Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1907)
- Date
- 1907-06-14
- Page
- Seite 288 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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288 „Im Laufe des Tages in dein Gasthos, denke ich." „Wo speisen Sie, mein Herr, könnten wir da uns treffen — ich weis; so wenig hier Bescheid." * „Ich speise nur in einem rituellen Speisehause,"' sagte Rüben ohne Verlegenheit. „Mein Sohn aber, zu dem ich jetzt gehe, hat, glaube ich, eine gute und billige Quelle. Die Jugend, wie Sie sehen, hat sich emanzipiert, und das kann man schon verzeihen. Er soll Ihnen in allem hier behilflich sein. Auf Wiedersehen denn," und er gab ihm die Hand. „Recht guten Erfolg Ihrem Vorhaben." „Und dem Ihren gleichfalls, von Herzen!" „Gott gebe es!" erwiderte Rüben mit Inbrunst. Sie schieden und letzterer wandte sich den Weg zurück, den er gekommen. Ein Weilchen beschäftigte er sich noch mit dem jungen Mann, den er achten und bewundern mußte, zu dem er etwas fühlte wie. wirkliche väterliche Zuneigung. Dann aber, ihn mit dem Sohne in Verbindung bringend, kehrten alle seine Sorgen zu diesem zurück. Die alte Ungeduld ergriff ihn und rascher schritt er vorwärts durch die Spandauer-, die Nosenstraße über den Haakschen Markt der Wohnung des Sohnes zu. Er wußte zwar, so frühe würde er ihn nicht antreffen. Julius war längst im Geschäft und vor Mittag nicht zu Hanse zu erwarten. Es schien ihm aber eine Beruhigung' ihn dort zu empfangen; vielleicht daß auch die Wirtin, ohne seine Absicht zu erraten, über manches ihm Aufschluß geben könnte. Da war er angelangt; ein altes, düsteres, schmales Haus. Drei hohe, ziemlich steile Treppen stieg er hinauf. „Witwe Colberg" las er auf einem Porzellanschildchen. Im Begriff, die darüber befindliche Klingel zu ziehen, bemerkte er, daß die Flurtür offen stand. Er stieß sie vollends auf und blickte in einen engen, kleinen Korridor, der so finster war, daß er sich erst an die herrschende Dänunerung gewöhnen mußte, bevor er zwei Türen gewahrte, die indenselbeneinmündeten. Etwas Weißes an der einen, ließ ihn näher Herangehen. Eine Karte war es mit dem Namen seines Sohnes — also sein Zimmer. Das konnte doch aber nicht sein? Gesang erscholl daraus, der Gesang einer hübschen, Hellen Mädchenstimme, nicht laut, aber doch so klar deutlich, daß er die Melodie und Worte genau unterschied: Du. Du liegst mir im Herzen, Du, Dn liegst mir im Sinn usw. usw. Einen Augenblick stand er erstaunt, lauschend; dann klopfte er. Das Lied aber übertönte es und keine Antwort noch Pause folgte. Da drückte er auf die Klinke und trat ein. (Fortsetzung folgt.) Litrrsrilchr Mitteilungen. ----- Das Bulletin Hispanique (Avril—Juin 1907, Bordeaux) bringt eine für die Geschichte der Juden in Spanien sehr wichtige Mitteilung. Bekanntlich hat sich in Spanien, das in Mischna und Talmud erwähnt wird, vor dem Jllibiteranischen Konzil zu Elvira (Zwischen 300 und 309 n. Ehr.), das der Juden bestimmt Erwähnung tat, nur die Grabschrift eines jüdischen Kindes — ... nia Salomonula Judaea — erhalten, die in den Anfang des III. Jahrhunderts zu scheu ist. Nach den Akten dieses Konzils von Elvira, in denen die Beziehungen zwischen Christen und Juden stark eingeschränkt werden, muß es aber zahlreiche jüdische Gemeinden in Spanien gegeben haben; zu Mahon auf Minorca blühte im V. Jahrhundert eine jüdische Gemeinde, eine trilingue (hebräisch-lateinisch-griechische) Grabschrift aus Tortosa gehört nach Renan ins VI. Jahrhundert oder wegen der griechischen doch in frühere Zeit Zu diesen spärlichen Beweisen vom Aufenthalt der Juden in Spanien vor dem Beginn der drakonischen Gesetze des west gotischen Reiches gegen die Juden (586) ist nun ein neuer getreten Bei Ausgrabungen in Elche — nahe dem Meere zwischen Alicante und Murcia — dem alten Zlici, das durch die herrliche, daselbst gefundene, im Louvre befindliche Mädchenbüste „Das Mädchen vor Elche" wohl bekannt ist, stieß man auf Gebäudereste und griechisch- Jnschriftsragmente. Die Trümmer lassen sich als zu einer Synagoggehörend teilweise bestimmen, wenn auch eine genaue Scheidung, dc ein römischer Bau vorausgegangen ist und ein byzantischer folgt noch nicht geschehen konnte. Die in drei Stücken gefundene, woh zusammengehörige griechische Mosaik-Inschrift spricht von den „Vor stehern und Aeltesten der Proseuche" (die allgemein übliche Bezeich nung für den Ort, an dem sich Juden zum Gebet vereinigen). Dü Inschrift ist jedenfalls vor die weftgotischen Gesetze zu datieren. Das Griechische ist fehlerhaft; nichtsdestoweniger scheint der Gebrauü dieser Sprache schon für eine frühere Zeit zu sprechen, als bei Herausgeber Albertini annimmt, der sie erst ins VI. Jahrhunder datieren will. Sprechtag!. Sehr geehrter Herr Redakteur! ls vor Monatsfrist in Ihrer schätzbaren Zeitschrift ein Artikel über die von mir angeregte Gesellschaftsreise nach Palästina erschien, ging mir eine Anzahl Briefe respektive Anfragen zu, aus denen ich ersah, daß das Projekt ein mehr als theoretisches Interesse in Ihrem Leserkreis erweckt hatte. Aber auch eine irrtüm liche Auffassung scheint bei verschiedenen Lesern vorgekommen zu sein als ob diese Reise nur deutsche Teilnehmer einschließen sollte. Es war wohl erwähnt worden, daß zum erstenmal von Deutschland aus eine jüdische Gesellschaft nach Palästina reise, während seither solche Touren von Oesterreich-Ungarn ausgingen. Das scheint nun so aufgesaßt worden zu sein, als seien in anderen Ländern wohnende Juden ausgeschlossen. Es liegt doch schon gar nicht in der jüdischen Wesensart, in irgend welchen über das lokale Interesse hinausgehenden Dingen geographisch fixierte Grenzen zu ziehen. So kann denn doch auch bei einer Reise, deren Ziel ein unser aller Herzen so teures Land betrifft, von einer sopartikularistischen Exklusivität niemals die Rede sein. „Kol dichvin jeese wejeclior bleibt bei allen Dingen mit jüdischem Grundzug unsere Devise und so auch bei dieser Reife, an der, soweit bis jetzt übersichtlich ist, auch in den Nachbarländern wohnende Juden teilnehmen werden. Mit dieser Berichtigung wäre eigentlich dieser Brief zu Ende. Ich möchte aber noch, da sich ein so lebhaftes Interesse an dieser Reise knndgegeben hat, einigen Fragestellern, selbst wenn sie uns auch nur im Geiste begleiten sollten, noch in Kürze die erbetenen Antworten an dieser Stelle erteilen, vorausgesetzt, daß der Herr Redakteur mir noch einen ganz kleinen Raum vergönnt. Also, es soll am 5. Oktober die Reise beginnen; entweder über Konstantinopel oder über Triest, beziehungsweise Marseille nach Jaffa. Palästina selbst soll der größere Teil der Reisezeit gewidmet bleiben, d. h. 14—15 Tage. Von Palästina wird der übliche Abstecher nach Aegypten unternommen werden, in Kairo, Alexandrien, Suez usw. Aufenthalt genommen, wobei der Rest der Reisezeit aus Italien und Türkei oder umgekehrt entfallen wird. Ob diese Reise auf vier Wochen beschränkt oder auf fünf Wochen ausgedehnt werden wird, soll nach den Wünschen der Teilnehmer entschieden werden. Genehmigen Sie, geschätzter Herr Redakteur, die Versicherung meiner Hochschätzung, mit der ich verbleibe Ihr ergebenster Dr. Arthur Kahn. Charlottenburg, 5. Juni 1907. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.