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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-06-14 · Heft 24 (14.6.1907) · p. Seite 284

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 24 (14.6.1907)
Date
1907-06-14
Page
Seite 284 (sequence 8)
Language
German
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284 Ich bin der Begründer und Redakteur der literarischen Rundschau „La Alborada“ (Morgenröte) von Plojesti. Bald darauf ward ich Redakteur der „La Alborada“ in Sarajevo für das Judentum Bosniens. Ich sagte vorhin, ich fei der Redakteur! Ach nein, ich war nur ein solcher, dem zweimal das Schicksal des Kikajon von Jona ereilte. Als Propagator und Reiniger unseres verdorbenen Idioms mußte ich mich eines verhältnismäßig literarischen Stils bedienen, weshalb ich auch Artikel in jener verdorbenen spanischen Sprache in meinem Blatte nicht zulassen durste. Dies war der Anfang vom Ende meines kurzen Redakteurseins. Fast meine sänitlichen Glaubensgenossen kennen die literarische Sprache beinahe gar nicht, weshalb auch meine Mühe, die Zeitschrift dem Geschmack meiner Leser anzupassen, fruchtlos blieb. Nach diesen bejammernswerten Mißerfolgen mußten meine ohnedies nicht allzugroben finanziellen Mittel bald zur Neige gehen, obzwar meine literarische Tätigkeit von allen Kapazitäten anerkannt wurde. Wie man aus Obengenanntem ersieht, war ich schon vor dem Erscheinen Ihres vielberühmten Werkes bemüht, den Intentionen desselben zu dienen. Ich verspreche Ihnen, so weit es meine schwachen Kräfte erlauben, für die geistige Hebung unseres Volkes auch weiter zu arbeiten und mich Ihnen für Ihr erhabenes Unternehmen zur Verfügung zu stellen, welchem alle Glaubensgenossen aus Spanien und dem Orient als gute Sefardim begeistert zustimmen werden. Die Juden Bosniens bewahren noch heute Sitten und Gebräuche ihres alten Vaterlandes. Typisch ist sogar dies, daß man uns kurz Spanier nennt. Aus die Frage: Wie sprichst Du? antwortet man Ihnen: „Jüdisch". Vor zwei Jahren hatte ich anläßlich des Automobilrennens Paris-Wien Gelegenheit, mit dem Sohne des Prinzen Don Karlos zu konferieren. Es war interessant, daß viele der umstehenden spanischen Juden freudig erregt waren, weil der Prinz jüdisch sprach. Zum Beispiel sei auch bemerkt, daß viele Romanzen spanischen Ursprungs von den Juden dieser Länder mit dem Ausdruck heiliger Rührung, mit Tränen in den Augen, gesungen werden. Hier ist das kastilianische Idiom so stark verdorben, daß man in ihm hebräische, deutsche, kroatische, italienische und andere Ausdrücke findet. Bis zum Jahre 1906 gab es hier sehr wenige, die die Zeitungen spanischer Zunge lasen. Doch Dank der ehemaligen Existenz der „La Alborada“ hat sich das geändert. Wir haben hier in Sarajevo mehr als 700 Familien spanischer Juden, welche auch eine neuerbaute, mit allen Anforderungen der Neuzeit ausgestattete Schule besitzen. Hier wird das Spanisch- Jüdische nach der primitivsten Methode unterrichtet. Es befindet sich dort auch ein Tempel, der sich durch musterhafte Ordnung auszeichnet. In unserem Orte existieren einige wohltätige und kulturelle Vereine. Die letzteren sind nur religiöser Art, weshalb ihnen auch die Verbreitung der modernen Kultur fehlt. Die angesehensten Vertreter ersterer Vereine sind der bekannte Bankier Herr Salvator Daniel Salom als Präses der „Benevolencia" und Madame Rena David Alkalay, die Mutter des Ihnen bekannten Herrn Salomon D. Alkalay, dem ich auch die Einsichtnahme Ihres Buches verdanke, als Vorsteherin des Frauenvereins „Humanste". Diese beiden Vereine, wie auch der rühmlichst bekannte Gesangverein „La Lira" sind derart organisiert, daß sie jeden Vergleich mit ähnlichen Institutionen Stand zu halten vermögen. Das Judentum von Sarajevo hat unter den Sefardim acht bis zehn Doktoren und Akademiker, welche dem Namen Israel alle Ehre machen. Wir können sogar behaupten, daß dieses kleine Häuflein sich um die Gründung des Vereins „Esperanta" in Wien sehr verdient gemacht hat. Ich bin stets gerne bereit, Ihnen jede Information auf allen Gebieten, wie z. B. betreffs des Standes, der Lebensverhältnisse der spanischen Juden zu geben, und stelle mich aus diesem Grunde Euer Wohlgeboren ganz zur Verfügung. Empfangen Sie, hochverehrter Herr, meinerseits wie auch im Namen meiner Freunde und Bekannten den herzlichsten Dank, die ave mit mir vollkommen einig sind in der Dankbarkeit, welche Jhner das spanische wie auch das gesamte Judentum schuldet. Abraham B. Kappon. Kappon zeigte mir neulich ein Gedicht an die Heimat, dw er verfaßt, das ich hier reproduziere und dem Sinne nacl deutsch übersetze: A ti Espana bienonerida Nostros madre te Glamamos I mientras toda nuestra vida Tu dulce leugna no dejamos. Aunque tu nos desterraste Como madrastra de tu seno No estaneamos de Amarte Gomo santisimo terreno. Donde dejaron nuestros padres A sus queridos enterrados Y, las cemizas de miliares De torturados y quemados. Nosotros nunea de guardamos Aboreciön pays hermoso Por consigniente te mandamos Nuestro saludo amistoso. * * * Sei gegrüßt Spanien, du schönes Land! Wo noch die Asche meiner Väter ruht, Einst zeigtest du uns deine schwere Hand. Folter, Autodafe und Dominikanerwut. Doch siehe! Wir üben keine Rache, Wir vergaßen nur das Böse und Schlechte, Wir Pflegen noch deine gold'ne Sprache Und reichen zur Versöhnung dir unsere Rechte. Auch noch viele andere Spaniolen äußerten sich fef) sympathisch über die Idee und widerlegten alle Argumentdes sel. Dr. Kahserling. Sie meinten, daß nach dem Gesetz de Konstitution von 1855 der Artikel 2 jedem in Spanien verbiete, jemanden wegen seiner religiösen Meinung zu belästigen somit sei das bewußte Verbannungsedikt von 1492 aufgehoben Erklärte ja der Präsident Herzog de la Torre am 1. Dezember 1868 ausdrücklich, daß es aufgehoben sei. Die beiden Stamb ule- Juden, die Dr. Kayserling anführte und die nicht wollten ctL Juden erkannt werden, könnten noch nicht beweisen, das Staat und Volk in Spanien den Juden feindlich gesinnt seien da dies z. B. auch in dem liberalen Ungarn häufig vorkommt daß die Juden auf ihre Firmentafeln anstatt jüdischer ungarische Namen setzen, um dadurch die magyarischen Kunden glauben zl machen, daß auch sie die Nachkommen derer seien, die mit Arpad die Beskiden überschritten hätten. Was ferner über das Mißlingen der Einwanderumrussischer armer Juden — 1881 — in Spanien gesagt wurde, sei auch nicht stichhaltig, da doch Pulido nur von der spanischen Juden rede, welche dieselbe Sprache wie die Spanier sprechen, da dies ja auch die neuesten nationalen Kämpfe be weisen, wie mächtig die gemeinschaftliche Sprache das Band der Zusammengehörigkeit stärkt. Wie konnten daher russische Juden, die sich nicht einmal mit den einheimischen Russen ver ständigen konnten, sich dort heimisch fühlen? Mit Recht sagt Pulido: „Alle Völker sehen in der Ver breitung ihrer Sprache ein Zeichen ihrer Macht; das erste und sicherste Mittel, sie an uns zu fesseln, ist die Sprache." Wenn endlich von manchem eingewendet wird, daß Spanien, welches uns vor 400 Jahren so hart behandelt hat, nicht ver diene, daß wir jetzt alles vergessen sollen, so sei auch dies nicht stichhaltig; denn abgesehen davon, daß wir nicht die Sünden der Väter den Kindern anrechnen dürfen, zeigt uns die

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