Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- Seite 276 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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die unsere, wir für die Eure!" versetzte Rüben, warm. „Laßt uns nicht rechten, welche die bessere sei — wir sind Menschen und, wie Sie richtig sagten, in Gottes Hand allein ist die Wahrheit, h. Nicht das Blut von Tausenden, im Glaubenskampf geflossen — nicht der verfolgende Haß und Streit modernerer Zeiten wird dies entscheiden, wird überzeugen — an ihren Früchten^wird man sie erkennen. Es glaube jeder sicher seinen Ring Den echten! Es strebe jeder um die Mettes Die Kraft des Steins in seinem Ringe an den Tag Zu legen! Komme dieser Kraft mit Sanftmut, Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun, Mit innigster Ergebenheit in Gott zu Hilf'! Nur auf diesem Wege, den ein Größerer uns geiviesen, aus diesem kommen wir zur religiösen Duldung, zur Eintracht, zuin Frieden, zur Versöhnnitg. Gnade ist verheißen denen, die sie suchen!" „Folgten denn Eure Priester immer solcher Lehre? Handelten so Eure Glaubensgenossen?" fragte der junge Mann bitter. „Sind wir nicht alle Sünder? Wer will leugnen, daß auch wir gar oft gefehlt?" war die ruhige Antwort. „Schlechtes wohnt in jedem Menschen, wie das Gute, sei er nun Jude oder Christ, nur, ivas die Besseren gewollt, vollbracht, das besteht in jedem Glauben. Mein lieber, junger Freund," fuhr Rüben mit warmer Herzlichkeit fort, „vor Ihnen liegt ein herrliches, ein weites Arbeitsfeld! Sie wollen werben Ihrem Glauben! Werben Sie dem Guten, der Duldsamkeit, der allgemeinen Menschenliebe, so werben Sie auch sicher Ihrem Herrn und über ihm dem ewigen Gott. Predigen Sie die Achtung und die Rücksicht auch für andere Religionen! Rühret nicht am Heiligsten eines friedlichen Volkes! Gönnt uns den Frieden und den.Segen unseres Glaubens, wie wir den Euren niemals Euch berühren. Aechtet das Schlechte, die Gemeinheit, das Verbrechen in allen, ohne Unterschied der Konfessionen, lehrt aber nicht bei uns sie in Verbindung bringen mit unserem Glauben. Schmäht nicht den Baum, von dem auch Ihr ein Zweig seid und Schatten empfangt und Labung: die unausrottbare, die heilige Gotteseiche, um die wir uns scharen, die uns erhält einig und stark und glücklich seit Jahrtausenden. Machet Euch nicht zu Richtern über uns — Menschen über Menschen — überlaßt dieses Amt dem Ewigen." „Wir alle sind Sünder und mangeln des Ruhms, den wir vor Gott haben sollen — wir dürfen zu Gericht nicht sitzen über unseresgleichen," sagte der junge Prediger, erschüttert von dem pathetischen, feierlichen Ernst Rubens. „Ja, ich will versuchen mit allen ineinen schwachen Kräften in Ihrem Sinne zu wirken." 7. Reinhold drückte herzlich die Hand Rubens. „Ich sage noch einmal, wären alle wie Sie, die Versöhnung wäre ein leichtes Werk. Ich hoffe, daß Nur noch besser uns kennen lernen mögen und uns nicht sogleich trennen. Und »neun Sie Söhne haben, die dem Vater ähnlich —" „Ach!" seufzte Rüben schinerzlich. Sein Sohn Julius fiel ihnr wieder ein, dessen er, von seiner Rede hingerissen, für kurze Zeit wieder vergessen. „So wird Gott Sie Freude an Ihnen erleben lassen; ich ivünsche und hoffe es von ganzem Herzen," schloß Reinhold warm. _„Auch - Ihren Vater segne Gott in Ihnen!" erwiderte RubeiF'ebenso. „Ich bin elternlos," antivortete jener trübe. „Ich habe einen geliebten Vater erst kürzlich, die Mutter schon frühe verloren und stehe allein." „Nicht allein," sagte Rüben fast liebreich, die Hand auf seinen Arm legend. „Die Freundschaft, die Liebe'Ihrer Mitmenschen seien Ihre steten Gesellen, und Ihre dankbare Gemeinde Ihre Familie. Sie haben alle Rechte darauf! Gott mit Ihnen!" Sie reichten sich noch einmal stumm die Hände und stiegen alsdann wieder in den Wagen. Weihevoll gestimmt verharrten sie den Rest der Fahrt in Schweigen. ^Fortsetzung folgt.) Sprechlaal. Geehrter Herr Redakteur! erschiedene Vorkommnisse der letzten Zeit veranlassen mich, aus einen wunden Punkt hinzuweisen, die Form nämlich, in der die lneisten Rabbiner, wenigstens der altpreußijchen Gemeinden, angestellt werden. Der Rabbiner wird zuerst provisorisch angestellt, dann erhält er einen Kontrakt auf eine Reihe von Jahren, der immer wieder der Erneuerung bedarf. Versteht es der Rabbiner, „sich beliebt zu machen", dann wird er vielleicht anläßlich seines 25jährigen Jubiläums definitiv angestellt. Die Schaffung der Pensions- und Reliktenkasse wird hier meines Erachtens eine wesentliche Besserung nicht bringen. Hier muß gründlich Remedur geschaffen werden. Im Interesse der Autorität und einer gedeihlichen Wirksamkeit des Rabbiners muß dessen Anstellung vom ersten Tage an eine definitive sein (selbstverständlich mit den auch bei Staatsbeamten geltenden Vorbehalten). Das liegt nicht nur im Interesse des Rabbiners, sondern ebenso im Interesse der Gemeinden,' welche Männer brauchen, die nicht durch äußere Rücksichten gebunden sind. Auch werden mehr als bisher von Haus aus an Unabhängigkeit gewöhnte, idealgesinnte deutsche Jünglinge sich dem theologischen Studium zuwenden, wenn dem Rabbiner eine unabhängige Stellung gewährleistet ist. (Heute rekrutiert sich der Nachwuchs bezeichnenderweise am wenigsten aus den Nabbinerfaulilien selbst., Für den Fall eines Konflikts zwischen Rabbiner und Gemeinde muß eine (eventuell aus denr betreffenden Gemeindevorstand und dem Vorstand des deutschen Rabbinerverbandes bestehende) entscheidende Instanz geschaffen werden, die auf Entlassung des Rabbiners nur dann erkennt, wenn er sich des Vertrauens, das sein Amt erfordert, wirklich unwürdig gezeigt hat. Mag dann der Fall auch einmal eintreten, daß einer Gemeinde ein ihr nicht mehr genehmer Rabbiner aufgenötigt wird, so ist der Fall jedenfalls nicht schlimmer.^ als wenn ein Rabbiner, der vielleicht einigen Gemeindegewaltigen nicht paßt, einfach stellungslos wird; ein solch vereinzelter Fall besagt gar nichts gegenüber dem leidigen Verhältnis, das durch jede provisorische Anstellung des Rabbiners geschaffen wird und das zu schildern ich mir wohl ersparen darf. Ich verkenne nicht, daß das Verhältnis zwischen Rabbiner und Gemeinde ein Verhältnis gegenseitigen Vertrauens sein muß, aber dieses Vertrauen gewinnt durchaus nicht, wenn bei jeder vorkommenden Differenz der Gedanke an eine Lösung des Anstellungsverhältnisses auftauchen kann. Es wird Sache des Deutschen Rabbinerverbandes sein, nachdem nun seine Pensionskasie unter Dach und Fach ist, für die Anstellung der Rabbiner eine Norm zu schaffen, auf die eventuell jedes Mitglied des Rabbinerverbandes verpflichtet wird. Zum Schluffe bemerke ich noch, daß ich hier nicht pro domo schreibe, da die hiesige Gemeinde nach verhältnismäßig kurzem Provisorium ihren Rabbiner auf Lebenszeit angestellt und neuerdings die Stellung des Rabbiners materiell von dem einzelnen unabhängig gemacht hat dadurch, daß sie die Bezahlung der Kasualien durch eine aus den Etat übernommene Pauschalsumme abgelöst hat. Vivant 86(jU6nles! Bochum, 24. Mai. Ihr ergebener Dr. M. David. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.