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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-06-14 · Heft 24 (14.6.1907) · p. Seite 279

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 24 (14.6.1907)
Date
1907-06-14
Page
Seite 279 (sequence 3)
Language
German
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279 Verhältnissen mehr Erfolg verspricht als das Beharren auf dem Rechtsstandpunkt, den die Regierung und die herrschenden Parteien nun einmal nicht als richtig anerkennen wollen. Es ist nämlich der, daß zunächst die jüdischen Gemeinden in größeren und zum Teil auch in mittleren Städten einen Antrag stellen auf Einrichtung jüdischen Religionsunterrichts durch die bürgerliche Gemeinde an deren Gemeindeschulen. Nach einem Erlaß des Ministers Falk vom 8. Juli 1875 sind die bürgerlichen Gemeinden ermächtigt, an ihren Volksschulen auch „jüdischen Religionsunterricht von Lehrern des bezüglichen Bekenntnisses erteilen zu lassen und solche Lehrer als ordentliche Lehrer dieser Schulen zu berufen". Der Minister Bosse hat erklärt, daß er hieran festhalte. Herr Ministerialdirektor Schwarzkopff hat in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 18. März 1907 bestätigt, daß auch die jetzige Unterrichtsverwaltung den gleichen Standpunkt einnimmt. Er setzte allerdings hinzu, daß die Einrichtung jüdischen Religionsunterrichts nicht ohne Prüfung des Bedürfnisses seitens der Schulaufsichtsbehörde angängig sei. Indessen greift in dieser Beziehung der Erlaß des Ministers Bosse ein, wonach seitens der Regierung es um so mehr anzuerkennen sei, für je weniger Kinder die bürgerliche Gemeinde einen besonderen jüdischen Religionsunterricht einrichten wolle. Auch ist zu beachten, daß die bürgerliche Gemeinde hierbei nicht etwa an die ün 8 37 des Volksschulunterhaltungsgesetzes erwähnte Zahl von 12 Kindern gebunden ist. Vielmehr wurde bei den Besprechungen, die zu dem jetzigen 8 10 führten, der den bestehenden Rechtszustand in der hier fraglichen Beziehung aufrecht hält, von inehreren Seiten, und wenn wir nicht irren, auch von seiten der Regierungsvertreter, hervorgehoben, das; die Beibehaltung des jetzigen Rechtszustandes aus diesem Grund günstiger für die Juden sei als Anwendung des 8 37. Wir können daher nur raten, daß alle jüdischen Gemeinden mit einigermaßen erheblicher Kinderzahl in nichtjüdischen Schulen den Antrag stellen auf Einrichtung eines besonderen von der bürgerliche» Gemeinde zu unterhaltenden Religionsunterrichts an den Gemeindeschnlen. ft Die „Akademischen Blätter", die Zeitschrift des Khff- Häuser-Verbandes der (antisemitischen) Vereine Deutscher Studenten, schreiben aus Anlaß des Hinscheidens des Professors Dr. Traube aus München: „Am Pfingstsonntag, den 19. Mai, starb der ordentliche Professor der lateinischen Philologie des Mittelalters Dr. Ludwig Traube, nicht ganz 46 Jahre alt. Aus diesem Anlaß erinnert man sich wieder an die Kampfe, die sich um die Jahrhundertwende in der bayerischen Kammer abspielten, als die Errichtung eines Lehrstuhls für mittelalterliches Latein als Gegenstück zu der seit 1892 bestehenden Professur für Mittel- und Neugriechisch von der Regierung gefordert wurde. Da für den zu errichtenden Lehrstuhl nur Traube in Betracht kommen konnte, lehnte die Kammermehrheit die Errichtung ab, denn Dr. Traube war Jude. Erst 1904 ivurde der Lehrstuhl bewilligt und dem jetzt Verstorbenen übertragen. Traube, ein geborener Berliner, hatte sich 1888 hier habilitiert; infolge seiner Verdienste um die Wissenschaft wurde er 1896 außerordentliches und 1899 ordentliches Mitglied der historischen Klasse der Bayer. Akademie der Wissenschaften, eine Auszeichnung, die einem Privatdozenten nur äußerst selten zuteil wird. 1900 erhielt er Titel und Rang eines außerordentlichen Professors und 1902 wurde er, als er einen Ruf nach Gießen ablehnte, zum ordentlichen Professor ernannt. Traube hat auf seinem Gebiet Hervorragendes geleistet; bedeutend war er auch als Paläograph." Derselben Nummer, der wir dies entnehmen, liegt eine Aufforderung zur Bestellung des „Handbuchs der Judenfrage" von Th. Fritsch bei. In diesem Buch wird u. a. gegen die Juden in Schulest und auf Universitäten gesprochen. Der Fall Traube dürfte beweisen, daß die Juden auf Universitäten ihre Stellen doch nicht ganz schlecht ausfüllen. ft Der „Anhaltische Staatsanzeiger" („Amtliches Organ. Aeltestes und am meisten gelesenes Blatt im Herzogtum Anhalt") — also allen Respekt vor diesem Organ der öffentlichen Meinung — brachte am 29. v. M. einen Artikel über die russischen Juden, dem wir um der Stellung des Blattes wegen Beachtung schenken müssen. Er knüpft an die Agitation russischer Studenten im Auslande an, die ja jeder vernünftige Mensch für wahnwitzig und selbstmörderisch halten muß, um dann auf die Inden in Rußland im allgemeineil zu kommen. Und da heißt es denn: „In Rußland gibt es über 10 Millionen Juden. Diesen Jllden geht es schlecht. Sie werden unterdrückt, schikaniert, sind zum großen Teil sehr arm, haben nichts zu verdienen; und >venn sie verdienen, werden sie geprügelt. Infolgedessen ist es psychologisch sehr leicht verständlich, daß diese Menschen die Staatsordnung, die sie bedrückt, nmwälzen wollen und alles daran setzen, um sich z» befreien. Dazu gibt es nickt viel andere Mittel, als den Terror. Wenn jemand am Rande des Abgrundes steht, so fragt er nicht, er überlegt und wägt nicht, er kämpft und sucht sich zu helfen, in einem gewissen blinden Fanatismus. Er haßt die Unterdrücker und will sie vernichten. Das ist psychologisch selbstverständlich. So ist die Politik der Juden in Rußland der Terror und Todfeindschaft jeder Ordnung. Und doch ist diese Politik falsch und sogar verhängnisvoll. Von den Unterdrückten darf man diese Erkenntnis nicht verlangen. Aber die, denen es gut geht, können die Realitäten messen und wägen und den ailderen sagen, daß sie blind in noch größeres Elend gehen. In letzter Zeit ist in Zarskoje Selo ein Attentat gegen den Zaren entdeckt worden. Gesetzt einmal, es geschehe, was die Inden in Rußland hoffen und woran sie arbeiten, ein solches Attentat gelänge, und der Zar und seine ganze Familie wäre nicht mehr. Die russische Monarchie, gestützt auf einen in den Künsten der Macht sehr gewandten und festen Beanitenkörper, ist sehr stark. Aber alles steht und fällt mit der Dynastie. Mit dem Verschwinden der Zarensamilie würde mit einem Male eine Reihe von Militärprälendcnten auftauchen. In der einen Provinz würde die Diktatur, in der anderen die Republik erklärt werden. Fürchterliche verwirrte Kämpfe würden stattfinden. Jede Negierungsgewalt wäre ans einige Zeit sicher gänzlich suspendiert. Dann würde sich jeder Elende »nd Bedürftige erheben, morden und sich nehmen, was er will. Und wer würde in diesen Tagen zuerst am sichersten und am vollständigsten arisgeranbt und totgeschlagen: die russischen Inden. Daran zweifelt kein einziger realdenkender Mensch, der nur einmal in Rußland war. Das ist das Problem des russischen Judentums. Der jetzige Zustand ist unerträglich. Aber das, was im Falle einer Revolution kommen würde, ist »och viel schrecklicher. Und deshalb zerstören die russischen Inden, die gegen das Zarentum arbeiten, sich selbst, dem alten Fluch ihres Volkes gehorchend. Man müßte ihnen raten, treu zum Zaren zu stehen und durch diese Unterstützung sich Erleichterungen ihrer Lage zu erobern. Aber ein solcher Rat ist vor der Wirklichkeit ein Hohn und eine Unmöglichkeit. Wir stehen heute am Beginn eines der tragischsten Abschnitte in der tragischen Geschichte des jüdischen Volkes." Was soll man nun zu dieser Leistung eines offiziellen Regiernngsorgans sagen,das über zehn Millionen Juden in Rußland an nimmt, während auf der ganzen Welt nicht mehr leben? Soll man zunächst die große Sachkenntnis vder die nicht minder große Kenntnis der russischen Verhältnisse bewundern, die in allen dortigen Juden Anarchisten sieht? Wenn aber der Artikelfchreiber die Unterdrückten entschuldigt und die, „denen es gut geht", anklagt, dann hört der Spaß ans, und myn muß fragen: Wie ist es möglich, das; ein offizielles Regierungsorgan derartige Behauptungen in die Welt schickt,

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