Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1907)
- Date
- 1907-06-14
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 allgemein geschätzt war. Dort gehörte er auch zu den Begründern und Vorstandsmitgliedern des „Vereins für jüdische Geschichte und Literatur". Auch hier erfreut sich Landgerichtsrat Stern allgemeiner Achtung. Er nimmt regen Anteil am Gemeindeleben und hat als Mitglied der Schulkommission eine gedeihliche Entwicklung entfaltet. Stratzburg, 12. Juni. Am 7. d. M fand hier die Generalversammlung des elsaß-lothringischen Rabbinerverbandes statt. Der Vorsitzende Dr. Bloch-Oberehnheim eröffnete die Tagung mit dem Bericht über die Tätigkeit des Ausschusses, der sich hauptsächlich aus die rnaterielle Besserstellung der Rabbiner erstreckte. Den Kassenbericht erstattete Dr. Marx-Westhofen. Dann referiert Schwarz- Lauterburg über das Thema „Konfessionelle oder gemischte Schule?" Der Referent gelangt nach sorgfältiger Prüfung des Für und Wider zu dem Ergebnis, daß besonders im Interesse der jüdisch-religiösen Erziehung die konfessionelle Schule vorgezogen werden müsse. An das Referat schloß sich eine lebhafte Diskussion. Bei den Neuwahlen wurde der ausscheidende Vorstand wiedergewählt. — Viel Staub aufgewirbelt hat während der Anwesenheit des Kaisers in Straßburg die Uebergehung des Präsidenten des Direktoriums dev' Kirche Angsburgischer Konfession, Dr. Curtius, bei der Einladung zur Kaisertafel. Hierbei handelte es sich nur um den Privatmann Dr. Curtius,- der wegen seiner Herausgabe der „Denkwürdigkeiten" des Fürsten Hohenlohe mißliebig geworden war, und doch wurde von den Mitgliedern des Direktoriums dies als eine Brüskierung des elsässischen Protestantismus dargestellt. Daß die Uebergehung unserer jüdischen Kultusbehörde bei dieser Gelegenheit zum Gegenstand besonderer Eingabe gemacht worden wäre, davon haben wir leider noch nichts gehört, und doch ist es noch gar nicht so lange her, daß man von einer derartigen Zurücksetzung nichts wußte.— Die jüdische Gemeinde in Weißenburg besitzt seit Pessach eine Orgel. Ter religiöse Liberalismus macht auch in den kleinen Gemeinden genügend Fortschritte, daß gar manche vor der Anschaffung des Instruments nicht zurückschrecken würde, wenn sie die nötigen Mittel dazu besäße. — Seit Jahren findet sich unter den antisemitischen Kurorten der Name Gundelbruch im Nnterelsaß. Einen Ort dieses Namens konnte ich j bis jetzt noch nicht ermitteln. Gemeint ist wahrscheinlich Grendelbruch. Dieser ist aber keineswegs antisemitisch, die Juden sind daselbst nicht nur als Gäste gern gesehen, sondern auch als Handelsleute. — Vor etwa zwei Monaten kehrte Herr Heinrich Mandel, Sohn des Metzgermeisters Emanuel Mandel in Dauendorf i. E., aus dem südwestasrikanischen Kriege, wo er tapfer für Kaiser und Reich gestritten hatte, in seine Heimat zurück. Er hat mehrere schwere Gefechte mitgemacht, am Waterberg, wo von 4 Uhr morgens bis 10 Uhr abends gekämpft wurde, und andere Schlachten; einmal drang ihmeine feindliche Kugel durch den Tropenhut, sonst blieb er unversehrt. Dieser Tage ist Herrn Mandel vom Oberkommando der Schutztruppe in Berlin eine Denkmünze mit Begleitschreiben folgenden Inhalts zugegangen: „Auf Befehl Seiner Majestät des Kaisers und Königs ist die von Allerhöchst demselben gestiftete Denkmünze aus Bronze dem Reiter Heinrich Mandel in der Schutztruppe für Südwestafrika in Anerkennung seiner pflichttreuen Teilnahme mit Kampfe gegen die aufständischen Eingeborenen in Südwestafrika verliehen worden." Oesterreich-Ungarn. □ Wien, 10. Juni. Der dieser Tage im Druck erschienene und ausgegebene Bericht des hiesigen „Israelitischen Blindeninstitutes" sür die Jahre 1902 bis 1906 legt Zeugnis ab von der zielsicheren und erfolgreichen Leitung der 1870 gegründeten Anstalt im abgelaufenen Lustrum. Im ganzen waren in diesem Zeitraum 305 Zöglinge in der Anstalt, die sich aus "dem In- und Ausland rekrutierten. Die Ziele der Anstalt gehen dahin, blinde Kinder zu religiös-sittlichen Menschen zu erziehen und mit jenen Kenntnissen auszustatten, die die Volks- und Bürgerschule vermittelt, sie, ihren Anlagen entsprechend, zu leistungsfähigen Handwerkern, Klavierstimmern, Organisten, Musiklehrern, Lehrern fremder Sprachen und int Maschinenschreiben auszubilden. Die Anstalt zerfällt in drei Abteilungen: in eine Elementar-, eine Mittel¬ und eine Abschlußklasse. Daran schließen sich eine Wiederholungsklasse für die Handwerker und eine Ausbildungsklasse sür solche Zöglinge, die eine Staatsprüfung ablegen wollen. Zur Unterstützung der Lehrziele dient eine reichhaltige und wertvolle Lehrmittelsammlung. Eine wie alljährlich auch im letzten Winter veranstaltete Ausstellung von Schülerarbeiten gab einen sinnfälligen Beweis der schönen Erfolge, die die Anstalt erzielt. An der Spitze der Spender steht der Kaiser mit einem namhaften Betrag. Die in bester Lage auf der Hohen Warte stehende Anstalt mit ihren lichten und luftigen Lehr- und Wohnräumen und ihrem schönen Garten verdient die Förderung edler Menschenfreunde. — Das Vorgehen der deutschen Fortschrittspartei gegen die Juden erregt tiefe Bitterkeit in allen jüdischen Kreisen. Dr. Güdemann und Dr. Gustav Kohn haben das öffentlich ausgesprochen — und ihre Worte fanden Widerhall. Auch die Wiener Abgeordneten Kuranda und Baron Hock richteten an den Vorsitzenden der deutschen Abgeordnetenversammlung, Funke, ein Schreiben, in welchem sie erklären, aus den Beitritt zu einer Vereinigung zu verzichten, in welcher die Ansichten Wolfs über den Judenpunkt nicht von vornherein als mit den Verbandsgrttndsützen unvereinbar erklärt werden. Ueberdies zeige die Entsendung des Abgeordneten Dr. Groß in das Organisationskomitee, daß die Forderungen des Freisinns bei der Fortschrittspartei eine wirksame Vertretung nicht finden werden. Diese Entsendung schwäche auch die der Wiener freisinnigen Wählerschaft durch den letzten Beschluß der Fortschrittspartei gebotene Satisfaktion ab. Deshalb wurde auch iu einer Massenversammlung freisinniger Wiener Wähler nach jubelnd aufgenommenen Reden des Abgeordneten Baron Hock und des Prager Universitätsprofessors Dr. Otto Weber die Gründung einer deutschdemokratischen Partei beschlossen, deren Ziel die Zusammenfassung aller streng antiklerikalen und wahrhaft freisinnigen deutschen Elemente im Abgeordnetenhause und in der Wählerschaft ist. — Landgerichtsrat Dr. Salo Weisselberger ist einstinnnig zum Vizebürgermeister von Czernowitz gewühlt worden. Der verstorbene Bürgermeister war auch ein Jude, Hofrat Dr. Reis s. A. Von Sah und ssern. — Zum Direktor des städtischen Untersuchnngsamts für gewerbliche und hygienische Zwecke wurde mit großer Mehrheit Geheimer Regierungsrat Professor Dr. Proskauer, Abteilungsvorsteher der Infektionsabteilung am Rudolf Virchow-Krankenhause, gewählt. — Ein reicher Ordensregen ist zu verzeichnen: das Kommandeurkreuz des Ordens der Italienischen Krone erhielt der Direktor der Deutschen Bank Paul Mankiewitz, das Ritterkreuz des Mecklenburgischen Greifenordens, das Ritterkreuz erster Klasse des Schwedischen Wasaordens uttd der zweiten Klasse des Spanischen Militärverdienstordens: der Direktor der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft, Konnnerzieurat Felix Deutsch, den Roten Adlerorden IV. Klasse der Rechtsanwalt Dr. Alfred Saalseld. — Eine neue antisemitische Zeitung Ahlwardts wird jetzt auf dem Plan erscheinen. Das Amtsgericht Berlin-Mitte macht nach der „Volkszeitung" bekatrnt, daß unter Nummer 4429 der Abteilung B des Handelsregisters die Firma „Freideutscher Verlag, Gesellschaft mit beschränkter Haftung", mit deut Sitze in Berlin und dem „Redakteur" Hermann Ahlwardl zrt Berlin als Geschäftsführer eingetragen worden ist. Zweck der Veranstaltung ist die Herausgabe eines antisentitischen Konkurrenzblattes gegert die Stöckerschen Preßunternehmungen. — Das letzte Justiz- Ministerialblatt meldet die Ernennung des Referendars Gold stein zum Assessor im Bezirk des Oberlandesgerichts Breslau. Diese Personalnotiz hat ihre Besonderheit: Herr Goldstein hat das Assessor- Examen mit dem Prädikat „mit Auszeichnung" bestanden, ein Fall, der äußerst selten und in Schlesien wohl seit zwanzig Jahren nicht vorgekommen ist. Der Justizminister hat in Würdigung dieser Tatsache dem jungen Assessor alsbald nach dem Examen eine Richterstelle angeboten und hat ihn zum Landrichter in Gleiwitz ernannt. — Eine Verfügung der Schuldeputation in Breslau bringt in Erinnerung, daß auch für die jüdischen Schüler die Verpflichtung zur Teilnahme am jüdischen Religionstmterricht bis zu ihrer Schulentlassung besteht. — Rabbiner Dr. L. Bäck in Oppeln ist einstimmig zum Rabbiner in Pilsen gewählt worden. — Ter Fabrikant Victor Lilienfeld in Leipzig ist am Geburtstage des Königs von Sachsen zum Kommerzienrat ernannt worden. — Anläßlich des 300jährigen Stadtjubitäums von Mannheim fand am 2. d. M in der Hauptsynagoge ein Festgottesdienst statt. Nach dem vom verstärkten Synagogenchor vorgetragenen Liede „Die Allmacht" von