Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- Seite 270 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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270 — Haus zu verlassen und zwar oft in möglichst geräuschvoller Weise. Wo soll denn dann die Kwonoh, die heilige Begeisterung, Herkommen, die unbedingt notwendig ist, um selbstgestaltend im Chasonus tätig zu sein? Die alten INggunim bestehen im Herzen und in der Seele des Vorbeters, aber zur Anwendung gelangen sie in verschwindendem Bruchteil. Doch weiter: Vor' dreißig Jahren, so erzählt mir mein Vater, da war der Chasan die Autorität innerhalb des gesanglichen Gottesdienstes, da stand er erfüllt von seiner heiligen Mission am Omeä und um ihn herum seine Meschorrerim, „die an seinen Lippen hingen und im gegebenen Moment die herrlichen traditionellen Weisen anstiminten", die, wie Herr Professor Stern sagte, von dem einen Motiv des jeweiligen heiligen Tages zusammengehalten und getragen waren. Diese Meschorrerim, sie waren die Gefolgschaft des Chasans, sie waren seine Jünger und wurden seine Nachfolger und waren so die Stützen von Geschlecht zu Geschlecht, die Hüter der jüdischen musica sacra. Das war vor dreißig und mehr Jahren, doch die Zeiten änderten sich gewaltig. Sulzer und Lewandowski traten auf den Plan, beide haben der Neuzeit Rechnung getragen, doch in grundverschiedener Form. Sulzer, der dramatisch modern gestaltende Kantor, der für den Kantor schreibt mrd den Chor zur Unterstützung heranzieht, Lewandowski, der Chordirigent der Berliner Synagogen, der für Chöre schreibt und der in dem Kantor (nach seinem eigenen Ausspruch) nur ein notwendiges Uebel sieht. Nun wohl, Lewandowski hat mit feilten Kompositionen Eingang gefunden in fast allen deutschen jüdischen Gemeinden, und mit dieser Einführung ist allmählich die Autorität des Chasans geschwunden. Doch wie, gibt es denn heut überhaupt noch einen Chasan und gibt es einen Meschaurrer? Das Sparsystem selbst großer Gemeinden kennt heut nur noch einen Universalmenschen, der vor allen Dingen seminaristisch geprüfter Religionslehrer, Vorbeter, Gemeindesekretär sein soll und sonst noch andere Aemter zu verwalten hat. Und wie ist der Bildungsgang eines solchen Universalmenschen? Nun aber komme ich auf den springenden Punkt! Ist dieser Universalmensch auch jahrelang bei einem Chasan Meschaurrer gewesen und treibt er gründliche musikalische und gesangliche Studien, um das moderne Kantorat mit dem alten Chasonus entsprechend verbinden zu können? Weit gefehlt; mau schickt ihn auf fünf Jahre in das Lehrerseminar und bildet ihn dort zum Elementarlehrer aus; in diesen Seminarien wird allerdings auch ein bis zwei Stunden wöchentlich musikalischer und Kantoratsnnterricht erteilt. Doch dieser Kantoratsnnterricht wird nicht etwa von Kantoren, sondern von dem Chordirigenten der Gemeinde erteilt. Hat nun ein solcher Zögling sein Lehrerexamen bestanden, so ist er wohl ein ausgezeichneter Lehrer, doch stellt man ihn an den Omed am ersten Tag der Selichot oder am Hoschanah Rabbah, so wird ihn jedes einigermaßen mit dem Niggun vertraute Gemeindemitglied mit seinen Kenntnissen beschämen. Man wird mir entgegenhalten, daß es ja gedruckte Werke zur Erlernung des rein chasonischen Wissens gebe; doch aus eigener, wie ans Erfahrung meiner Väter, kann ich wohl sagen: erlernt kann aus solchen Werken das Kantorat wohl werden, doch nie und nimmer ba§ Chasonus, das muß durch Hören in sich ausgenommen werden; hierbei kommen Augen und Kopf ganz außer Betracht und lediglich Ohr und Seele sind die Hauptfaktoren. In neuester Zeit hat endlich der Deutsch-Israelitische Gemeindebund die dankenswerte Einrichtung getroffen, kantorale Kurse einzurichten, in denen der treffliche A. Friedmann und der ausgezeichnete Musiker William Wolf lehren. Ueberlassen wir es der Zeit, inwieweit diese Kurse dazu beitragen werden, Chasonim heran zu bilden. Herr Pro feffor Stern sprach von Kantorenschulen; wahrlich, gäbe esolche, an denen routinierte Chasonim unterrichten würden, fi dürfte man sich in absehbarer Zeit nicht mehr über bei Mangel eines traditionellen Gottesdienstes zu beklagen haben Eine Kantorenschule müßte es sein, die den Zögling dum Jahre ausschließlich für seinen Berus vorbereitet, und die ihn den Anforderungen der Genieinde entsprechend, nur zun. Lehrer der israelitischen Religio nsschule! heranbildet. Ich verwerfe ebenso wie Professor Stern die Aushängung eines musi italischen Programms innerhalb des Gotteshauses. Es geht da Gemeindemitglied nichts an, aus welchen Werken die Gesäng entnommen sind; möchte es sie nur in Andacht und weihe voller Stimmung vernehmen und nicht ungeniert an de heiligen Stätte des Gottesdienstes Kritik üben. Mit mi werden viele Berufsgenoffen Herrn Profeffor Stern dankbar feit für seine Ausführungen; geben sie uns doch Gelegenheit, Auf klärung darüber zu geben, weshalb der wahre Chasan ii echtem Sinne verschwunden ist. Glücklich wären viele mn gleich ideal Gesinnte, wenn auch auf dem Gebiete der chaso Nischen Tradition ein neuer Geist einziehen möchte in di Synagogen Israels! Irfm Lur Bpolvgrtik. Von Dr. D. Leimdörfer-Hamburg. s war in den Tagen meines Lehrers Dr. Adolf Jelline s. A., daß der Kardinal Rauscher in der Wime Stefanskirche eine Rede gegen das Judentum hielt, von de die damals von dem freisinnigen edlen Bürgermeiste Dr. Felder fortschrittlich verwaltete Kaiserstadt in alle: Bevölkerungsschichten unlieb Notiz genommen hatte. In de Woche daraus hielt Jellinek am Sabbat „Schemini" ein, Kanzelrede, die, wie alle Reden des unübertroffenen Meistere der Rhetorik, hauptsächlich die Apologetik oder die Wissen schast von der Verteidigung des Judentums gegen seindlich- Angriffe seiner Lehre in den Mittelpunkt gestellt. Während aber alle sonstigen der Schutzwehr des geistigen Jdealgehaltder Thora geltenden Reden tief erregt, prophetisch, feierlich im Lapidarstil markant und fulminant zum Vortrag gelangtei und zu heiliger Begeisterung hinrissen, war es diesmal eine ruhige, dem stillen Mairegen auf der Lenzesflur gleichende sozusagen „gemütliche" Predigt, die den Hochwürdigei Kirchenfürsten sachlich die Hoheit des Judentums an der Hand der Quellen dartun sollte. Jellinek schloß mit einem geift reichen Witz: „Ich habe aus der Thora heute gelesen: Weil und geistige Getränke soll der Priester'nicht genießen, wenn ei zum Dienste Gottes heran tritt — was bedeutet dies ander-: als: ein „Rauscher" darf kein Priester sein." Dieses damal: viel besprochenen Witzes eingedenk, reproduzierte ich mir auck oft die kernige Widerlegung der Anklagen und Anschuldigungen die sich damals wie heutzutage nicht nur auf den jüdischer Kanzeln, sondern auch in den Kinderschulen und im Religions unterricht — besonders in dem des sei. Profeffor ^Dr. G. Wolf Verfassers der „Geschichte der Juden Wiens" — als notwendig erwiesen haben. Ja, Dr. Eckstein hat Recht: Apologetik ist cii wichtiger Bestandteil des religiös-ethischen Unterrichts, und da: unserer Jugend in die Hand gegebene Religionsbuch sollt, weniger ein Katechismus sein zur Einprägung von Sentenzen und Sprüchlein, als ein Lehrmittel zur Vertiefung in die Religion und Moral und zur Befestigung im Judentum, dessen Gegensätze zu anderen Konfessionen klar, offen und wissen-