Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1907)
- Date
- 1907-06-14
- Page
- Seite 280 (sequence 4)
- Language
- German
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280 die durchaus falsch und unbegründet sind? Weiß denn der Anhaltische Regierungsanzeiger nicht, daß es nur ein verhältnismäßig geringer Bruchteil der russischen Juden ist, der sich an diesem anarchistischen Treiben beteiligt, daß aber die Majorität der russischen Juden dieses Treiben auf das tiefste mißbilligt, weil es ihm selbst und dem Lande ebenso gefährlich wie schädlich ist? Und wenn er das — wie wir zu seiner Ehre annehmen wollen — nicht weiß, woher nimmt er die Berechtigung, über Dinge zu schreiben, die ihm so fremd wie möglich sind und eine Gemeinschaft von fünf Millionen Menschen, die selbst in den schlimmsten Zeiten ihren Patriotismus sich bewahrt hat, mit einem Federzug zu Genossen von Attentätern und Anarchisten zu machen? Wer hat dem „Anhaltischen Staatsanzeiger" vorgeredet, daß bei dem Attentatsversuch in Zarskoje Selo auch nur ein Jude beteiligt war? Und andererseits, hat der „Anhaltische Staatsanzeiger" denn ganz vergessen, daß inseinen eigenen Spalten in dieser Woche die Ermordung zweier jüdischer Fabrikdirektoren in Lodz durch die Terroristen berichtet wurde? In der Tat, das amtliche Blatt sollte sich, anstatt über das „Problem des russischen Judentums" zu orakeln, viel eher mit dem Problem beschäftigen, wie man Leitartikel schreibt, die ebensoviel geographische und politische Sachkenntnis enthalten als der obenerwähnte Artikel bedauerlicherweise vermissen ließ. Ueber das rumänische Zentralkomitee erhalten wir vom Hilfsverein, der deutschen Juden die folgende Mitteilung : Am 27. v. M. hat in Jassy eine Sitzung des rumänischen Zentralkomitees stattgefunden, das auf der Wiener Konferenz vom 5. Mai durch gemeinsamen Beschluß der dort vertretenen Organisationen als rumänische Zentrale für die Hilssaktion eingesetzt worden ist. In dieser Sitzung, an der Vertreter der verschiedenen heimgesuchten rumänischen Gebiete teilgenommen haben, wurde der Verteilungsplan des Hilfswerks im einzelnen gründlich durchberaten. Es sind für die folgenden Städte der verschiedenen Rayons — die durch Spezialkomitees vertreten sind — Bewilligungen festgesetzt worden: Im Bezirk Bukarest erhalten Entschädigungen die Ortschaften: Alexandria, Buzen, Panrin, Joesti, Covarului, R. Sarat. Das Grenzkomitee von Snezawa hat die Hilfsleistungen zu übernehmen u. a. für die Städte: Burdujeni, Bucacea, das Komitee Jassy für den Distrikt Jassy, Bivolari, Tsiganast, Podul, Jloi, T. Frumos, Cotuori, Badeni Belecesti. Im Distrikt Baslui werden von dem Jassyer Komitee versorgt die Geplünderten in Poungesti, Negresti, Codoesti, Falcin, Plopana, Cestesti, Baslui. Im Bezirk Roman: Bacesti, Bulusi-Reznow-Bezuni, Lespezi, Budesti und eine Reihe ganz kleiner Ortschaften. Bezüglich der Hilfeleistungen im Bezirk Botosani, die in großem Maße sich als nötig erweisen, find die näheren Festsetzungen, betreffend die einzelnen zu berücksichtigenden Ortschaften noch nicht endgültig getroffen worden. Dem Jaßnyer Komitee ist noch eine kleine Reserve belassen worden, um eventuell eingreisen zu können in Fällen, wo sich weitere Hilfe als notwendig erweisen sollte. Aus dieser — noch nicht einmal vollständigen — Zusammenstellung geschädigter Orte ist zu ersehen, in welch großem Umfange Pogrome in Rumänien staltgefunden haben. Es bleibt jetzt noch die Aufgabe zu erfüllen, für eine sehr erhebliche Anzahl Familien — ca. 500 — Sorge zu treffen, die durch die hinlänglich bekannte Ausweisungspolitik der rumänischen Regierung gezwungen sind, die Dörfer zu verlassen und in die rumänischen Städte auswandern, wo sie nunmehr, aller Hilfsmittel beraubt, sich n ungewissester und elendester Lage befinden. Der Hilfsverein der deutschen Juden hat erklärt, daß er auch an dieser Aktion teil zu nehmen bereit ist. Bisher sind für Rumänien insgesamt über eine halbe Million Mark zur Verausgabung gelangt. Aus einem Briefe von Jakob H. Schiff in New Jork an den Hilfsverein geht hervor, daß das rumänische Komitee in New Hork, das auch an der Hilfeleistung für die verfolgten Landsleute in reichstem Maße teilnahm, sich aufgelöst hat. * Die „Welt-Korrespondenz" bringt aus Melbourne über „ein jüdisches Reich in Australien" die folgenden teils phantastischen, teils unrichtigen Mitteilungen: „In den letzten Jahren ist die Gründung jüdischer überseeischer Niederlassungen in interessierten Kreisen wiederholt erwogen worden und rief, wie bekannt, eine stammgenossenschastliche Organisation in London ins Leben, an deren Spitze unter anderen angesehenen Israeliten sich Lord Rothschild befindet. Es ist nicht zu verwundern, wenn jene Organisation zur Verwirklichung ihrer Ziele den Blick auf das arm bevölkerte Australien warf, und so erschien ein Herr- Alexander Marks, als deren Vertreter, in Australien, um dort ein Gebiet zu suchen, das. soweit als möglich, als Ersatz für das gelobte Land dienen könnte. Er besuchte zunächst das nördliche Territorium, kam aber bald zu der auch von anderen Sachverständigen geteilten Ueberzeugung, daß dort unter den herrschenden klimatischen Verhältnissen und unter den gesetzlichen Bestimmungen einer „Whithe Australia"-Politik nichts zu holen sei. Sodann lenkte er seine Schritte in entgegengesetzte Richtung und fand schließlich im südlichsten Teile des Staates Westaustralien längs der Küste bis zur Mündung des Meehup River ein für den Zweck passend erscheinendes Gebiet. Mr. Marks hat nun im Aufträge der Londoner Organisation die Regierung von Westaustralien ersucht, ihm jenes Territorium im Umfange von einer Million Acker auf IV2 Jahre fest an Hand zu geben, und er hofft, innerhalb dieser Frist Vorkehrungen zur Gründung einer jüdischen Kolonie vollendet zu sehen. Aus einem letzter Tage veröffentlichten Gespräche, das er mit einem Zeitungsvertreter hatte, dürsten folgende Angaben auch den deutschen Leserkreis interessieren. Zunächst erwähnte Mr. Marks ein Schreiben des Präsidenten der ßonbonet; Organisation, Herrn Isaak Zangwill, worin es heißt: „Wenn wir in Australien etwas tun, so muß die Arbeit in großem Maßstabe und unter günstigen politischen Bedingungen erfolgen. Unsere Aufgabe ist durchaus nicht darauf beschränkt, für eine Anzahl russischer Auswanderer zu sorgen, denn diese könnten ebensogut, wenn nicht besser, int Westgebiet der Vereinigten Staaten angesiedelt werden. Für uns besteht das Hauptproblem vielmehr darin, die Basis für ein zukünftiges jüdisches Territorium zu finden, das dazu bestimmt ist, sich allmählich zu einer friedlichen und gesicherten Heimat für Millionen Angehöriger unserer Rasse zu gestalten." Nach der Versicherung des Herrn Marks wird man bei der Auswahl der Emigranten mit größter Vorsicht Vorgehen. Er weist darauf hin, daß seine Organisation im vorigen Jahre nicht weniger als 150 000 Juden nach den südlichen Staaten Amerikas hinausgeschickt habe und daß deren Ansiedlung ohne große Schwierigkeiten gelungen sei. Die Leute hätten sich aus Landbebauern, Viehzüchtern und Handwerkern zusammengesetzt, Berufsklassen, die auch jür die Besiedlung des westaustralischen Territoriums in erster Linie berücksichtigt werden würden. Das Vorurteil der großen Masse, das Judentum sei gleichbedeutend mit Trödlern und Wucherern, sei durchaus ungerechtfertigt, denn das israelitische Volk sei schon in den Zeiten seiner nationalen Selbständigkeit ein ackerbautreibendes Volk gewesen. Schließlich sprach Herr Marks die Hoffnung aus, die westaustralische Regierung werde dem philanthropischen Projekte, dem jede spekulative Natur fern liege, in liberalster Weise entgegenkommen; die praktische Ausführung würde der Londoner Organisation sehr bedeutende Geldopser auferlegen, da man beabsichtige, jedes Fiasko zu vermeiden und die Niederlassung auf einer für die Kolonisten vorteilhaften und lebensfähigen Basis vorzunehmen. Der Bescheid der Regierung steht noch aus." Soweit der Bericht der „Welt-Korrespondenz".