Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1907)
- Date
- 1907-06-14
- Page
- Seite 285 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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285 Geschichte einen analogen Fall, nämlich die Zeit um das Jahr 1306, wo Philipp der Schöne (IV.) in Frankreich ohne jeden Grund plötzlich den geheimen Befehl erteilte (22. Juli), die Juden mit Zurückbehaltung ihres Vermögens unter Androhung der Todesstrafe aus dem Lande zu jagen, worauf diese unerwartet von den Schergen überfallen wurden, die ihnen Hab und GUt abnahmen. Und was taten unsere Vorfahren? Nur wenige konnten die Schmach,nicht ertragen und wanderten mit Estor Ha-Farchi aus, das „Gros" aber hielt sich, so weit es ging, in den Grenzländern auf und wartete viele Jahre, bis derselbe König, welche über sie die Schmach der Ausstoßung verhängt hatte, in Geldnöten geriet und ihnen zurückzukehren gestattete, was sie auch freudig annahmen. Warum sollen wir also den Spaniern gegenüber, wenn sie ihr Unrecht einsehen, anders handeln? Dagegen macht sich allerdings jetzt eine kühlere Auffassung bemerkbar. Zumal die Zionisten, welche in der grausamen Behandlung Spaniens eine unauslöschliche Verletzung des jüdisch-nationalen Stolzes erblicken, wollen von einer Rückkehr nichts wissen. So meinte Herr Ingenieur Guinbal (welcher Mitglied der Wiener „blsparanra" ist und Gelegenheit hatte, persönlich mit dem Sohne Pulidos in Wien zu sprechen, und dem ich auch zu verdanken habe, daß ich mit seiner liebenswürdigen Unterstützung imstande war, die spanische Korrespondenz ins Deutsche zu übersetzen), daß in den zivilisierten Ländern die dort lebenden Spaniolen die herrschende Kultur und Sprache annehmen, erst natürlich die alle Juden vereinigende hebräische Sprache, und dann zum Beispiel in Aegypten die englische, in Algier die französische, in Bosnien die Landessprache, und daß sie das verdorbene spanische Kauderwelsch ganz verlernen, außer den Spaniolen in Marokko, da die arabische Kultur dort ganz erloschen ist. So auch meinte Herr Doktor D. Alkalay aus Belgrad, mit dem ich gelegentlich seines Besuches in Sarajevo über diesen Gegenstand sprach, daß er darauf hinarbeite, daß die spanischen Juden in Serbien nur das Serbische korrekt erlernen, was ihnen viel nützlicher sei als die spanische Sprache. Jmuierhin standen doch alle spanischen Juden dem Auftreten Pulidos ausnahmslos sympathisch gegenüber, da sie mit Recht annahmen, daß er von rein hunianen und patriotischen Motiven geleitet und daher die ganze Judenheit ihm Dank schuldig sei. Seither ist es von der ganzen Sache auffallend still geworden. Sollte sie völlig eingeschlafen sein? Es wäre wirklich sehr schade! Das logische Fundsmrrtt des Gottrsbegriffs. Von Dr. Ludwig Stein, Professor an der Universität Bern. i. en beiden seelischen Wesenshälften, Gefühl und Wille auf der einen, Verstand auf der anderen Seite, korrespondieren jene zwei großen religionsphilosophischen Rechtfertigungen der religiösen Gewißheit, die als Irrationalismus bei Schleiermacher und Feuerbach, als Rationalismus bei Descartes und Hegel in die Erscheinung treten. Die seelischen Wurzeln des Gottesglaubens liegen nach Feuerbach und Schleiermacher im Gemüt, im Gefühl, letzten Endes im Willen. So sieht Schleiermacher in der Religion ein gefühlsmäßiges Ergriffensein von unserm Zusammenhang mit dem Universum, das Gefühl unserer Abhängigkeit von der allgemeinen Ordnung der Dinge. Die spezifisch religiöse Jdeenbildung — gleichsam das religiöse Apriori — ist nach Schleiermacher keine Verstandesnotwendigkeit, sondern eine Gefühlsnotwendigkeit, das Gefühl nämlich von der Einheit von Endlichem und Unendlichem. Da nun aber Gefühl oder Gemüt rein menschliche Eigenschaften sind, mit denen wir die übrigen Lebewesen odergar die unbelebten Dinge niemals ausstatten werden, so bleibt nach Schleiermacher jedes religiöse Erlebnis ein rein subjektiver Vorgang des Menschengeschlechts. In dieser irrationalistischen Grnndauffassung der religiösen Gewißheit, wonach das menschliche Abhängigkeitsgefühl von über ihm stehenden Mächten wie die psychologische Quelle, so der zureichende logische Grund des Gottesglaubens zu suchen sei, weiß sich Feuerbach mit Schleiermacher eins. Das Urphänoinen aller Religion bleibt für Feuerbach wie für Schleiermacher das Wunder. Nur gräbt Feuerbach tiefer als Schleiermacher. Im Sinne des Schillerschen Wortes: „In seinen Göttern malt sich der Mensch" verfolgt Feuerbach die Spuren des religiösen Urphänomens bis in die feinsten seelischen Verästelungen hinein. Der Mensch kann, sagt Feuerbach, schon die Natur, vollends Gott nur von sich aus erfassen. Jedes Weltbild ist unanfhebbar mit einem anthropomorphischen Zug behaftet. Nur Vorgänge und Züge, die wir Menschen an uns selbst beobachten, nur Gefühle und Stimmungen, die der Natur des Menschen selbst eigentümlich sind, vermag er durch eine Art von Selbstverdoppelung den Außendingen zu verleihen. Das protagoreische Wort: „Der Mensch ist das Mas; aller Dinge", erhält bei Feuerbach den tieferen Sinn, daß wir vermöge unserer menschlichen Stammesnatur allen Außendingen, die unsere Sinne affizieren, notgedrungen solche Züge leihen müssen, die wir in unserm eigenen Innern beobachtet haben. Deshalb ist jedes wie immer geartete Weltbild unallshebbar menschliche Verdoppelung, ein Hinausprojiziereir menschlicher Eigenschaften in die Außenwelt. Die Natur beseelen, wie es den fetischistischen Religionen eigentünilich ist, heißt nichts andres, als sie vermenschlichen. Die menschliche Einbildungskraft schafft so eine Art von Doppelreich, wie es einst Aristoteles seinem Lehrer Platon entgegen gehalten hat, daß seine Ideen nichts weiter seien als Verdoppelungen, d. h. die wirkliche Welt noch einmal gedacht, in den Formen der Idee. Nur ist diese Verdoppelung bei Feuerbach kein willkürliches Gebilde der Einbildungskraft, „aus Furcht und Hoffnung geboren, durch den unaufgebbaren Glückseligkeitstrieb des Menschen beflügelt", sondern ein im tiefsten Seelengrunde unbewußt ruhender Prozeß, den er einmal den „Instinkt der Religion" genannt hat. Fassen wir den Feuerbachschen Gottesbegrifi auf die knappste Formel zusammen, so ist ihm Gott nichts anderes, als der in der Phantasie befriedigte GlückseligkeitStrieb des Menschen, somit ein reines Wunschwesen. Gott ist ihm ein aus dem „religiösen Instinkt geborener, in ein wirkliches Wesen verwandelter Mensch". Gott ist die personifizierte Sehnsucht, das in das Unendliche hinausprojizierte Ideal. Oder wie der Mystiker Sebastian Frank unter jubelnder Zustimmung Feuerbachs sich ausdrückt: „Gott ist ein unaussprechlicher Seufzer, im Grunde der Seele gelegen." Nein, sagen die Rationalisten mit Hegel und Spinoza, Gott ist kein bloßes Wunschwesen, keine phantastische Illusion, kein Produkt eines bloßen Abhängigkeitsgefühls, keine Schöpfung eines unkontrollierbaren religiösen Instinkts, kurz, Gott ist keine bloße Gefühlsnotwendigkeit, sondern eine unanshebbare Denknotwendigkeit; Gott ist kein Erzeugnis eines psychologisch - subjektiven Faktors im menschlichen Bewußtsein, sondern nach Hegel das Ergebnis eines in der Geschichte sich realisierenden, unausweichlichen, logisch-objektiven Prozesses. Soll Religion nur als Gefühl da sein, so wirft Hegel einmal