Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1907)
- Date
- 1907-06-14
- Page
- Seite 287 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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287 licmen an den Sprachgebrauch und an die kindliche ,Fassungskraft des erwachenden logischen Bewußtseins. Gott!-t nicht wirklich im Sinne der Anschaulichkeit und Greifbarkeit, sondern wahr im Sinne der logischen Begreifbarkeit. Die sidee Gottes ist nicht aus Erfahrung geschöpft, wenn sie auch i tt der Hand der täglichen Erfahrung in uns allmählich heran- > ereift ist, sondern sie weist, wie die ewigen Wahrheiten der ' Mathematik als angewandter Logik, über alle sinnliche Er- : chrung hinaus. Denn alle sinnliche Erfahrung, die uns die Wirklichkeit verbürgt, gilt immer nur für ein Jetzt itnb Hier, > ber niemals gewährleistet sie ein Immer und Ueberall. Die ' Nvliche Erfahrung ist aber auch nicht das höchste Kriterium! er Gewißheit, zumal wir wißen, daß Farben, Töne und Geüche in der Außenwelt gar nicht Vorkommen, sondern nur sieaktionsarten unseres eigenen Selbst darstellen. Zudem gilt ede von den Sinnen beobachtete Wirklichkeit nur für den Beobachter im Moment der Beobachtung, also nur für die . ugenblickliche Gegenwart. Wissen aber heißt nicht isolierte llomentskenntnis, sondern Einblick in dauernde Zusammenange. Vollständig vereinheitlichende Erkenntnis vollends, >vie e die Philosophie nach Comte, Spencer und Wundt darznieten hat, geht niemals auf isolierte Eiudrucksatouic, auf zuällige Erfahrungswirklichkeit, sondern auf bleibende Zusammen- ,ünge oder ewige Beziehungen. Die sinnliche Erfahrung gilt ahcr im günstigsten Falle für die unmittelbare Gegenwart >nd in abgeschwächtem Grade für die Vergangenheit. Wo es ich aber um künftiges Geschehen handelt, mu die Voraus- >erechnung des Kommenden, wo vollends das Ideal aller oissenschaftlichen Philosophie in Frage steht, dem Comte die Fassung gegeben hat: savoir pour prevoir, da läßt uns die innliche Erfahrung völlig im Stich. Hätte Gott also nur sie Gewißheit einer sinnlichen Erfahrung, so wäre es recht ragwürdig um sein Dasein bestellt. Denrl die sinnliche Errhrung gaukelt uns tausendfach Sinnestäuschungen, Schimären, Fantastereien, Halluzinationen und Illusionen vor, welche die ireugere Prüfung des logisch geschulten Verstandes nicht auslalten. Vrrlöhnung. Von M. Herzberg. V. SSSIPSS; fj rübe beleuchteten die Oellaternen das Oranienburgertor, durch das spät abends die Post mit ihren müden Passazieren einfuhr. Gott sei Dank, daß man endlich so weit war. Die .erschlagenen Glieder sehnten sich nach Bett und Ruhe. Rliben und der Hauptmann, selbst die elastische Jugend lehnte matt und schlaftrunken in den Ecken; nur Reinhold saß gerade und aufrecht, unverwandt hinausschauend auf die ihm unbekannten Straßen. Sie waren damals zu dieser Zeit fast öde und menschenleer. Berlin war längst zur Ruhe gegangen, trotz des schönen, warmen Sommerabends. Nur wenige Gegenden genossen schon den Vorzug der neu eingeführten Gasbeleuchtung, die Straßen, durch die der Postwagen rollte, gehörten noch nicht dazu. Durch die Oranienburgerstraße über den Haakschen Markt, Spandauer-, Neue Friedrich-, Heiligegeiststraße nahm er seinen Weg, bis er glücklich den Stationshof in der Poststraße erreichte. Die drei Reisenden — der Knabe war von einem Herrn in Empfang genommen worden — gingen nach der nur wenige Schritte entfernten „Stadt Hamburg", Zimmer zu bestellen und ein Abendbrot zu nehmen, bevor man sich zur Ruhe begab. „Ich gehe zu Bette, Herz — falle mit vor Müdigkeit," sagte der Hauptmann, nachdem ihm ein Zimmer bezeichnet worden, „schlafen ist besser als essen. Gute Nacht!" „Ich komine auch gleich," nickte ihm Rüben zu. Er rief den Kellner und bestellte sich zu der reichen Wegzehrung, die er durch Linas Fürsorge noch übrig hatte, nur etwas Wein, Brot, Butter und Käse. Reinhold hatte sich zu ihm an den Tisch gesetzt und Herz bemerkte mitleidig, wie auch er sich bescheiden mit Brot und Käse begnügte. Gern hätte er ihn gebeten, sein Gast zu sein; sein Zartgefühl hielt ihn jedoch ab. Er beschränkte sich darauf, ihm von seinem Wein anzubieten, aber selbst das wurde freundlich abgelehnt. Er empfahl sich auch bald mit einem höflichen „Gute Nacht". Rüben wußte, er hatte nur ein kleines Hinterstübchen gemietet, und er war Zeuge gewesen der Unterhandlung, hatte gehört, wie genau jener nach dem Preise geforscht. Es trieb ihn, dein jungen Mann, der nichts übrig zu haben schien und der ihn so sympathisch an den eigenen Sohn gemahnte, etwas Liebes zu erweisen, und er freute sich darauf, da er heute keine Gelegenheit gefunden, ihm am nächsten Tage gefällig zu sein. So führte er ihn denn auch aiu andern Morgen selbst bis zu der Nikolaikirche. „Das ist sie!" sagte Herz, am Platze angelangt, in dessen Mitte sich der stolze, stattliche alte Bau erhob, nur wenig beeinträchtigt durch die ihn ziemlich dicht und eng begrenzenden Häuser. Reinhold maß ihn schweigend und gedankenvoll. Indem schlug die Turmuhr ihre^ mächtigen zehn Schlüge, und zu gleicher Zeit setzten die Glocken mit tiefen, vollen, ehernen Tönen ein. Weithin trug sie die reine Morgenluft und aus der Ferne antwortete die Parochialkirche mit ihren wunderbaren Choralklängen. „Herrlich," sagte Reinhold. „Wo kommt das her?" „Von der Parochialkirche; sie hat ein prächtiges Glockenspiel, nicht wahr?" „Wie eine Mahnung, wie eine Besiegelung unseres Bundes läuten sie in die Seele," sagte Reinhold andächtig und blickte hinauf zu der Höhe des majestätischen Turmes, in welchem noch die Glocken in gewaltigen Schwingungen vibrierten. Uebcr ihnen blaute ein wolkenloser Himmel, lachte strahlend die Sonne und warf blendende Reflexe auf das vergoldete Kreuz der Turmspitze. Sie standen beide bewundernd schauend. „Ein göttlicher Morgen," sagte Herz endlich. „Wahrhaft sonnen- und hoffnungsvoll; nehmen wir ihn als gnädige Verheißung auch unserer Hoffnungen. Sehen Sie da das unscheinbare, schlichte Haus? Lessing wohnte darin." „Wie interessant, wie bedeutungsvoll," erwiderte Reinhold, freudig überrascht. „Welch herrlich Vorrecht, an diesem Eotteshause gerade Prediger sein zu dürfen." „Wenn einer, so sind Sie berufen, ihm ein würdiger Jünger zu sein," sagte Rüben herzlich. „Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt," war die demütige Antwort. „Es wächst der Mensch mit seinen Pflichten, und Gott ist mächtig in den Schwachen. Mut und Vertrauen, ein edles Herz und ein beredter Mund sind starke Waffen. Genug hiervon. Dort wohnt der Küster," fuhr Herz fort, aus ein hübsches, kleines Häuschen mit offenen, grünen Fensterläden deutend. „Wenn Sie wollen, können Sie leicht dort des Predigers Wohnung erfahren." „Das will ich gleich. — Sehen wir uns heute noch wieder?"