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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-06-14 · Heft 24 (14.6.1907) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 24 (14.6.1907)
Date
1907-06-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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1\. Jahrgang. Nr. 24. Berlin, 14. Juni 1907. eitung desAudentums Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner Dr- Ludwig Philixi-son. VsrlsV-kxpeMoa: Berlin, Jerasalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf rnofse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. ALonnements-preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Staat und Moral. Berlin, 12. Juni. Dem modernen Menschen ist der Staat kein mystischer Begriff, keine übernatürliche Einrichtung. Er hat ringst den künstlichen Nimbus, mit dem sich der Staat im Nittelalter umgab, verscheucht und er erblickt auch hier gar , viel Menschliches, ja Allzumenschliches und ist damit' zui reden. Denn er weiß, wie oft das Uebermenschliche im Staate zum Menschlichen geführt hat. Uns ist der Staat kein Vertreter der Allmacht Gottes auf Erden, keine Institution mit unerschöpflicher Kraft und unvergleichlicher Tugend ausestattet, sondern eine menschliche Organisation, geschaffen, ie bürgerliche Ordnung zu sichern. Und doch verbinden auch ,nr Modernen mit dem Begriffe Staat große Vorstellungen on menschlichem Fortschritt und wir diktieren dem Staate * ine Fälle ernster Aufgaben. Ja, gerade der moderne Mensch, er wohl weiß, daß der Staat im Grunde weiter nichts ist ls die Gesamtheit der Bürger, stellt an ihn immer höhere lnforderungen. Denn die Bedeutung des Staates hat trotz ller konservativen Klagen im Laufe der neuen Geschichte zund nicht abgenommen. Erst mit der demokratischen Entwicklung hat der Staat seine eigentliche Bedeutung erlangt, cst da, wo er die Fühlung mit dem Volke gesucht und efunden hat, konnte er an die Lösung großer Aufgaben heran- Leteir. Als Organ eines Selbstherrschers war der Staat eine mstliche Schöpfung, nur durch äußeren Zwang zusammenehalten. Heute als Instrument des Volksgeistes und der wlkskraft ist der Staat die höchste und natürlichste Institution nd er kann Großes leisten, weil er alle Kräfte des Volksebens sich dienstbar zu machen und alle Gefühle der Volkswele auszulösen vermag. Es ist gar kein Zweifel: mit der ,-ülle der neuen Aufgaben und Pflichten ist der Staat auch nnerlich fortwährend gewachsen. So ist der ganze Kreis der ozialen Aufgaben eine neue Errungenschaft, und doch ist die 'ösung gerade dieser Ausgaben die vornehmste Tat des Staates geworden, denn das soziale Leben steht uns noch iäher als das politische. Auch die moralischen Aufgaben des Staates haben mit er Zeit qualitativ und quantitativ zugenommen. Denn der Staat ist auch der Wächter des sittlichen Volkslebens und hat nch für die moralische Gesundheit der Bürger zu sorgen.;e reicher und mannigfaltiger das Volksleben wird, desto wößere Aufgaben erwachsen dem Staate auf diesem Gebiete. Der moderne Staat soll keine frömmelnde Politik treiben und wie Gewissensfreiheit nicht hemmen, wohl aber ist die Lefreiung des Volkes von Not und Laster und die Schaffung einer Bahn für eine gesunde und natürliche und daher auch moralische Lebensweise eine segensreiche Tat, die jeder Staat anstreben sollte. Die Norm der Moral ist ja schließlich die allgemeine Wohlfahrt, die Erstrebung des höchsten menschlichen Glückes aller Bürger, und dieser Grundsatz ist ja auch die Grundlage einer jeden groß angelegten Staatspolitik. Streng genommen kann man soziale Ausgaben überhaupt nicht lösen, ohne bewußt oder unbewußt die Moral der Bevölkerung zu fördern, und ebensowenig kann man einen sittlichen Fortschritt erzielen, wenn die wirtschaftliche Grundlage fehlt. Der Geist der Neuzeit hat durch die Wegräumung alles Morschen und Ueberlebten Raum geschaffen für große moralische Aufgaben. Der heutige Staat kann auch moralisch leichter auf das Volk einwirken, well ihm das Thermometer der Volksseele nicht fehlt, weil er es nicht mehr mir Sklaven, sondern mit freien Bürgern zu tun hat. Aber der ernste Wille dazu muß vorhanden sein. Das ist die erste Voraussetzung. Denn der Wille ist hier die große Kraft, die Wunder schafft. Wenn der Staat heute seinen sittlichen Aufgaben nicht gerecht wird, so geschieht es meistens, weil es ihm nicht ernst um diese Dinge ist. Der Staat nimmt heute das Wort Moral sehr häufig in den Mund und umgibt sich mit einem Glorienschein von Religion und Sittlichkeit, aber mit leeren Worten ist noch nie ein ernstes Problem gelöst worden, und wenn man ein falsches Schild aushängt, so diskreditiert man damit nur sein Geschäft und zeigt seine innere Schwäche. Es ist einmal so, daß die sogenannte Judenfrage den Prüfstein für die Kultur der modernen Staaten abgibt, und auch bei der Moral des Staates erweist sich dieser Prüfstein als zuverlässig. Dieser Prüfstein aber verkündet uns, daß die Staatsmoral in der Gegenwart eine sehr ungesunde ist. Man kann darüber streiten, ob die Pflege der Religion eine Aufgabe des Staates sein soll und ob es nicht besser wäre, wenn der Staat nur gleiche Bürger erziehen und die Sorge für ihr Seelenheil ihnen selber überlassen würde. Aber die heutigen Staaten geben sich als die zuverlässigsten Stützen der Religion aus. Sie bauen Kirchen, besolden Geistliche und lassen auf den öffentlichen Schulen obligatorisch den Religionsunterricht erteilen. Der Staat steht also aus denr Standpunkt, daß die Religion dem Volke erhalten bleiben muß, weil ohne Religion ein wahres inneres Glück, eine wirlliche menschliche Ordnung für die Dauer nicht möglich ist. Diese Fürsorge für die Religion hat° aber nur dann einen Sinn, wenn man die innere Religiosität als die Quelle sittlicher Kraft anerkennt und vor jeder religiösen Ueberzeugung Achtung zeigt. Denn die Grundsäule aller Religion ist die Wahrheit, die Treue gegeir Gott und gegen

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