Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- Seite 269 (sequence 5)
- Language
- German
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269 Die Erörterung, ob die russische Volksvertretung nun ndlich doch den Milt finden wird, auch die Judenfrage vor hr Forum zu ziehen,' beschäftigt augenblicklich im Zarenreiche oeite Kreise. Nach den Vorgängen in der Dumakommission ürGlaubensfreiheit scheint diesallerdings ziemlich wahrscheinlich, in der letzten Sitzung derselben am 17. v. M. gelangte das stemorandum der Subkommission hinsichtlich der Aufhebung iintlicher mit dem Glaubensbekenntnis verbundenen Rechtseschränkungen zur Verhandlung. Die Subkommission sprach ch gegen das Regierungsprojekt aus, nach welchem die techtsbeschränkungen der Juden nicht durch ein Gesetz über ie Glaubensfreiheit aufgehoben werden sollen, weil jene techtsbeschränkungen nicht nur aus konfessionellen, sondern uch aus national-politischen Gründen festgesetzt seien. Die mbkommission weist in ihrem Memorandum nach, daß in beit besetzen und Senatserlässen stets die'konfessionelle Zugehörigst als Basis der Rechtsbeschränkungen der Juden angeführt 'erde. Der Vertreter des Ministeriums des Innern, der Direktor des Departements für nichtorthodoxe Konfessionen, gladimirow, räumte die Richtigkeit dieses Standunkts ein, bemerkte aber, daß die Judenfrage auch einen vlitischen Charakter habe, weshalb es zweckmäßiger wäre, die techtsbeschränkungen der Juden durch ein besonderes Gesetz > ufzuheben. Außerdem könne er sich nicht mit Bestimmtheit der diese Frage aussprechen, da ein Teil der jüdischen Anelegenheiten nicht in seinem Departement, sondern in einem nderen Departement des Ministeriums des Innern konmtriert sei. Die Kommission schloß sich einstimmig der Ansicht der ubkvmmission an und betraute sie nlit der Ausarbeitung irer entsprechenden Gesetzesvorlage. Inzwischen hat allerdings die große Partei der Oktoristen eine Schwenkung gemacht. Auf ihrem Kongreß in toskau hat sie, wie schon kurz gemeldet, ihre bisherigen An- : Hauungen über diese Frage stark nach rückwärts revidiert, rüher beantworteten sie alle Fragen über ihr Verhalten zur »densrage in der Regel mit dem einfachen Hinweis auf ihr rogramm, das die Gleichberechtigung aller Nationalitäten rdert, jetzt aber haben sie sich mit Einmütigkeit gegen eine -fertige Gewährung der Gleichberechtigung an die Juden ausesprochen. Andererseits haben sie allerdings anerkannt, daß ■e bisherige Politik der russischen Regierung viel beigetragen ,t zur Isolierung der Juden und zur Verbreitung der revoitionären Gesinnung unter ihnen. Sie haben jedoch Abstand ivon genommen, aus dieser Feststellllng irgend welche prakschen Schlußfolgerungen zu ziehen. Und das ist sehr bedauerlich. * Kürzlich hat die vom Kongreß der Vereinigten Staaten on Nord-Amerika ernannte Kommission zum Studium der nswandererfrage ihre' Europareise angetreten. Ueber die , usammensetzung der Kommission erfahren die Mitteilungen i s „Jüdischen Volksvereins", daß mehrere Mitglieder ent- ' sieden emigrationsfeindlich gesinnt sind und nur ein einziger ■ isgesprochener Freund der Emigration, Herr Bonneth, sich ' derselben befindet. Die Koinmissioll wird über das Ergebnis i rer Erfahrungen an den Kongreß berichten. Dieser Bericht! ird von Einfluß sein auf das dann nochmals zur Beratung i inmende Einwanderergesetz. Von den neueren amerikanischen Eiilwanderungsgesetzen > eß es in der Tagespresse, daß sie mit Ausnahme der Er- ' thrrng der Landungsgebühr von zwei auf vier Dollar gegenwr den früheren nur unwesentlich geändert und bloß geringfügig verschärft seien. Demgegenüber können wir nütteilen, daß in einem der neueren Gesetze bestimmt ist, es solle dem Ermessen des zur Einwandererkommission gehörende,l Arztes überlassen sein, solche Einwanderer zurückzuweisen, die ihm geistig oder körperlich schwach oder kränklich erscheinen. Dieser dehnbare Begriff stellt eine ungeheure Verschärfung der in die Hände der Einwandererkominissioll gegebenen Gewalt dar, zllinal wenn man bedenkt, daß die schon an sich nicht gerade blühend aussehenden Emigranten infolge der langen Fahrt häufig genug schwach oder kränklich erscheinen müssen. Änler Gottesdienst. Von Obcrkantor Magnus Davidsohn-Gleiwili. icht der moderne Oberkantor, nicht der musikalisch gebildete, mit allen Finessen der Kompositionslehre und des Kontrapunktes vertraute Mllsiker der ernsten heiligen jüdischen Kunst, nein der C Hasan spricht in dieser Erwiderung auf den gleichnamigen Artikel des Herrn Professor Dr. 'Stern in Nr. 21 dieses Blattes, und zwar der Chasan, der das Oliasoims ererbt hat aus einer Familie, die, soweit sich überhaupt die Vorfahren feststellen lasse»,, den, heiligen Berufe des Sch'eliach zibbur allgehörte. Er möchte aufklären über das sogenannte moderne Kantorat, wie es heut von den jüdischen Gemeinden gefordert wird. Vor mehreren Jahren hatte ich die Ehre, in den Spalten dieser Zeitung das Wort ergreifen zu dürfen, um über „Die Kunst im Gottesdienst" einiges zu sagen. Es sei mir gestattet, einen Passus aus diesem Artikel zu wiederholen, der wesentlich mit zur Aufklärung dienen soll. „Es wird darüber Klage geführt, daß mit Rücksicht auf den musikalischen Gottesdienst die Andacht leide, doch sollte der Kantor schuld daran sein? Derjenige, jder sein ganzes Können und seine ganze Kraft dafür einsetzt, seine Gemeinde zur Andacht anzuregen? In den meisten Fällen muß der Kantor der „ausführende Beamte" sein, in den seltensten Fällen darf er der selbstgestaltende Künstler (oder sagen wir lieber der selbstgestaltende Chasan sein), der Geschmack seiner Gemeinde muß für ihn ausschlaggebend sein. Der Jndifferentismus und das geringe Interesse für den Gottesdienst macht sich immer mehr bemerkbar,md darum muß nach Ansicht der Körperschaften der Gottesdienst — interessant gestaltet werden. Daß ein derart pomphaft zugestutzter Gottesdienst dann mehr an eine konzertante Veranstaltung erinnert, ist klar, doch will man den Kantor dafür verantwortlich inachen, der gegen seinen Willen den Wünschen seiner Gemeinde Rechnung tragen muß?" Ulld an einer anderen Stelle heißt es: „Wir leben heut nicht mehr in dem Zeitalter, da die gläubige Gen,einde Israels durch die Worte unserer heiligen Sprache zur Andacht angeregt wurde, ein großer Prozentsatz unserer Glaubensgemeinschaft steht heut unserm Gottesdienst leider verständnislos gegenüber, und darum ist es unerläßlich notwendig, sich gewisser äußerer Mittel zu bedienen, um den Gottesdienst wirkungsvoll und verständlich zu gestalten." Doch wo liegt weiter der Krebsschaden, daß der traditiollelle, d. h. rein jüdische Charakter a»ls dem Gottesdienste geschwunden ist? Nun, wer weiß es denn nicht, daß in heutiger Zeit in den reformiertesten wie in dei, konservativsten Gemeinden in demselben Moment, da der letzte Ton der Mussaf-Keduscha verklungen ist, der Gottesdienst beinahe sein Ende erreicht hat? In dem Moment, wo der Chasan in echt traditioneller Weise Tikanto-Schabbos oder Umipne Chatoenu beginnt, fängt die Gemeinde an, das Gottes-