Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- Seite 274 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Aber es kommt noch besser. Zu den Gästen des jüdischen Arrestanten gehörte auch ein junger jüdischer Gelehrter, der mit Rabbi Pinches disputierte. „Und so konnte man denn ein Schauspiel sich abspielen sehen, wie es sich seit Anbeginn der Welt noch nicht zugetragen hatte: eine theologische Disputation im Gefängnisse. Alle hier weilenden Gefangenen, selbst die Christen, kamen herbei, um diesem interessanten Wortgefechte beizuwohnen, das von beiden Seiten mit staunenswerter Heftigkeit und Hartnäckigkeit geführt wurde. Es wurde alles in Bewegung gesetzt. Es wurden die Autoritäten von den ältesten bis auf die neuesten Zeiten herangezogen; der ganze Talmud wurde um und um gekehrt, die ganze Literatur aufgeführt. Man ließ weder Dogmatik noch Ethik, weder Philosophie noch Kabbala unberührt, und der Streit entbrannte, je länger er währte, nur desto hitziger. Und als nun endlich am Abende Arseni Jwanowitsch erschien und erklärte: Es ist Zeit, Herr Pinches, das Gefängnis zu schließen und damit andeutete, daß er das Redeturnier unterbrechen müsse, da wandte sich der Rabbi an Lewin (so heißt der Disputant) mit den Worten : Dann komm also morgen wieder, dann werde ich dir Nachweisen, das; du dich irrst." Am folgende!; Tage erneuerte sich der Streit mit derselben Leidenschaftlichkeit und dauerte bis in die vierte Woche. Als er schließlich mit dem Siege des jungen Gelehrten endete,, entschloß sich Rabbi Pinches, dessen Rat zu befolgen u>;d russisch und deutsch zu lernen. Mit großem Ernste ging nun der Rabbi an das Einprügen des russischen und des deutschen Alphabets. Ja, noch mehr. Da den Disputationen zwischen Lewin und dem Rabbi gewöhnlich sämtliche Gefangenen beigewohnt hatten, so nah«; es nicht wunder, daß die meisten von ihnei; sich die von Lewin vertretenen Ansichten angeeignet hatten und gleich dem Rabbi, der eine nach dem anderen, die Buchstaben jener Sprachen zu erlernen suchten. Lewin war natürlich damit sehr zufrieden, verschaffte ihnen die nötigen Bücher, belehrte und unterrichtete sie, und so verwandelte sich unser Gefängnis für gewisse Stunden in eine Art Akademie, wo Lewin den Lehrer und Leiter abgab. Man wolle sich erinnern, daß es sich mit Leute handelt, die sich wegen „Mordverdachts" in Untersnchungshaft befinden. Die Sache ist die: die Behörden wissen sehr wohl, daß die Arrestanten keine Mörder sind — was nicht ausschließt, daß sie eventuell einen oder den anderen, nötigenfalls auch alle verurteilen lassen würden — und die jüdischen Arrestanten wissen sehr wohl, daß es sich im Grunde nur um eine Geldprellerei handelt. Wie sehr die Juden auf Erpressungen gefaßt sind, darüber kann man in dein Roman manches Ergötzliche lesen. Kommt der Polizeibeamte zu einem Juden, dann fragt dieser, ohne ihn noch zu Worte kommen zu lassen: „Wieviel und wofür?" Und die Polizei läßt sich auch auf Handeln ein. Auf das Erpressen verstehen sich alle, der Polizeidiener so gut wie der Polizeimeister, und sie erhalten auch meist und nehmen. Nur wenn einer es versteht, ihnen fest ins Auge zu sehen, ihnen mutig entgegenzutreten, dann geben sie klein bei und verstehen sich so harmlos als möglich zu stellen. Freilich sinnen sie dann um so mehr auf das Verderben des dem Backschisch Abholden, und es ist gar wunderbar, wie der Sinn der russischen Gesetze für die Mutigen ausqelegt werden kann, und wie bereit und geschickt die Geldnehmer sind, die „Auslegung" zu besorgen, auch wenn der Erfolg Sibirien für den Verfolgten bedeuten sollte. Doch darüber lese man den Roman selbst nach. Uns ist es hier darauf angekoinmen, die Leser mit einem Gefängnisse bekannt zu machen, im Vergleich mit dem die fidelsten Gefäng- WWWMWWWMMWWWWMWWWWWW 274 -- ' nisse nichts find, und zu zeigen, wie die russische Wirtschaft zu einer Verjudung selbst eines Gefängnisses führen, dieses in eine Synagoge, Talmudschule, Kantine usw. verwandeln kann. Der Roman illustriert von neuem die Lehre, daß jedes Land die Juden hat, die es verdient. L. K. D. Versöhnung. Von M. Herzberg. IV. nd NUN entspann sich das folgende Gespräch zwischen den beiden Passagieren. „Fährt der Herr auch nach Berlin?" „Jawohl!" „Ist der Herr dort gut bekannt?" „Sehr gut. Ich komme fast alljährlich dorthin." „So kennen Sie die Nikolaikirche auch?" „Gewiß, eine der ältesten Kirchen Berlins, ein bedeutender, stattlicher Bau." „Und der erste Prediger an derselben, Konsistorialrat Wiebold, ist er Ihnen vielleicht bekannt?" „Nein." „Liegt die Kirche weit vom Ausspannhofe?" „Kaum einige Minuten entfernt, fast in derselben Straße." „Würden Sie die Güte haben, mich nach Ankunft zurechtweisen? Ich soll am Sonntag Probepredigt halten und möchte in der Nähe Quartier nehmen. Ich bin fremd in Berlin, und wenn Sie mir auch einen guten, billigen Gasthof fürs erste empfehlen könnten, würde ich Ihnen sehr dankbar sein, ich —" „Gern!" fiel Rüben freundlich ein. „Ich logiere gewöhnlich in der „Stadt Hamburg" in der Heiligengeiststraße; dort wohnt man gut und billig! Heute abend für alle Fälle kommen Sie nur dort hinüber, denn wir werden erst spät in Berlin sein, und müde und abgespannt können Sie doch keinen Besuch mehr machen oder nach Quartier umherlausen!" „Ich werde Ihren guten Rat gern befolgen. Johannes Reinhold, Hilssprediger," fügte er, sich vorstellend, hinzu, „bisher an der Kirche in Eberswalde." „Rüben Herz, Kaufmann aus Stettin." Rüben fühlte mehr als er sah den überraschten Blick des anderen und begegnete ihm nun voll und ruhig. „Ja, ich bin Jude." „In der Tat, das hätte ich nicht gedacht," war die leicht verlegene Erwiderung. „Sie sehen so gar nicht danach aus — ich glaubte —" „Nicht jedeu kennzeichnet der Typus seiner Abstammung," erwiderte Herz lächelnd, „man kann auch ohne äußere Merkmale ein guter Jude sein." „An Ihnen aber, mein Herr, erinnert nichts, gar nichts — auch in der Kleidung —" „Soll das ein Kompliment sein?" fragte Herz lächelnd. „Sie wissen, wir sind ein eigenartig Volk und stolz auf unsere Herkunft; aber auch wir, wir schreiten mit der Zeit fort, was unseren äußeren Menschen anbetrifft; unwandelbar bleibt nur das Herz." „Ja," erwiderte der junge Mann lebhaft, „das ist es eben, was ich nicht begreife — dies starre, hartnäckige, undurchdringliche — warum nur —" er schwieg plötzlich.