Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- Seite 271 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228744-3228768--63576-3297482- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
schaftlich voraussetzungslos unserer Jugend kund werden inüssen. Jelliilek war meines Wissens der erste, der auf diese Erfordernisse hingewiesen hatte; er veranlaßte den Vorstand seiner Gemeinde, ein Preisausschreiben zur Gewinnung eines guten Lehrbuches über Apologetik und eine Geschichte der Apologie in die Welt zu schicken, und manche Lehrer begannen von dieser Zeit ab, in ihren Vorträgen dieser Wissenschaft einen größeren Raum zu geben. Vor Herausgabe meiner „Nachbiblischen Geschichte" in vierter Austage und auch meiner „Moseslehre" riet mir Jellinek, dies Moment zu beachten, und ich tat es mit dem Hinweis darauf, daß selbst die 13 Grundlehren des israelitischen Glaubens nach Maimuni. unser „Ani maamin", nichts anderes sind als ein Stück Apologetik des Judentums. Die 15 ethischen Lehrsätze, die der Deutsch- Israelitische Gemeindebund unter Kristellers Leitung in Herxheimers Religionsbuch einrücken ließ, sind erst nach Aufnahme der Jellinekschen „Grundsätze der Moral" in meiner „Moseslehre" zum Abdruck gelangt. Es ist nun dem Genossen und Nachfolger Jellineks im Amte, Herrn Dr. Güdemann, gelungen, ein herrliches Lehrbuch der „Jüdischen Apologetik" abzufassen, das als Grundlage bei Bearbeitung neuer Schulbücher von Segen sein wird. Ebenso die Arbeiten von Perles, Bäck und Eschelbacher. In der letzten Nummer der „Zeitung des Judentums" führt Herr Dr. Güdemann zwei Stützen seiner universalistischen Letiemone-Essre-Ausfassung an, die dem Leser aber nicht unbedingt einleuchten werden, denn die Eulogie: Gepriesen seist du Herr, „Schild Abrahams", am Schluß der erstenBenediktion beweist, daß „er gedenkt der Frömmigkeit der Väter" unserer Väter bedeutet. Israel Jsserleins Meinung ist eine subjektive. Die „Odassidim" vor den „Aeltesten deines Volkes Israel" beziehen die meisten nicht aus die „Frommen der Völker". Dagegen sei mir gestattet, folgendes im Lcliemoue-Essre- Gebet als unbedingt universalistisch anzunehmen: 1. Zu Beginn ist vor „er gedenkt der Frömmigkeit der Väter" die Rede von „dem höchsten Gotte „Laue et hakkol", der das ganze Weltall sein eigen" nennt. 2. „Er verpflegt die Lebenden mit Gnade, belebt die Toten mit großer Barmherzigkeit" ist bei der Anerkennung Israels, daß die Frommen aller Völker Anspruch haben auf ewige Seligkeit, universell gedacht und gefaßt. Hierbei ist auch zu beachten, daß die vorherige Einschiebung „er läßt den Wind wehen und den Regen herniederströmen" nichts Partikuläres enthält. Ich erinnere an Midrasch Rabba zu Exodus 7, wo ein Heide Rabbi Jochanan ben Sakkai fragt: „Welchen Tag begehen wir gemeinschaftlich als Feiertag?" und die Antwort erhält: „Den Tag, da Gott die Erde mit Regen tränkt, der allen Menschen zugute kommt." 3. „Du begnadigst den Menschen mit Erkenntnis", das allgemein schließt mit „Chonen hadaath". 4. „Gib Segen auf die Oberfläche der Erde", woraus wieder der Schluß ein allgemeiner ist: „Der die Jahre segnet." 5. Das herrliche Dankgebet „Illodim" ist von Anfang bis zu Ende ein Gebet, das alle Bekenntnisse sprechen könnten und nicht ausschließlich Israel! Auch der Schluß: „AVeedoI hachajim", „alle Lebenden mögen Dich preisen", atmet die allumfassende Liebe der Gesamtheit irdischer Kreatur, ebenso: „Gepriesen seist du, dessen Namen der Allgütige ist." Diese fünf Beweise halte ich für feste Stützen der Behauptung des israelitischen Universalismus in den 18 Benediktionen. Bit Juden in Bosnien und die Spanisch- Jüdische Frsgr. Von Ch. Weitzner in Sarajevo. chon vor einigen Jahren habe ich über diesen Gegenstaud in der hebräischen Zeitschrift „Hazofeh" (Nr. 333 und 340, 19. Februar 1904) in Warschau manches geschrieben, das jedoch, wie es bei historischen Abhandlungen, welche keinen festen Anhaltspunkt haben, oft vorkommt, nach weiteren angestellten Forschungen sich als mangelhaft herausstellte, sei es aus Mangel an authentischen Aufzeichnungen, oder durch Nachlässigkeit der betreffenden Gemeinden hier im Lande, die es unterlassen haben, so zu tun, wie es seit alten Zeiten in der Diaspora üblich war, nämlich einen sogenannten „Pinkes" anzulegen, so daß dem Forscher nichts übrig bleibt, als entweder die Erzählungen und Legenden der Alten (Sikne ha-Edah) als bare Münze anzunehmen, oder aber das 8axa loquuntur anzuwenden. Ich habe beides versuchen müssen, und ich glaube, wenn auch noch jetzt von keinem definitiven einwandfreien Resultat gesprochen werden kann, doch einen bedeutenden Schritt nach vorwärts gemacht und auf diesein bis heute noch ganz unbetretenen Pfade eine relativ sichere Basis geschaffen zu haben, um das Weitersuchen zu erleichtern. Es handelt sich, soweit ich die Materie übersehe, vor allem um folgende Punkte: 1. Die Zeit der Einwanderung der Juden in diese Länder. 2. Deren Zahl (Sefardim, Spaniolen und Aschkenasim). 3. Ihre Stellungnahine zur jetzige» Bewegung, entstanden durch die Anregung des spanischen Senators Pulido, über die in diesem geschützten Blatte ja schon wiederholt berichtet worden ist. I. In der obengenannten hebräischen Abhandlung sprach ich die Vermutung aus, daß die Einwanderung der Juden in unsere Länder gleich nach ihrer Auswanderung aus Spanien (daher um 1492—1500) stattgefunden habe, wie mir dies viele „Gemeindeväter" erzählten. Nach dem Erscheinen meines Aussatzes machten mich aber einige Gelehrte ans manche Unrichtigkeit aufmerksam, ohne mir jedoch andere, positivere Anhaltspnnkte geben zu können. So z. B. sagte mir einer, das; seit der Einwanderung noch keine 220 Jahre vergangen sind, der zweite wieder erklärte, daß das Gros der hiesigen Spaniolen aus Venedig und Gravosa (Dalmatien) hierher kam, was mir jetzt auch richtig zu sein scheint, u. dgl. Wie ich aber bald zeigen werde, ist die erste Angabe unrichtig. Durch einen Zufall erfuhr ich nämlich, daß außer dem bekannten sefardischen Friedhof hier noch ein älterer, (etwa 300 Schritte gegen Nordwest) sich befinde. Es find allerdings bloß noch acht halbversunkene Grabsteine dort zu sehen. Auf einem derselben konnte ich nur noch die Buchstaben yra ’ bsiötr -in znsammensetzen. Ich befragte dann den Ober-Gabai der hiesigen spanischen Chewra Kadischa, Herrn Joses Aschkanazi, um nähere Daten über diesen separierten Friedhof, und er zeigte mir eine schriftliche Aufzeichnung seines seligen Bruders, welcher vor etwa 40 Jahren die Aufschrift dieses Grabsteins angeblich noch lesen konnte. Diese sollte wie folgt lauten: n^npb ann ^aa ro5 -pna an n^arr map rast» Daraus würde folgern, daß Rabbi Samuel int Jahr naa bis 300, daher um 1540, zirka 48 Jahre nach der Auswanderung aus Spanien, hier lebte.