Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- Seite 275 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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275 „Nun?" sagte Herz freundlich. „Weiter, fragen Sie nur." „Ich weiß nicht, ob ich darf, ohne zu verletzen — und doch, es treibt mich mächtig, einige Fragen zu tun, die mich brennend seit lange schon beschäftigen, und über die doch nur ein Jude, ein gebildeter Jude mir Bescheid geben könnte." „Nun?" fragte Herz wie vorher. „Sie werden mir nicht zürnen, wenn ich von Glaubenssachen rede? Ich habe bisher nur ungenügend Gelegenheit gehabt, meine Wissbegierde zu befriedigen — habe doch so viel darüber gesonnen — gegrübelt — auch in Schriften nachgeforscht und mich gesehnt nach dem lebendigen Wort von Mund zu Mund — um zu widerlegen." „Ich bin nicht empfindlich, sprechen Sie nur," war die milde Erwiderung. „Ich habe es gern, wenn Jugend sich belehren will und oft dabei das Alter auch belehrt, und Sie sind nicht nur jung, sondern auch freimütig, aber das zuviel Denken müssen Sie sich abgewöhnen, das ist gefährlich bei Ihrem. Amte." „Warum?" „Weil der Verstand, die nüchterne Vernunft nicht alles gut heißt, wasdie Seele glauben muß und dadurch leicht Konflikte schafft, die ihren Frieden stören." Johannes Reinhold sah ihn fast betroffen an. „Lesen Sie in mir die rebellische Seele?" fragte er mit dein Versuch zu scherzen, aber es klang seltsam gepreßt. „Ich slese die Schrift eines nicht gewöhnlichen, eines ringenden und noch zweifelnden Geistes, der schon auf sicherer Bahn endlich durchdringen wird zu innerer Klarheit, zur Gedanken- und Glaubensfreiheit, herrliche Errungenschaften auch bei einem Prediger." „Durchgedrungen ist, dem Herrn sei Dank!" sagte er, das Haupt neigend, mit tiefer, bewegter Stimme. „Wie könnt' ich sonst sein treuer Diener sein? Ja, nicht alle empfingen wir den Glauben als ein fertiges, unantastbares Gnadengeschenk. Trotz glühender, unwandelbarer Liebe zu meinem Berufe habe auch ich prüfen, ringen, zweifeln müsse»,, bevor der Geist erfassen, begreifen konnte die Wunderdoginen unserer Lehre. Doch einsehend dann die Unvollkommenheit irdischer Geistesinacht, wohl fühlend, daß der Forscher nicht und nicht der Fromme, weil Menschen sie beide, je durchdringe,» werden zur reinen Wahrheit, da Gott allein verborgen sie in seinen Händen hält, so habe ich aufgegeben den vermeffenen Kampf, ergebungsvoll zurück »nich flüchtend ^zu des Herrn Kreuz und Wort: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!" Darin habe^ich Frieden gefunden. Genügen und neuen Glaubensmut. Die eigene, selige Erfahrung hat mich zum Priester gemacht von Christi Gnadenlehre, anzuwerben seinem hehren Dienste alle, alle, die noch nicht teilhaftig geworden gleichen Heils, auf daß auch sie den.gleichen Frieden, die gleiche süße Himmelshoffnung finden. So sichtbar — so deutlich — greifbar ist sie mir nun, daß ich es nicht verstehen, nicht begreifen kann, warum in unserer Mitte nur die Juden in hartnäckiger, starrer Abgeschiedenheit dem Gnadenheil so eifrig sich verschließen?" „Brennt es Sie, uns zu bekehren?" fragte Herz lächelnd; aber ein ernstes Feuer in seinen Augen strafte die scherzende», Lippen Lügen. ,,Ja. Ich bin kein orthodoxer Priester; ich liebe die Menschen und möchte sie hinüberziehe»» alle, alle zu Christi Füßen! ^Je schtvieriger das Werk, um so höher der Lohn bei ihm!" war die^schwärmerische Erwiderung. „Und macht Ihr wirklich Glückliche?" fragte Herz ernst. „Wir predigen die Liebe, das Höchste, Heiligste der menschlichen Gesetze. In der Befolgung seiner Lehre liegt das irdische, das e»vige Glück!" „Nicht Thesen wollen wir ausstellen, sondern Früchte sehen!" entgegnete Herz lebhaft. „Wer von den Christen, Euren Glaubensbrüdern, übt denn die Liebe zu dein Nächsten, die Ihr predigt, in allen ihren segensreichen Zweigen, in Selbstlosigkeit, in Nachsicht, Eintracht und tu Duldsamkeit? Folgt Ihr denn, Menschen, die Ihr seid, selbst den Gesetzen, die Ihr andere lehrt? Könnt Ihr es? Gebt Ihr nur Gutes stets für Schlechtes? Entblößt Ihr Euch uin fremder Armut »villei», nehmt freudig Schinähung, Schmach und Schimpf dahin und gebt ein Segenswort dafür? Nein! Nein! Unsere Gesetze macht Ihr zu den Euren: Aug' um Atlge, Zahn um Zahn, handelt Ihr nach mosaischen Geboten, lehrt eines und befolgt das andere, uns verurteilend um der Gesetze willen, die Ihr adoptiertet, »veil die E»»ren den Meirschen unausführbar sind. So lange Ihr aber selbst Euch nicht bekehrt, so lange werdet Ihr nicht Proselyten machen. Und dann — wirkt erst, schafft und reiniget im eigenen Kreise, eh' Ihr nach außen greift! Zeigt an Euch selbst die Früchte Eurer Lehre! Bannet z. B. den unduldsainen Haß, die Ungerechtigkeit, die Feindschaft gegen Andersgläubige! Eintracht, Toleranz und Menschenliebe, das wären wirksamere Bekehrungsmittel, und wenn Ihr solche übt, so »vird dadurch auch der Drang, uns zu bekehren, > schwinden; sie lehren ja, nicht iin äußeren Bekenntnisse das j Heil zu suchen, und tvie Ihr wißt, baut jeder doch in seiner! eigenen Brust sich seine Religion zuin ureigensten, unwandel-! baren Besitz. Darum, jeder Konfessioir Berechtigung und I Dasein gönnend, habt und schafft Ihr Frieden!"! „Das ist der Grundsatz der alten, starren Ueberhebung > des Judentums in seiner eisigen, ewigen Absonder»»ng, ander so »nanche Hand, so manche Macht vergebens scho»» gerüttelt," sagte bitter der junge Prediger. „Prüft doch auch erst, bevor Ihr stets nur in vermeffenen» Stolze abweist »rnd verachtet." „Verachtet? Da irrt Ihr doch! Im Gegenteil! Seid Ihr nicht ein Glied ursprünglich unseres Körpers? Und den Ihr Euren Heiland nennt, ging er nicht hervor ans unserer Mitte? Hat ihn, den Inden, denn die Jüdin nicht geboren? Kann die Erde den Bauin verachten, der ihr entsprossen, den Quell, der ihr entsprungen? Bautet Ihr nicht auf unserem Grunde? Der Born, aus dem Ihr Euren Glauben schöpftet, die Mutter, au deren Brüsten alle Christen trinken, die einige, ewige Gottheit, den Glauben eines höchsten, erhabenen Geistes, Schöpfers und Altvaters, »ver gab ihn E»»ch? Was wäre E»»re Religion, wenn wir, die Juden, nicht geivesen? Ach, Ihr, Ihr seid es, die Ihr, das vergessend, den Grundstein schnräht, der das Gebäude trägt!" „Wer wollte, »ver könnte die Wahrheit leugnen dessen, was Sie sagen!" erwiderte der junge Mann, ergriffen von der leidenschaftlichen Trauer, die aus den letzten Worten Rrrbens geklungen. „Kein Mensch, der Wissen hat »rnd die Geschichte und die Bibel kennt, darf zweifeln, wenn er nur nachdenkt, an dem Ursprung unseres Glaubens, an dem Heroentun» der Juden, ihre»» unschätzbaren und heldenmütigen Verdienst, das rein ihn uns erhielt inmitten roher Heidenvölker seit Jahrtausenden. Wer aber kennt nicht auch die köstlichen Verdieieste des Christentums, sein ausbreitend und erhellend Wirken, das den alten Glauben, befreiend von engen, finsteren Satzungen, erst zur segensreichen Blüte brachte, zugänglich machte seine Segnungen, sein Heil der ganzen, bisher ausgeschlossenen Welt? Die in Christo verkörperte Liebe erst trug ihn über die Erde!" „Jeder Religion ihren Wert, ihre Verdienste, ihre Achtung; darum gleiches Recht für beide und gleiche Nachsicht, Ihr für