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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-06-21 · Heft 25 (21.6.1907) · p. Seite 290

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 25 (21.6.1907)
Date
1907-06-21
Page
Seite 290 (sequence 2)
Language
German
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ihre Talente und ihre Kräfte in den Dienst des öffentlichen Wohls zu stellen und dem Vaterlande zu nützen. Nicht bloß auf den böhmischen und französischen Schlachtfeldern ist der Grund zu Deutschlands Einheit gelegt worden. Auch manche unserer Glaubensgenossen haben ihren Anteil an der freiheitlichen und einheitlichen Entwicklung unseres Vaterlandes. Gabriel Riester, Veit, Kosch, Laster, Bamberger, Löwe, Straßmann usw. haben sich nicht bloß bemüht, die Gleichstellung ihrer Glaubensgenossen zu erlangen, sie haben auch an der sozialen Entwicklung der Verhältnisse mitgewirkt. Sie haben mitgewirkt, daß der Boden unseres Vaterlandes so beschaffen ist, wie er jetzt ist, ans dem wir uns alle befinden, unser gemeinsames deutsches Vaterland. (Beifall). Diesen Boden sollten wir aufgeben? Wir sollten uns plötzlich nicht als Deutsche fühlen? Was würden die großen Männer, die ich genannt habe, dazu sagen, wenn sie sich dazu äußern könnten. (Beifall.) Was würden sie dazu sagen, wenn überhaupt ein Zweifel darüber entstehen könnte, daß wir nichts anderes sind als Deutsche. Deutsche jüdischen Glaubens. (Lebhafter Beifall.) Wir wollen uns dieses deutsche Vaterland nicht schmälern lassen. Wir wollen es uns nicht streitig machen lassen von irgend einem rohen Antisemiten. Die deutschen Juden werden es niemals zugeben, daß ihnen von irgend jemand mit irgend welchen Worten vorgeredet wird, sie seien überhaupt keine Deutschen. (Lebhafter Beifall.) Wir sind sicherlich deutsch, wir sind es geworden, weil Deutschland unsere Heimat ist, weil Deutschland das Land ist, aus dem wir unsere Bildung entnommen haben, weil Deutschland die Stätte ist, wo wir unsere Wirksamkeit haben, und weil Deutschland das Land ist, für das unsere Väter und Brüder gelitten und gestritten haben. Ich will keineswegs sagen, als hätten wir deutschen Juden nicht noch ganz besondere Verpflichtungen, die uns obliegen, weil wir Juden sind. Wir wissen alle, daß unsere Glaubensgenossen in fremden Ländern bedroht und bedrückt sind. Wir wissen auch, daß wir in Deutschland noch Rechtsverkümmerungen und mancherlei Unbill zu erleiden haben. Es ist unsere Pflicht als deutsche Juden, keine Verletzung zu dulden, die uns zuteil wird um unseres Glaubens und unserer Abstammung willen. Und wenn man in früheren Jahren diese Pflicht den hochherzigen Männern anderen Glaubens überlassen hat, die aus der Idee deutscher Geistesfreiheit heraus nicht dulden wollten, daß inan den Deutschen jüdischen Glaubens die Rechte verkümmerte, sie sozial verhetzte und gesellschaftlich ächtete, wenn wir diesen Männern großen Dank wissen, daß sie eingetreten sind nach ihren freiheitlichen Grundsätzen für die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung der Juden, so war es doch richtig, daß nunmehr seit geraumen Jahren die Juden auch selbst diese Arbeit in die Hand genommen und Vereinigungen geschaffen haben, durch die sie ihre Rechte als deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens selbst vertreten. Und die Art, wie dies geschieht, ist die der Treue gegen das Judentum, das Vaterland und das Gesetz. (Beifall.) Diese Arbeiten müssen wir fortsetzen, soweit es notwendig ist. Der Antisemitismus hat allerdings bei manchen eine große Nervosität hervorgerufen. Man hört oft sagen: „Ach Gott, die Juden müßten mehr zurückhaltend sein." Warum spricht über politische Gegenstände und Streitfragen im deutschen Volke gerade der oder jener Jude? Warum überläßt man das nicht anderen? Warum sucht man dadurch die Augen auf die Juden zu lenken? — Ich habe viele Jahre Gelegenheit gehabt, den Widerhall solcher Reden an mein Ohr dringen zu lassen. Ich habe sie nie beachtet. Gewiß soll jeder Jude, der in der Praxis oder in der öffentlichen Tätigkeit steht, mit Takt uud Ehrfurcht das achten, was Bürgern anderen Glaubens heilig ist. (Beifall.) Er soll es vermeiden, sich in Dinge des Glaubens anderer zu mischen. Aber in der Frage des Vaterlandes, seiner Förderung nach außen und seiner inneren Entwicklung, ist es die Pflicht jedes Juden, an der Stelle, an der er steht, gemäß seiner Ueberzeugung mitzuwirken zum Besten des Vaterlandes. (Beifall.) Wir sind ja doch nicht mehr — und wollen es nicht sein — die Kammerknechte des heiligen römischen Reiches, die geduldeten und gehaßten Juden. Wir sind jetzt freie deutsche Bürger. (Lebhafter Beifall.) Und wenn wir dem Vaterlande gegenüber unsere Schuldigkeit tun wollen, so können wir nicht bloß verlangen, daß es uns das gibt, was unser Menschen- und Bürgerrecht ist, sondern wir müssen uns mit besten Kräften in den Dienst des Vaterlandes stellen, sonst wurden wir ja bekennen, als sei die Zugehörigkeit zum Judentum ein inneres Hindernis, an diesem Wirken sich zu beteiligen. (Zustimmung.) Wir werden also vor allen Dingen nicht unterlassen, nach wie vor, jeder nach seiner Ueberzeugung, für das Vaterland, für Reich, Staat und Gemeinde mit besten Kräften zu arbeiten und zu wirken. (Beifall.) Wenn wir in diesem Sinne wirken, so tun wir es nicht als Juden, sondern als Deutsche. Selbst die Forderung der Gleichberechtigung ist keine spezifisch jüdische Forderung. Sie ist eine Sache der Freiheit und Gleichheit, die bei allen Völkern erörtert wird. Wir haben aber natürlich für unser verletztes Recht um so nachdrücklicher einzutreten, als es nicht bloß der eigenen Person gilt, sondern auch denjenigen, die mit uns durch Blut und Abstammung verbunden sind. Das werden wir alle tun, jeder nach seiner Ueberzeugung. Ich wirke schon lange in dem bestimmten Sinn einer Partei, der ich mich angeschtossen habe, aber ich verlange von keinem meiner Glaubensgenossen, daß er meine spezifisch politische Ueberzeugung teile, sondern nur dann, wenn er von ihrer Richtigkeit überzeugt ist. Gemeinsam wollen wir handeln, wenn es gilt, unser Recht zu verteidigen. In Angelegenheit des Vaterlandes müssen wir aber in denjenigen politischen Lagern arbeiten, in die wir nach unserer Ueberzeugung gehören, auch wenn wir dadurch unter uns getrennt werden. Möge jeder seinen Weg gehen, den er für richtig hält. Bei Beratungen über das allgemeine Wohl möge er sich nicht mit Glaubensgenossen, sondern mit anderen Leuten besprechen, die gesellschaftlich und politisch auf demselben Standpunkt stehen. Darüber hinaus haben wir noch die weitere Aufgabe, unserer Glaubensgenossen in fernen Ländern zu denken, da sie dort bedroht und verfolgt werden. Mitunter ist dabei von Juden, die für jüdische Interessen viel Sinn, Kraft und Opferwilligkeit hatten, die Frage aufgeworfen worden: Warum müssen wir nach dem Ausland sehen, wenn bei uns in Deutschland so viel im allgemeinen Interesse zu tun ist? Wenn hier noch so viel zu regeln ist, warum die Blicke im Ausland umherschweifen zu lassen? Diese Frage widerspricht dem Gefühl, das uns alle beseelt. Wir sind für jene Unglücklichen, die in Rußland llnd Rumänien unerhörte Qualen erleiden müssen, die Leib und Gut und Leben verlieren, die ihre Frauen und Kinder vor ihren eigenen Augen abgeschlachtet sehen. Wir sind mit diesen Glaubensgenossen verbunden, weil in unfern Adern dasselbe Blut stießt und weil sie wegen der gemeinsamen Abstammung und wegen des gemeinsamen Glaubens leiden. Dieses Gefühl legt uns besondere Verpflichtungen auf. So sind wir durch diese Bande verpflichtet, uns an diesem Liebeswerk in erster Linie zu beteiligen und anderen ein Beispiel zu geben, um der Welt zu zeigen, daß dieses empörende Tun uns verletzt und uns zur Mithilfe anreizt und daß wir durch unser Hilsswerk auch einen Anreiz zur Mitwirkung geben für solche, die nicht zu unseren Glaubensgenossen zählen, damit ein solcher Frevel, ein solcher Schmerz endlich einmal aufhöre. Wenn ich nun auch zu denen gehöre, die dieses Liebeswerk als eine sittliche Pflicht, insbesondere der Juden, empfinden, besonders aller derer, die sich in größerer, geistiger Freiheit, in besseren Verhältnissen befinden, so wäre es natürlich außerordentlich frevelhast und unserer ganzen Stellung unwürdig, wenn das Leid in unserem eigenen Vaterlande, das Menschen empfinden, die nicht unsere Glaubensgenossen sind, uns nicht rühren würde. Wir müssen als Volksgenossen bestrebt sein, den Leidenden in jeder Weise zu Helsen. (Beifall.) Und wenn jemand behauptet, daß dem deutschen Juden der fremde Volksgenosse jüdischen Glaubens näher steht als der Landsmann anderen Glaubens, so muß ich mich zunächst wundern, warum es überhaupt jemand für nötig hält, eine solche Frage anfzuwerfen. (Beifall.) Warum war es überhaupt nötig, in die inneren Empfindungen des Gefühls hineinzugehen? Wer anders denkt, ist ein falscher Prophet. Die zukünftige Entwicklung entspricht dem, was die Vergangenheit gelehrt hat. Die

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