Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1907)
- Date
- 1907-06-14
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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71. Jahrgang. Nr. 24. Berlin, 14. Juni 1907 Der Gemeindebare. Beilage zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums H)omTpontmt;rn und Sachrichtm. Deutschland. Berlin, 11. Juni. Die sich mehrenden Angriffe auf die .'lmtsehre der Rabbiner, die im Anschlüsse und mit Berufung auf die vollkommen verzerrte Darstellung, welche von gewisser Seite davon gegeben wurde, in Versammlungen und Zeitungen jetzt auftreten, laben die ortsanwesenden Herrn Rabbiner der hiesigen Gemeinde u einer Erklärung genötigt, die uns heute zugeht und die solgendernaßen lautet: Erklärung. Gegenüber den in den letzten Wochen von verschiedenen Seiten lufgestellten unwahren Behauptungen über die Stellung der Rabbiner in der hiesigen jüdischen Gemeinde sehen wir uns zur Wahrung unserer Ehre zu folgender Erklärung veranlaßt: 1. Es wird behauptet, daß der Vorstand der jüdischen Gemeinde Berlin im Jahre 1905 „die durch eine tausendjährige Entwicklung geheiligte Institution des Rabbinats" aufgehoben habe. Diese Behauptung beruht aus einer unbegreiflichen Verwechslung des in einzelnen Fällen religionsgesetzlich vorgeschriebenen Zusammenwirkens von drei Rabbinern (Bes-din) mit der Verfassung des Berliner Rabbinats, wie sie eine Zeitlang hier bestanden hat. Seit einigen Jahrzehnten hatten die Rabbiner der hiesigen Gemeinde ihre gemeinsamen Aufgaben, wie die Erstattung von Gutachten, die Beantwortung religiöser Anfragen, die Prüfung neu anzustellender Kantoren u. a. in kollegialer Beratung erledigt, und demzufolge hieß die Vereinigung der Rabbiner der hiesigen Gemeinde Rabbinat oder Rabbinatskollegium. Eine Aenderung dieser Einrichtung erfolgte aus Anlaß einer Frage rein taktischer Natur und führte dazu, daß der Vorstand, gestützt auf das Statut der hiesigen jüdischen Gemeinde vom 11. November 1895, 8 54, gegenwärtig nur noch die Gutachten der einzelnen Rabbiner einholt. Damit trat in Berlin lediglich derselbe Zustand ein, der auch in Breslau, Frankfurt a. M., Köln, Prag, Wien und anderen Orten besteht, in denen niedrere Rabbiner nebeneinander tätig sind. Im übrigen beraten und beschließen di.e Rabbiner der hiesigen jüdischen Gemeinde nach wie vor über die verschiedensten gemeinsamen Angelegenheiten und haben hierzu ein besonderes Sitzungszimmer und einen vom Vorstand angestellten Boten zur Verfügung. Völlig unberührt von der getroffenen Aenderung ist das oben erwähnte Zusammenwirken von drei Rabbinern (668-äm) für einzelne religiöse Akte, wie rituelle Ehescheidungen und dergleichen; diese finden in der hiesigen jüdischen Gemeinde nach wie vor nach den religionsgesetzlichen Bestimmungen statt. 2. Die Aussicht über die rituellen Institutionen der hiesigen jüdischen Gemeinde wird heute ebenso wie früher im Namen des Rabbinats der jüdischen Gemeinde von einem hiermit beauftragten Rabbiner und weiteren hierzu angestellten Beamten ausgeübt. Au diesen wie an jeden Rabbiner der hiesigen Gemeinde kommen die verschiedensten Anfragen religionsgesetzlicher Art zur Erledigung. 3. Niemals hat der Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde es versucht, uns in unserer religiösen Ueberzeugung zu beeinträchtigen oder gar irgend etwas von uns zu verlangen, was ihr widerspricht. Die Unterstellung, daß wir solches uns hätten gefallen lassen, weisen wir mit Entrüstung zurück. Behauptungen wie die, daß die heutigen Rabbiner ihre Direktive vom Vorstande empfangen und Phrasen noch niedrigerer Art, Männern gegenüber gebraucht, denen tatsächlich die wichtigsten religiösen Interessen der Gemeinde anvertraut sind und die in einer langjährigen Tätigkeit die Achtung ehrenwerter und wahrhaft religiöser Männer sich erworben haben, richten sich selbst. Berlin, 9. Juni. Rabbiner Dr. Stier. Rabbiner Dr. Weisse. Rabbiner Dr. Eschelbacher. Rabbiner Dr. Blumenthal. Wirzweifelnnicht daran, daß die zurzeit abwesenden HerrnRabbiner sich dieser Erklärung vollinhaltlich anschließen, die sicher in weiten Kreisen unserer Gemeinde aufrichtige Befriedigung Hervorrufen wird. 8. Berlin, 10. Juni. Der Verband der deutschen Juden hat nunmehr den Termin seiner zweiten Hauptversammlung auf Sonntag, den 13. Oktober 1907 festgesetzt; sie findet in Frankfurt a. M. im dortigen Saalbau statt und wird von den Abgesandten aller deutschen jüdischen Gemeinden und der großen jüdischen Verbände, sowie von einer Reihe durch den Ausschuß des Verbandes aus Vorschlag der bestehenden Organisationen berufener Einzelpersonen gebildet. Folgende Vorträge sind angekündigt: 1. Geheimrat Professor Dr. Cohen-Marburg über „Religiöse Postulats"; 2. Professor Dr. Martin PhilipPson-Berlin über „Die Organisation der Judengemeinden"; 3. Dr. Paul Nathan-Berlin über „Staatsintereffe und Judenpolitik"; 4. Rechtsanwalt Dr. Loeb-Mainz über „Die politische Stellung der Juden in den süddeutschen Staaten". Die erste Hauptversammlung des Verbandes fand unter lebhafter Teilnahme der allgemeinen Oeffentlichkeit am 30. Oktober 1905 in Berlin statt. Der Verband besitzt im ganzen Reiche ständige Korrespondenten, welche bei Gelegenheit der Hauptversammlung zu einer ersten Konferenz zusammentreten werden. 8. Berlin, 10. Juni. Trotz der vorgeschrittenen Jahreszeit und des milden Sommerabends wies der große Saal der „Gesellschaft der Freunde" eine überraschende Fülle bis weit über die zulässige Zahl auf, in welchem heute der „Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde" einen Vortragsabend veranstaltete. In Variierung des angekündigten Themas sprach zunächst Landtagsabgeordneter und Stadtverordneter Justizrat Oskar Cassel über „die Stellung der deutschen Juden zum deutschen Vaterlande". In glänzender Weise legte er die vielen Gründe dar, aus welchen die deutschen Juden mit inniger Verehrung und Dankbarkeit dem deutschen Vaterlande anhängen und betonte die Rechte und Pstichten, die den Juden aus ihrer Zugehörigkeit zum deutschen Vaterlande erwachsen. Der Vorsitzende des Vereins, Justizrat Bernhard Breslauer, gab alsdann nach eingehenderWürdigung der großen Verdienste der hiesigen jüdischen Gemeindeverwaltung auf den Gebieten des Kultus, des Unterrichts und humanitärer Institutionen in klaren und überzeugenden Worten eine Rechtfertigung der Verwaltung in der Angelegenheit der Amtsenthebung des Predigers Dr. Emil Cohn. Zum Schlüsse gab noch Geheimrat Professor Dr. Senator einige kurze Erläuterungen über die Stellung der Repräsentanz zu dieser Angelegenheit und besprach dann das Verhältnis der beiden Richtungen im Repräsentantenkottegium zueinander. Schließlich gab er dem herzlichen Wunsche Ausdruck, daß, wie bisher, so auch in Zukunft die Liberalen und Konservativen dort vertreten sein mögen, die in dieser liberal-konservativen Paarung von einem anderen Kitt zusammengehalten sein werden und Ersprießlicheres zu leisten im stände sein werden als die liberal-konservative Paarung auf politischem Gebiet. Wegen des Redaktionsschlusses geben wir heute nur diesen flüchtigen lleberblick über die Versammlung, behalten uns aber vor, in einem ausführlicheren Bericht auf diese zurückzukommen. k. Pankow, 9. Juni. Bei dem immer mehr zunehmenden Zuzug nach den Vororten entwickelt sich dort jetzt auch ein lebhafteres religiöses Leben als früher. Für die nördlichen Vorortgemeinden ist Pankow der natürliche Mittelpunkt, da nur an diesem Orte sich eine Synagoge befindet, die auch von jüdischen Einwohnern der anderen dicht angrenzenden Vororte wie Nieder-Schönhausen, Nordend, Wilhelmsruh, Reinickendorf, Schönholz mit besucht wird. Am letzten