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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-06-07 · Heft 23 (7.6.1907) · p. Seite 273

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 23 (7.6.1907)
Date
1907-06-07
Page
Seite 273 (sequence 9)
Language
German
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Romanschriftsteller. Es sei nur an „Onkel Toms Hütte" von der Beecher-Stowe erinnert, und an den Sinelaireschen Roman, der die Zustände in der Chicagoer Fleischindustrie behandelt. Auch daß es sich um die Verjudung eines russischen Gefängnisses hier handelt, sollte das Interesse für das Kapitel nicht vermindern. Denn gleiche Ursachen, gleiche Wirkungen. Genu man sieht, wie die Verjudung sogar eines Gefängnisses nicht den Juden aüeill zlizuschreiben ist, sondern den Zllständen des Landes, in welchem sich das Gefängnis befindet, dann zieht man vielleicht daraus die Lehre, daß auch bei uns diejenigen, die über die Verjudung hier oder dort klagen, ihre Klagen an ine andere Adresse richten müßten und nicht immer nur die Juden dafür verantwortlich machen. Der Anwaltstand soll zanz verjudet sein; vielleicht find nicht sowohl die Juden schuld daran, als die Herren, die die jüdischen Assessoren nicht ,;; Richtern ernannt wissen wollen. Die Presse ist verjudet; vielleicht liegt das daran, daß mau akademisch gebildete Juden nur in den allerseltensteu Fällen anstellt. Indessen soll nicht geleugnet werden, das; die Inden möglicherweise für einen .'der den andern Beruf eine besondere Neigung oder Begabung besitzen. Es bleibt nils nur noch vorauszuschicken, daß der Autor bes hier in Rede stehenden Romans („Ein Blatt ans der Chronik unserer Stadt" von N. Pruschanski; Verlag Siegfried Cronbach) vollständig objektiv ist und schreibt. Daß er selbst Jude ist, glauben wir nicht. Er ist jedenfalls ein ganz geilauer Kenner der intiniften Details des jüdischen Lebens im russischen Rayon, wie jeder sofort zugeben wird, der selbst noch aus eigener Anschauung dieses Leben kennt. Er verhimnlelt keinesivegs die Juden llnd das jüdische Leben. Er verteilt seine Schurken durchaus gerecht auf Russen und Juden, wie er denn überhaupt nicht nur sehr realistisch schreibt, sondern auch mit der peinlichen Objektivität eines niemals aus der Rolle fallenden Chronikenschreibers, der eben nur seines Amtes als Chronikenschreiber waltet, an den Vorgängen selbst aber keinen, auch nicht den geringsten Anteil nimmt. Es ist ihm alles ganz egal, ob er über einen Mord oder Pferdediebstahl, ob er über eine jüdische oder christliche Schurkerei zu berichten hat, er thront erhaben irnd unbefangen über allen Vorgängen und berichtet über alles mit dem gleichen trockenen Humor des Berichterstatters, der über alles lachen kann, weil er alles versteht und nichts ihn überrascht. Den besten Beweis aber für die Objektivität des Verfassers und dafür, daß er nicht den Juden zu Liebe und den Rlissen zu Leide schildert, bietet die Tatsache, daß er durch den Helden die Juden auffordern läßt, sich ja russische, nicht etwa polnische Bildung anzueignen, sich den Russen zu assimilieren, ohne darum ihre Eigenart, soweit sie berechtigt, aufzugeben. „Nein, nein," heißt es, „die polnische Kultur ist für die Juden ungeeignet. Wir brauchen die Kultur eines Volkes, das, wenn es uns als gebildete und nützliche Menschen antrifft, uns nicht verachten, sondern als Gleichstehende behandeln wird. Und ein solches Volk ist allein das russische. Das ist ein noch junges Volk mit einer großen Zukunft, und nach der Kultur dieses Volkes müssen die Juden streben." Und nun zu unserm verjudeten Gefängnis. In, bezw. bei der Stadt, deren Chronik der Berfasier angeblich schreibt, ist jemand ermordet worden. Fünfzig Juden, darunter der angesehenste jüdische Gelehrte Rabbi Pinches, werden verhaftet, unter der Anklage, den Mord verübt zu haben. Man wußte sehr gut, daß die Juden durchaus keinen Mord begangen hatten. Bon Rabbi Pinches stand es fest, daß er nicht eine Fliege hätte umbringen können. Es war auch nicht zu verstehen, wie die Juden zu Fuß einen Reiter hätten einholen, ermorden und aufhängen können. Aber der Polizeimeister der Stadt hatte ein großes Interesse daran, die Aufmerksamkeit von der Mordstätte abzulenken, denn er unterhielt an dieser eine ganze Bande von Leute;;, die für ihn Pferde — stahlen. Außerdem waren die Juden die beliebtesten — Arrestanten. „Die Hebräer sind erstens kein streitsüchtiges Volk, sind ruhig, selbst im Rausche. .., sind auch keine Schweine und verstehen vortrefflich, daß jeder Mensch leben will und muß. Zweitens waren auch die Inden geradezu wie geschaffen für unser Gefängnis, denn sie konnten schon infolge ihrer Religion und ihrer Sitten der hohen Krone nicht beschwerlich fallen, weil sie ja die Speisen der Arrestanten überhaupt nicht genießen durften." Man empfing also die Juden nüt offenen Armen im Gefängnis. Je mehr ihrer waren, je länger sie im Gefängnis saßen, desto mehr wurde an Gefängniskost gespart, und das Geld floß nicht in den Staatssäckel, sondern kam den Privatschatullen der Beamten zngnt. Aber die jüdischen Arrestanten brachten noch einen anderen Vorteil. Man gestattete ihnen koschere Selbstbeköstigung; natürlich mußte diese Vergünstigung auch erst erkauft werden. Solchen lieben und wertvollen Gefangenen gestattete man gern jede nur denkbare Erleichterung. Die Juden durften sich in; Gefängnis so häuslich als nur inöglich einrichten. Die Verwandten brachten ihnen nicht nur Federbetten und Kissen, sondern auch alle nur erforderlichen Hausgeräte. „Abgesehen davon, daß sich in den; Gefängnis jetzt fünfzig Personen befanden, d. h. fünfmal mehr als nötig sind, um eine obrigkeitlich anerkannte Religionsgemeinschaft zu begründen, welche dann das Recht erhielt, selbständig gemeinsame Gottesdienste einzurichten, so war es selbstverständlich, daß man in unserm Gefängnisse nunniehr ganz unbehindert die jüdischen Gebete verrichten konnte. Zu diesem Zwecke wurde aus der Synagoge eine Gesetzesrolle erbeten, wurde ein Vorsänger erwählt, und an jedem Tage fand nun in unseren; Gefängnisse Gottesdienst statt, bei welchem der Gefängniskantor zu allgemeiner Ueberraschung ein so staunenswertes Talent an den Tag legte, daß sogar Arseni Jwanowitsch (der Gefängnisinspektor) ihm mit Vergnügen zuhörte. Außerdem suchte ein jeder von den Gefangenen sich den Verhältnissen nach Möglichkeit anzupassen und die Zeit der unfreiwilligen Muße auszunutzen. So ließ sich Rabbi Pinches seine liebsten Bücher von Hause kommen und beschäftigte sich angestrengt mit seiner Kabbala. Unsere Handwerker betrieben hier ihr Gewerk weiter. Selbst Schlomke, Esthers Diener, der nicht zu lesen oder zu schreiben verstand, auch kein Handwerk gelernt hatte, auch er wußte sich hier eine passende Tätigkeit zu verschaffen. Er begann, ganz einfach mit Wodki und Tabak zu schachern. Er machte hier sehr gute Geschäfte. Und obgleich er natürlich einen Teil seines Gewinnes an Arseni Jwanowitsch abtreten mußte, für das Recht diesen Handel allein und ausschließlich treiben zu dürfen, blieb ihm dennoch immer noch genug übrig." Daß es unter solchen Verhältnissen auch nicht besonders schwer hielt, die Erlaubnis zu erhalten, die Arrestanten in ihrem Haftlokal zu besuchen, das versteht sich von selbst. Schon der Umstand, daß dieses Arrestanten waren, denen das Essen täglich von Hause aus zugetragen wurde, beweist, daß es für eine Privatperson durchaus nicht schwierig war, Eintritt in dies Gefängnis zu erhalten. Und wahrlich, der Verkehr zwischen den Gefangenen und der übrigen Bevölkerung wurde keinen Augenblick unterbrochen. Wie die Gefangenen stets von allem wußten, was in der Stadt sich zutrug, so erfuhr uran in der Stadt auch alles, was im Gefängnisse geschah.

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