Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1907)
- Date
- 1907-06-14
- Page
- Seite 286 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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286 gegen Schleiermacher ein, so verglimmt sie zum Vorstellungslosen wie zum Handlungslosen und verliert allen bestimmten Jrlhalt. Wäre das Gefühb, also die subjektive Stimmung, wie der Ursprung, so die einzige Rechtfertigung der religiösen Wahrheit, so wäre nicht abzusehen, warum man dem Gottesglauben einen höheren Grad von logischer Zulänglichkeit zuzubilligen sich genötigt sähe, als der Zauberkraft des Fetischs. Aus Gcfühlsnotwendigkeit läßt sich niemals eine Seinsnotwendigkeit folgern, es sei denn, man stelle sich auf den Boden jener Gefühlsphilosophen, deren Lehre sich in die Worte zusammenpressen läßt: Zu Anfang war das Gefühl, oder mit Frohschammer, dem Philosophen der Weltphantasie: Zu Anfang war die Einbildnngskrast. Wir stehen auf denl Boden des riVK<i v ’> H/-?: Zn Anfang war der Geist, oder wie die Energetiker mit Fichte, Reinke und Ostwald, an den Goetheschen Faust anklingend, sagen: Zu Anfang war die Tat! Nicht Stimmung oder Laune, nicht Gefühl oder Willkür stehen an der Schwelle des Weltprozesfes, sondern die göttliche Weltvernlinft, der Logos, muß der Urgrund aller Dinge sein. Daß aus Vernunft als Weltenregel und Weltgesetz zuweilen ^Unvernunft — Zufall oder Wunder genannt — als Ausnahme hervorgehen kann, wie das Problem der Theodieee tausendfach uns nahelegt, ist zur Not einznsehen aber umgekehrt, wie aus ursprünglicher Unvernunft, sei es aus dem Unbewußten Hartinanns oder gar dem blöden Weltwillen Schopenhauers, Harmonie und Schönheit, Rhythmus und Gleichklang, Ordnung und Gesetzmäßigkeit im Universum Herkommen sollten, das vermögen wir nicht zu fassen. Vernunft als Regel und Unvernunft als Ausnahme, das geht uns allenfalls noch ein, aber das Umgekehrte will zumGesetz des kleinsten Kraftmaßes nicht recht stiminen. Und was sind Naturgesetze anderes, als die im scheinbar blinden Naturmechanismus sichtbar hervortretenden logischen Prinzipien der Natur, anders ausgedrückt: so viel Gesetzmäßigkeit in der Natur gefunden wird/ ebensoviel Geist, ebensoviel Weltvernunft wird in ihr angetroffen. Was die Romantiker „Mathematik der Natur" naunteu, nämlich die vorzeitliche und überräumliche Gesetzmäßigkeit des Weltalls, das ist im letzten Grunde nur die Logik der Natur. Der Naturprozeß verläuft wie wir wissen, nach strengen mathematischen Prinzipien, mors goometrieo, wie Spinoza sagen würde. Mathematik selbst aber ist nichts anderes als ans Raum, Zeit und Zahl angewandte Logik. Jede mathematische Operation läßt sich bei näherem Zusehen auf einen logischen Prozeß zurückführen. Jetzt versteht man, wie man den Gottesglauben in erkenntnistheoretischer Beleuchtung zu rücken jvermag. Es gilt der religiösen Gewißheit für das Dasein Gottes gegen die Einwürfe Kants ein logisches Fundament zu schaffe»:. Die geschichtliche Basis, die Berufung aus äußere Offenbarung oder das Argument der Nebereinstinunung der Denkfähigen aller Zonen und Zeiten in bezug auf Sinn »»nd Plan des Univerßuns »nag ein »villkornrnener Schnörkel, meinethalben auch ein wertvoller Stützpfeiler in» Monumentalbau der moiristischen Weltanscha»»ung sein: das Gebäude steht unfest und bleibt undicht, solange es nicht auf dein felsenfesten logischen Untergründe r»»ht, welcher der Matheinatik und »veiterhin allen auf diese gebauten exakten Wissenschaften ihre unuinstößliche Sicherheit verleiht. Die Zurückführung der religiösen Gewißheit aus das emotionelle Eleinent, tvie auf das Abhängigkeitsgefühl bei Schleierinacher, aus personifizierte und verdoppelnd hinausprojizierte Wnnschwesen und Sehnsuchtsseufzer bei Feuerbach, endlich auf Forderungen des sich zum Intellekt emporwindenden blöder» Weltwillens bei Schopenhauer, alles dies führt in die Irre. Aus Gefühlswerten und Geschmacksurteilen, die aller Berallgenreiirerung widerstreben. ferner aus subjektiven religiösen Instinkten lassen sich schlechterdings keine Seinsnotwendigkeiten logisch ableiten und somit rechtfertigen. Wer seine»» Gott »»ur deshalb in sich trägt, weil er ihn dunkel fühlt, aber nicht dar»»»», weil er ihn klar begreift, und als strenge Forderung der Logik, als unanfgebbare Denknotwendigkeit zu erweisen vermag, der wird es nie seinen» Nachbari» verdenken können, wenn er ihn» er»tgegenhält: was du fühlst, geht »»ur dich, nicht »»»ich an. Deine Gefühle ivechseln »rnd wandeln schon in dir selbst. Morgen, ja in der nächsten Stunde fühltst du vielleicht schon ettuas ganz Entgegengesetztes. Wie »villst du mich zu deiner»» Gottesglauben bekehren oder gar zwingen, wenn di» Gott nur fühlst, also verschwoinmen, dunkel, experirnenteller Beobachtung unzugänglich, nur ahnst, »venn du nicht einrnal für dich die Gewähr leisten kannst, daß du morgen, ja vielleicht schon in der nächsten Stunde anders, wenn nicht ganz entgegengesetzt, fühlen wirst. Gefühle sind eben nicht wie Ideen generellsubjektiv, d. h. allen Menschen zu allen Zeiten gleichmäßig einleuchtend, »vie die Wahrheit 2x2 4, über die es keine zweierlei Meinung geben kann, sondern Gefühle sind individuell-subjektiv; sie gelten nur für den Ma»»n und für den Moment; sie sind streng persönlich gefärbt tvie die Sprache. Für Gefühle gilt der protagoreische Sah nicht ii» der generellen Fassung: der Mensch ist das Mas; aller Dinge, sondern in der individuellen: der Mensch ist das Maß aller Dinge. Die Seinsnotlvendigkeit Gottes auf die Gefühlsnotwendigkeit der Abhängigkeit, des Wünschens oder Höffens gründen, heißt die Laune oder die Willkür substantialisieren, die Stiinmung, das Einmalige, das Unwiederholbare, das Zufällige, Moinentane zun» Weltprinzip erheben. Wir lehnen dar»»»»» den Gefühlsursprilng des Gottesbegriffs im Schleierrnacher-Fenerbachschen Sinn ab und suchen vielmehr dem Gvttesbegriff an Stelle der haltlosen historischen Stützpunkte oder psychologischen Strebepfeiler einen festen logischen Untergrund zu geben. Wir möchten dem Gottesgedanken daselbe Kriteriuu» der Wahrheit und Gewißheit geben, worauf a»»ch die n»athen»atisch-exakten Wissenschaften ihre Rechtstitel auf Zuverlässigkeit und unbedingte Glaubwürdigkeit gründen. Wir »vollen zeigen, daß es durchaus analoge Beweggründe waren, welche die Menschen der Vorzeit über die verschiedenen Sprachen hinweg zu der einen Logik geführt haben, die alle Vernunftwesen, einschließlich der höheren Tiertvelt, »»»»»faßt, wie sie später durch die Erzieh»»ng des Menschengeschlechts im Prozeß der Geschichte die Kulturinenschen über alle konfessionellen Spaltungen und rituellen Mannigfaltigkeiter» hinweg zur unaufgebbaren Erkenntnis Gottes allinählich erzogen haben. Das Dasein Gottes »nuß genau so »vie die Gültigkeit der e»»klidischen Axiome als verite eternelle, als logische Wahrheit, und nicht als verite de fait, als psychologische oder historische Wahrheit, d. h. als sinnliche Wirklichkeit, begriffen tverden. Dabei unterscheiden »vir »nit Helrnholtz zwischen Wirklichkeit, welche die Si»»ne »»ns zeigt, und Wahrheit, die nur der Verstand uns lehrt. Gott ist keine Wirklichkeit, die »vir »nit de»» Sinnen zu schallen verinögen. Alle menschlichen Züge, die »vir der Gottesvorstelliulg leihen, wie Persönlichkeit, Liebe, Güte, Verstand, Wille, Affekte, sind grobe Anthropo»norphis»»e>». Ein Gott, den wir sehen könnten, wäre kein Gott mehr. Gott können »vir vielinehr entweder mit Schleiermacher fühlen oder mit Hegel durch den Verstand begreifen. Die Philosophie lehrt »nrs ge,»au denselben Gott in der Forn» des höheren Begriffs, den uns die unentwickelten Religionen in der Form der sinnlichen Vorstellung syinbolisch zum Bewußtsein bringen. Wenn »»»an also Gott sprechen, tun, denke»», zürnen, strafen, entgelten, eifern, belohnen läßt, so sind das begreifliche Akkoinmoda-