Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1907)
- Date
- 1907-06-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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71. Jahrgang. Nr. 25. Berlin, 21. Juni 1907. eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner Ludwig Philipz-sorr. Verlags-Expedition; Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „AUgem. Zeitung des Judentums", Berlin S'W., Jerusalemer Straße zu richten. Verlag von Rudolf rnofse, verlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnemen ts-pr eis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere verlriebsstellen) bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Bus drr Brrtinrr Grmrindr. Berlin, 16. Juni, eit über den totalen Kreis hinaus, in ganz Deutschland haben die letzten Vorgänge in unserer Gemeinde Beachtung und hie und da eine recht falsche Beurteilung gefunden. Demgegenüber erscheint es als dringliche Pflicht, das authentische Material über die ganze Angelegenheit an leitender Stelle zu veröffentlichen. Es ist das große Verdienst des „Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde", den Verhandlungen hierüber einen so würdigen und vornehmen Ausdruck gegeben zu haben, wie' dies die Ehre der ersten deutschen Gemeinde erheischt. In zwei Vorträgen wurden in der Versammlung des Vereins am 9. d. M. zuerst Deutschtum und Judentum und sodann die Leistungen der Gemeindeverwaltung in glänzender und durchaus sachlicher Weise besprochen. Den ersten Vortrag hielt der Landtagsabgeordnete Justizrat Cassel, der folgendes ausführte: „Die Stellung der deutschen Juden zunr deutschen Vaterlande ist eigentlich eine so historisch sichere, klare und zweifellose, daß es vielleicht überflüssig erscheinen könnte, sie noch einmal auseinanderzusetzen. Strömungen der Zeit mögen aber die Behandlung dieses Themas trotz seiner Klarheit rechtfertigen. Eine Bewegung im deutschen Volke, die auch übergegriffen hat nach anderen Ländern, ist schuld daran, daß die gesetzlich verbriefte Gleichberechtigung der Juden noch nicht völlig zur Durchführung gelangt ist. Der Antisemitismus hat es durch Ausbeutung politischer Verhältnisse tatsächlich durchgesetzt, daß die deutschen Mitbürger jüdischen Glaubens in ihren heiligsten Gefühlen verletzt worden sind. Nun werden aber — das zeigt die Weltgeschichte — durch irgend eine Bewegung oft ganz andere Wirkungen als die beabsichtigten hervorgebracht. So auch hier. Der Antisemitismus und sein rohes Wirken haben dazu geführt, die Juden in ganz anderer Weise um den Glauben ihrer Väter zu scharen, als das bisher der Fall war. Das Solidaritätsgefühl der um ihres Glaubens willen Angegriffenen hat sich geltend gemacht. Wenn der Antisemitismus .also dazu gedient hat, die Reihen der Juden fester um den Glauben der Väter zu scharen, so hat er doch auch andererseits eine Erregung herbeigeführt, die begreiflich ist, aber mitunter in gewisse Unklarheiten ausartete, so daß Grundsätze, die unsere Vorfahren als zweifellos ansahen, an getastet wurden. Solche Momente der Erregung und Nervosität sind aber bei den deutschen Juden stets nur vorübergehender Natur gewesen. Die Mehrzahl der deutschen Juden tut dem Antisemitismus nicht den Gefallen, sich von ihm zurückdrängen zu lassen von dem Boden, der allen ohne Unterschied des Glaubens gemeinsam ist, von dem Boden des Vaterlandes. Für uns deutsche Juden ist unser Vaterland dasselbe, was es für alle Bürger ist, unser liebes und großes Vaterland. Warum ist nun Deutschland unser Vaterland? Es ist das Land, in dem wir und unsere Vorfahren geboren sind, das Land, dessen Sprache wir sprechen, die teuere Heimat, in der wir geboren und erzogen sind, in der wir die Tage der Jugend und der Arbeit erlebt haben. An dieses Vaterland schmiegen sich alle, die in der Muttererde wurzeln und an ihr festhalten, die den Qrt, das Reich, den Staat und die Gemeinde ihrer srühesten Jugend lieben, die die Gräber ihrer Eltern und Vorfahren nicht vergessen. Petrarea sagte vom Vaterlande: „Ist dies das Land nicht, das ich zuerst berührt? Ist dies mein Nest nicht, wo ich so süß genährt wurde? Ist es nicht das Vaterland, woraus ich baue, die gütige fromme Mutter, das Vaterland, das meiner Eltern Staub birgt?" — Für uns ist dieses Vaterland unser deutsches Vaterland. Abgesehen von der Zugehörigkeit zu dem Boden des Vaterlandes, in dem wir wurzeln, ist es doch auch das Land, in dem nur zur Entwicklung herangereift sind. Es ist das Land, in dem wir schaffen und wirken, das Land, in dem wir unser Heim errichten, das auszugestalten wir uns bemühen. Von dem Geist dieses Landes haben wir empfangen, wir pflanzen ihn fort. Wir wurzeln hier fest mit allem, was wir sind und vermögen, in diesem Vaterlande, unter dessen Schutz und Schirm wir wirken können. Dieses Vaterland muß uns teuer sein. Noch andere Gründe zwingen gerade uns deutsche Juden, mit inniger Verehrung und Dankbarkeit unseres deutschen Vaterlandes zu gedenken. Es hat die deutschen Juden an die moderne Kultur angeschlossen. Dieselbe Quelle, die dem deutschen Volke die Gründung des deutschen Reiches brachte, hat auch den deutschen Juden viel für die innere Erstarkung, viel für die Kultur gebracht. Als es 1813 galt, Deutschland von dem Joche des großen Napoleon zu befreien, als der preußische König rief und alle, alle kamen, da sind auch in Scharen die Juden herbeigeeilt, die erst seit kurzen! den Wohltaten deutscher Bildung entgegengeführt worden waren. Massenhaft haben sie als tapfere Krieger — Männer jeden Standes — ihr Blut auf den Schlachtfeldern vergossen. Sie haben den Kriegern anderen Glaubens nicht nachgestanden, obgleich sie vielfach gequält und verspottet wurden. Wir sehen eine tiefe Hinneigung der Juden zum Vaterlande. Und der Dichter Grabbe führt als typische Person der Zeit in seinem Drama „Napoleon" auch einen Juden als Krieger vor, der als tapferer Soldat den Tod aus dem Schlachtfelde findet, nachdem auch er von den Kameraden allerlei Hänseleien ausgesetzt war. Wie hat sich nun die Entwicklung in Deutschland vollzogen? Die Juden haben sich von Anfang an die Pflege des Gemeinwohls angelegen sein lassen, aus dem Gefühl heraus, daß sie Mitwirken müßten sür ihr deutsches Vaterland, obgleich sie damals rechtlich noch gar nicht gleichgestellt waren. Es wäre ein langes Register aufzustellen, wollte man alle die Juden aufzählen, die seit 100 Jahren zum Wohls des Vaterlandes in allen Ständen und Berufszweigen gewirkt haben. Die Namen dieser Männer werden nicht untergehen. Das beweist, wie die Juden sich bemüht haben, ihrerseits ihre Gaben,