Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1907)
- Date
- 1907-06-14
- Page
- Seite 278 (sequence 2)
- Language
- German
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278 das Göttliche in der menschlichen Brust. Wer die Religion fördern will, der kann es nur durch die weitgehendste Freiheit tun, durch die Gewährung des weitesten Spielraums für die Entfaltung einer jeden in sich gefestigten Ueberzeugung. Nicht Toleranz sollen wir üben, Toleranz ist ein häßliches Wort und hat stets den unangenehmen Beigeschmack eines gezwungenen Gefühls. Nein, wir sollen jede Ueberzeugung zu verstehen und zu lieben suchen. „Liebe die religiöse Ueberzeugung deines Nächsten wie deine eigene!" Das ist der kategorische Imperativ jeder wahren geläuterten Religiosität. Manche moderne Staaten aber scheinen nur den Schein der Religion wahren zu wollen. Durch Parqgraphen und Verordnungen schützen sie die äußere Form der Religion, während die innere Religiosität geschwächt wird. Diese Staaten, die die Schützer der Religion sein wollen, schließen häufig eine ganze Klasse von Bürgern aus vielen Aemtern und Berufen nur ihrer Religion wegen aus. Sie bestrafen also die Ueberzeugungstreue, die sie doch zn fördern vorgeben. Kein Mensch wird ernstlich glauben wollen, daß sich unter allen deutschen Juden niemand findet, der sich zum Offizier eignet, daß niemand unter ihnen vorhanden ist, der die Qualifikation zum Verwältungsbeamten besitzt. Nein, die Zugehörigkeit zur Religion ihrer Väter ist es, die diesen Juden die Bahn zum erwünschten Lebensberuf versperrt. So verkümmert man vielen Bürgern die innere Freude am Staate lediglich wegen ihres Glaubens in einer Zeit, wo so viel von Toleranz und Liberalismus gesprochen wird. So schützt man die Religion im Staate! Was hilft da alle Theorie von Moral und Religion, wenn die Taten sie täglich Lügen strafen! Da war doch der Barbarisinus voriger Jahrhunderte noch moralischer, weil ehrlicher. Das Mittelalter erkannte nur die christliche Religion als berechtigte Religion an und stellte alle Nichtchristen außerhalb des bürgerlichen Kreises. Das war ein niedriger Standpunkt, aber es lag wenigstens Konsequenz darin. Heute haben wir eine freie Verfassung, aber ein sehr eingeengtes Staatsleben. In der Verfassung wird stolz verkündet, daß die Religion kein Hindernis bilden darf, im Leben aber wird zuerst nicht nach dem Eharakter und der Tüchtigkeit, sondern nach dem Taufschein gefragt. Ja, nach dem Taufschein nicht nur der Christen, sondern auch der — Juden fragt der moderne Staat. Denn auch Inden mit christlichem Taufschein werden gnadenvoll unter die Fittiche des Staates und seiner Organe genommen. Und darin liegt die höchste Charakterlosigkeit der Verwaltungstaktik. Man fragt nicht nach der Ueberzeugung, sondern nach dem Schein. Man weist einen Kandidaten als Juden zurück und nimmt ihn nach sechs Wochen in Gnaden wieder auf, wenn er den Taufschein mitbringt. Man ist gewiß nicht so naiv, zu glauben, daß über den Kandidaten Plötzlich die Erleuchtung gekommen ist und daß er sich aus innerer Ueberzeugung zum Christentum bekehrt hat, aber der Schein ist gerettet, und der Schein ist alles. In verschiedenen Ministerien sollen Fülle vorgekonunen sein, daß jüdische Beamte direkt anfge fordert wurden, sich taufen zn lassen. In einzelnen Ministerien scheint sogar ein besonderes Zimmer für Jndenmission eingerichtet zu sein, worin noch nüchterner das Bekehrnngsgeschäst besorgt wird, als es die Judenmission schon ohnehin zu tun Pflegt. Das heißt doch eine Prämie auf die Charakterlosigkeit aussetzen, wenn man die Ehrlichen, die bei ihrer Ueberzeugung bleiben, ignoriert und die Gewissenlosen, die ohne inneren Glauben eine neue Religion annehmen, befördert. Das ist eine Erziehung zur Heuchelei und zum Strebertum. Dadurch gewinnt weder das Christentum, noch die Moral, noch der Staat. Ja, alle drei nehmen dadurch Schaden. Das Christentum erhält wohl einen Zuwachs an Steuerkraft, gewinnt aber damit Elemente, die den christlichen Glauben schwächen müssen, weil sie ihn nur als Schild benutzen, nur als Leiter, um dani t Ebren, Aemter und Würden zu erlangen, und weil das bö c Beispiel ansteckend wirken muß. Die Moral verhüllt trenne,] ihr Antlitz, wenn die Wahrheit verhöhnt und die Lüge öffentlich belohnt wird. Der Staat endlich erhält Beamte ohne innere Festigung, ohne sittlichen Halt und ohne Charakte r Solche Beamten können bei aller äußeren Tüchtigkeit doch ni - mals eine große Mission ausführen. Der Staat bekomm t durch diese traurige Politik das Streberheer, das er zu» Schaden aller öffentlichen Einrichtungen künstlich züchtet. Man hat in den letzten Jahren oft geklagt, daß d e Charaktere heute so selten sind. Nun mag es ja sein, k;i der nivellierende Zug der Zeit der Bildung von starke, Charakteren gerade nicht günstig ist. Indessen könne > Charaktere in allen Zeiten und unter allen Verhältnissen siez bilden. Nur muß der Boden, auf dem sie gedeihen sollen, nicht verdorben werden. Ein Boden aber, der mit Heucheln und Streberei gedüngt ist, ist nicht dazu geschaffen, starte Charaktere hervorsprießen zu lassen. Das hervorragendst- Merkmal des Charakters ist die Harmonie zwischen Gedanken uüd Tat, die Kongruenz von Ueberzeugung und Handlung. Ein Staat aber, der Theorie und Praxis z zwei voneinander getrennten Welten ausbildet, hat nicht da- Recht, sich darüber zu beklagen, daß er nachher die Früchn seiner verfehlten Politik ernten muß. Der psychologische Hintergrund dieser gefährlichen um e unwürdigen Regierungstaktik ist die Wahrung der „heilige, Tradition". Man weiß wohl, daß es im modernen Lebe i einen „christlichen Staat" nicht mehr geben kann, möchte abec doch noch die Fassade dieses morschen Gebäudes retten. Ei> e Tradition aber, die nicht mehr im Volke wurzelt, hat jel. Existenzberechtigung verloren, und wenn man sie auf Kostei der Wahrheit und Gerechtigkeit erhalten will, so ist da sicherlich keine Staatsweisheit. Es wird erst besser werden, wenn wir lernen, unser Leben nicht nach Traditionen, sondern nach Grundsätzen einzurichten. Alle,die es mit dein Vaterlande und seiner Zukunst ehrlich meinen, haben Interest daran, hier die Sonde anzusetzen und die Wunde zu heilen Denn erst, wenn das Kranke beseitigt ist, wird ein gesunde Fortschritt erstehen können, Bit Woche. Berlin, 12. Jun> ie Zurücksetzung der jüdischen Lehrkräfte in de Volks- und Mittelschulen gibt seit langer Zeit Grünt zu berechtigter Klage. In der Breslauer Stadtverordneten Versammlung entspann sich darüber vor kurzem eine inten essante Debatte, deren stenographischer Bericht uns vorlieg Die Stadtverordneten Justizrat Ollendorff und Dr. Carl Rein führten mit Recht darüber Beschnverde, daß gerade in Bresla i in bezug auf die Zurücksetzung der jüdischen Lehrkräfte in Schulwesen die Verhältnisse bisher noch »weit ungünstige lagen als in manchen anderen Großstädten Preußens. Di Antwort, die ihnen vom Magistratstische wurde, war ein wenig entgegenkommende und recht unerfreuliche. Aber einen Rat hat ihnen der Breslauer Oberbürgermeister doch bei diese Gelegenheit gegeben, den auch die anderen Großgeineinden in Preußen beherzigen sollten und der unter den gegenwärtigen