Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- Seite 272 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Diese Angabe kann aber unmöglich richtig fein, da Rabbi Samuel, von dem jetzt die Rede sei, nicht vor 1620—1626 hierher gekommen sein kann. Wir finden nämlich im llore-ba-l)orot (eä. Venezia 1655 pag. 42 a) folgendes: „In Saloniki war R. Abraham Aspanja! er starb 1630; damals war ich, der Schreiber dieses, etwa 13 oder 14 Jahre alt." Subtrahieren wir die Zahl 14 von 1630, so bleibt 1616 als Geburtsjahr des Verfassers des Geschichtswerkes Kore-bavorot. Weiter finden wir daselbst (pag. 51b) folgendes: „Zu jener Zeit war in Belgrad R. Ascher Sebulun, und ich lernte in meiner Kindheit bei ihm einige Zeit den Talmud; dann ging er nach Bosnien, wo er das Thora-Studium verbreitete mit R. Mazliach Mognon und seinem Bruder R. Clijahu." Wenn wir annehmen, daß der Verfasser damals 10 Jahre alt war (TllJtDpO,) so ist dies etwa um 1626 gewesen. Ferner lesen wir daselbst folgendes: „Zur selben Zeit ging von Saloniki nach Sarajevo der R. Samuel b. Baruch und verbreitete dort das Thora-Studium in Verbindung mit R. Mazliach Mognon." Aus alledem ist zu entnehmen, erstens, daß die Inden jmu großen Teil hierher auch von Saloniki und von Belgrad her kamen, und zweitens daß zuerst Rabbi Mognon (Zl^lv) nach Sarajevo gekommen ist, welcher 10 bis 15 Jahre früher als Rabbi Ascher Sebulun aus Belgrad, der erst 1626 kam, schon hier gelehrt hat, so daß man mit Recht annehmen darf, daß Rabbi Mognon etwa gegen 1600—1610 hier sich ansiedelte und erst später (1626—30) der Rabbi Samuel, von dem oben die Rede, nachgekommen ist, wo er dann zusammen mit Rabbi Mognon und Ascher Sebulun in der Jeschiwah lernte. Wenn wir also auch annehmen, daß Rabbi Samuel im Jahre seiner Ankunft in Sarajevo verschieden ist^ so ist dies nicht möglich vor 1600. Um jedoch die Angabe des obengenannten Rabbi Aschkcnazi schlechterdings zu rechtfertigen, muß angenommen werden, daß, als Rabbi Aschkenazi vor etwa 40—50 Jahren aus dem Grabstein noch das Wort lesen konnte, bereits viele andere Worte (wie es auch der einst zusammenhängende, viele Lücken aufweisende Text zeigt) verschwunden waren. Es kann auch gestanden haben, so daß Rabbi Samuel noch 10—15 Jahre hier als Lehrer tätig gewesen sein mag. Ich glaube daher vorläufig ein günstiges Resultat erreicht zu haben, indem ich faktisch nachwies, daß hier in Sarajevo schon 1600—1626 eine „Jeschiwah" existierte. Ich erachte mich freilich nicht für kompetent, daraus abzuleiten, wieviel Jahre eine Gemeinde bestehen nmß, um eine „Jeschiwah" zu gründen (wie cs der Ausdruck (NN1N pa"ini andentet). Dies überlasse ich erfahreneren Chronologen und Historikern, aber wenn wir annehmen, daß bevor Rabbi Mognon in die hiesige Jeschiwah kam, die Gemeinde schon 20—30 Jahre bestanden hatte h, so ') Daß Sarajevo immer eine Art Metropole und Sitz jüdischer Größen war, ist bekannt. Während des Kosakenaufstandes in Wilna flüchteten Rabbi Jacob Zwi mit seinem berühmten Sohne, dem sogenannten Chacham Zwi, nach Ofen-Pest. Bei der Erstürmung der Ofener Festung durch die Oesterreicher 1686 (also 40—50 Jahre später) wurde sein Vater vom Brandenburger Regiment gefangen genommen, das ihn nach Berlin brachte, wo er von der dortigen jüdischen Gemeinde ausgelöst wurde, während sein Sohn von den zurückkehrenden Türken mit noch vielen Juden, welche tapfer an der Seite der Türken gekämpst haben und von denen die hiesige, noch jetzt bestehende achtbare Familie Aschkenazi abstammt, nach Bosnien mitgenommen wurde. In Sarajevo angelangt, wurde er als Rabbiner ausgenommen; er konnte aber nicht bleiben, da er, durch das Treiben gelangen wir bis zu den Jahren 1570 -1560, d. s. nur bloß 60—70 Jahre nach dem spanischen Exil! Die älteste Urkunde der hiesigen Sefardim-Gemcinde datiert freilich erst aus dem Jahre 1694. II. Die gegenwärtige Zahl der Juden in Bosnien ist schwer genau anzugeben, da die letzte Zählung vom April 1895 datiert. Die Behauptung, welcher auch ich in meinem genannten Aufsatze gefolgt bin, daß Sefardim und Aschkenazim hier in gleicher Zahl verteilt sind, ist unrichtig. Mit großer Mühe verschaffte ich mir nunnrehr genaue Daten aus dem Archiv der Landesregierung, aus welchen folgeirdes zu entnehmen ist. In den sechs Kreisen von Bosnien und der Herzegowina befanden sich Juden: Sefardim Aschkenaziin I. Sarajevo. 3633 1068 II. Banjakuka .... 402 355 III. Bihac. 161 59 IV. Dolnija-Tuzla') . . . 749 596 V. Travnik. 655 265 VI. Mostar (Herzegowinas 84 141 5729 2484 im Ganzen 8213 Wenn wir die natürliche Vermehrung der Population in diesen zehn Jahren nach dem Maßstabe wie z. B. die Bevölkerung Wiens (laut Ausweis „Die Zeit" Nr. 884 v. I.) sich vermehrt, berechnen würden, wo auf je 1000 Einwohner 36 Geburten und 17 Sterbefälle entfielen, somit eine Vermehrung von 19 v. T. sich ergibt, so kommen wir zu dein Resultat, daß die ursprünglichen 8213 Juden sich um zirka 160 vermehrten, und letzt schon die Zahl von zirka 9800 erreicht haben werden, beziehungsweise Spaniolen jährlich zirka 114 -- 6900, und Aschkenazim zirka 3000. Von der Verjudung eines Gekängniltes. Ein gar lustiges und lehrreiches Kapitel. s handelt sich in folgendem zwar nur um ein Romankapitel, oder noch richtiger, um ein von uns aus Romankapiteln zusammengezogenes Kapitel. Aber man weiß, daß gute Romanschriftsteller oft wahrer schildern und berichten als Gerichtsakten und selbst Zeitungen. Und manches ist schon in der Welt besser geworden dank den Schilderungen solcher des bekannten Agitators der Sabbatianer Nehemja Chajun verfolgt, Sarajevo verließ; später wurde er Rabbiner der Aschkenazischen Gemeinde in Amsterdam; auch dort wurde er von derrSabbatianern verfolgt und starb 1718. Auch die Familien Al-Kalai, Al-Bachari, Al-taras sollen aus Marokko hier eingewandert sein; nach Ehrentheil soll Al-taras eine ursprüngliche karaitische Familie gewesen sein. 9 Das veränderte Verhältnis der Verteilung der Spaniolen und Aschkenazim erklärt sich dadurch, daß anstatt wie anderswo die Spaniolen viel mehr als die Aschkenazim vertreten sind, dies in der Stadt Tuzla umgekehrt ist; es waren dort bloß 35 Spaniolen und 325 Aschkenazim, daher noch heute in Tuzla die Gemeindeverwaltung und die Vorsteher Aschkenazim sind; vor einigen Jahren erbauten sie sich einen schönen Tempel und wählten Dr. David Spitzer (jetzt in Sissek) als Rabbiner. 9 In der Herzegowina sind bloß 84 Spaniolen, welche alle in der Hauptstadt Mostar wohnen, in der Provinz kein einziger, möglicherweise weil vor der österreichischen Okkupation das Land sehr unsicher war durch häufige Einfälle der wilden Horden der Montenegriner, die die nahe Grenze bei Gaeko überschritten und oft Raubeinfälle übten, und die Spaniolen sich gefürchtet haben, aus dem Stadtbereich herauszugehen.