Es ist eine Asterweisheit, zu bestreiten, ein Stamm bestände lickt aus verschiedenen Gliedern. Das spräche aller historischen Entwicklung Hohn. Auch beim deutschen Volke ist das nicht so. Ganz abgesehen von Juden und Polen, sind in Deutschland noch die verchiedensten Stämme vertreten, Slaven, Romanen usw. Sie alle raben sich in dem deutschen Vaterlande zu einem Ganzen vereinigt. Sie sind mit ihrer ganzen Gesinnung und ihrem ganzen Herzen Zeutsch, weit sie deutsch sprechen, irn" deutschen Geiste ernährt sind, putsch denken und deutsch empfinden. Es ist eine ganz rohe Verachtung der geschichtlichen Entwicklung, wenn man glaubt, die Glieder eines Volkes müßten alle derselben Rasse angehören. Ich möchte nur an Berlin erinnern, wo noch viele französische Emigrantenannlien bestehen, die sich unvermischt erhalten haben. Was würden ie sagen, wenn man ihnen erzählen würde, daß sie keine Deutschen, )aß sie Franzosen sind? (Beifall.) Davon kann keine Rede sein. Wir sind, wenn nicht durch Abstammung, so doch durch die Ermldung gemeinsamer Schicksale, durch die süßen Laute derselben Sprache, durch Empfinden, Erziehung und Gefühl Deutsche geworden lud niemand — auch nicht diejenigen, die damit glauben, zu unserem Besten zu handeln — wird imstande sein, uns von dem Boden unseres Baterlandes loszureißen. (Beifall.) Die Sache hat aber noch eine indere Seite. Wenn wir die Gleichberechtigung verlangen, so können vir das nicht tun, weil wir bloß den Gesehen gemäß unsere Pflicht un, sondern weil wir uns als Angehörige dieses großen deutschen Baterlandes fühlen. Wie können wir von dem deutschen Volke 'erlangen, daß Lehrer aus unseren Reihen die Jugend unterveisen, wenn ein Zweifel entstehen kann, ob diese Lehrer geeignet ind, die deutsche Jugend ohne Unterschied des Glaubens zu erziehen? Verfall.) Es gibt Fragen, die auch im Judentum verschiedene Richtungen laben entstehen lassen. Ich weiß das vom Volksschulunterhaltungszesetz her. Hier ist aber nicht der Ort, sich darüber auseinandcr- .usetzen. Aber wenn wir verlangen, daß an den höheren Schulen und Universitäten und an den Akademien Juden -ehren, wenn wir verlangen, daß Juden richten im deutschen Volke, wenn wir verlangen, daß die Verwaltung auch von befähigten und geeigneten Juden geführt wird, wenn wir fordern, daß man auch im Heere allen denjenigen Juden gerecht wird, die befähigt sind, aus diesem Wege dem Vaterlande zu dienen, wie wollen wir solche Forderungen vertreten, wenn ein Zweifel darüber möglich wäre, daß unser Herz dem Vaterlande gehört? (Lebhafter Beifall.) Es wird nicht möglich sein, die Juden aus dem deutschen Volke jemals zu entfernen. Die Juden haben eine große Anhänglichkeit an ihr Vaterland und an ihre Heimat. Das beweist am besten die Tatsache, daß die Nachkommen derjenigen Juden, die vor Jahrhunderten aus Deutschland verdrängt worden sind nach den Ländern des europäischen und asiatischen Ostens, daß diese Juden noch das Deutsch sprechen, das in dem vergangenen Jahrhundert ihrer Verdrängung in Deutschland gesprochen wurde. So rührend haben sie an ihrer deutschen Sprache festgehalten, daß es heute noch Sprachforschern möglich ist, in Rußland, Polen und im Orient aus der Sprache der jetzt dort lebenden Juden nachzuweisen, ob deren Vorfahren einst in Schwaben, in der Pfalz, am Ober- oder Niederrhein wohnten. (Hört! Hört!) Darum sind es müßige Reden, die uns glauben machen wollen, es wäre möglich, unser aller Empfindungen aufzulösen und uns alle nur als Angehörige eines in weiter Ferne existierenden jüdischen Staates und jüdischen Volkes hinzustellen. Wir müssen auch bedenken, daß dieses Gefühl der Juden, das heute besteht, nicht etwa uns durch die Entwicklung in Deutschland überkommen ist. Nein, Treue und Anhänglichkeit an den Staat war stets ein Grundsatz, der den Juden maßgebend war. Die Juden aller Richtungen stehen auf diesem Grundsätze. Selbst die Glaubenslehren der frömmsten Juden stehen nicht in Widerspruch mit der innigsten Liebe zum Vaterlande. Und der Prophet Jeremias hat gleichfalls die Pflicht der Treue zum Vaterlande betont. Darum bleiben wir treu dem Boden, auf dem wjr genährt wurden, dem Vaterlande, unter dessen Schutz wir stehen, bleiben wir treu dem Staate, der geeint worden ist unter der Aegide des Kaisers Wilhelm I., des Fürsten, unter dessen Aegide die Gleichberechtigung aller Konfessionen, als auch der Juden, besiegelt wurde. Bleiben wir treu der Gesinnung, die unsere Vorväter betätigt haben. Lassen Sie uns nicht die Manen der Dahingeschiedenen herausbeschwören, die für das Vaterland und die Glaubensgenossen gelitten und gekämpft haben. Gewiß, es ist schmerzlich, wenn wir hier und da eine Maßnahme sich entwickeln sehen, die uns schmerzt und kränkt, aber wir haben nicht das Recht, mit dem Vaterlande zu hadern und zu schmollen. Wir haben die Pflicht zu sorgen, daß die Grundlagen der Toleranz und Gleichberechtigung zur Wahrheit werden. Wir wollen uns der vielen Mitkämpfer, die wir haben, freuen. Der Antisemitismus ist nur ein Parasit an der Kultur des deutschen Volkes. Es ist falsch und verkehrt, das deutsche Volk zu verwechseln mit dem, was entstanden ist aus der eigentümlichen Entwicklung der politischen Verhältnisse. Verkennen wir nicht, daß der gesunde Sinn des deutschen Volkes auch fernerhin fertig werden wird mit dem, was unser großer Kaiser Friedrich als eine Schmach des Jahrhunderts bezeichnet hat. Im Glauben des Judentums ist der messianische Gedanke ausgedrückt. Wir hoffen auf eine Zeit, wo alle Menschen jedes Stammes und jedes Volkes sich vereinigen werden zu einem großen Gemeinwesen. Wir ersehnen dieses Ziel, von dem der Dichter sagt: „Es ist ein lichter Maientag der ganzen Welt erschienen!" Wir vertrauen darauf, daß aller Nebel, alle Verfinsterung schwindet. Bis dahin aber arbeiten wir zusammen an dem Wohle des Vaterlandes. Auch für uns gilt Schillers Wort: „Ans Vaterland, ans teure schließ dich an; hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft!" Wir wollen unserem deutschen Vaterlande treu bleiben und erstreben nichts sehnlicher, als daß unser Vaterland zu dem Glanze, zu dem Glücke, zu der beseligenden Zufriedenheit aller Mitbürger gelangen möge, die ihm unsere Vorväter gewünscht haben. Halten wir fest an der Gesinnung, daß wir stets mutig eintreten für alles Recht, daß wir aber unsere Treue dem Vaterlande erhalten, wie es einst unsere Vorväter getan haben, und daß wir, wenn es sein muß, sür dasselbe zu bluten und zu sterben wissen. (Lebhafter anhaltender Beifall.) Als zweiter Redner ergriff Justizrat Breslauer das Wort:

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