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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-06-07 · Heft 23 (7.6.1907) · p. Seite 268

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 23 (7.6.1907)
Date
1907-06-07
Page
Seite 268 (sequence 4)
Language
German
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sein! In einigen liberalen Kreisen hat dieses Vorgehen des Herrn Dr. Groß doch peinlich berührt, und er beeilte sich, dahin eine Erklärung abzugeben, daß er die Einladung an die Kollegen und die Ausschließung der drei liberalen Vertreter Wiens nur für seine Person habe erfolgen lassen, weil sie nicht auf Grund des deutsch-nationalen Progrannns gewühlt seien. Diese Lächerlichkeit braucht nicht weiter erörtert zu werden, da sie durch einen Kommentar an ihre Ungeheuerlichkeit nur Einbuße erleiden würde. Vorläufig mag noch erwähnt werden, daß Kamill Kuranda, Ministerialrat im Eisenbahnministerium, vor wenigen Tagen aus dem Staatsdienst geschieden ist — natürlich „freiwillig". Wer daS letztere nicht glaubt, zahlt einen Taler. Und der in Aussicht genommene Präsident des neuen Reichstags, der klerikale Landeshauptmann von Oberösterreich Dr. A. Ebenhoch, erklärt seinen Antisemitismus folgendermaßen: „Rassenantisemiten sind wir nie gewesen. Der Antisemitismus entstand, weil hauptsächlich die Juden die Vorkämpfer der liberalen Doktrinen waren und sind. Der Religion des Juden und seiner Person treten >oir nicht nahe; aber wir verlangen, daß das Judentum davon ablasse, die christlichen Grundlagen des Staates und die sittlichen Gebote des Wirtschaftslebens zu untergraben. In diesem Sinne sind wir Antisemiten." Herr Ebenhoch und sein klerikaler Anhang sind nänrlich mit Mann und Maus zu den Ehristlichsozialen in den schwarzen Block übergetreten. Das kann nett werden im neuen Reichstag! * lieber die Judenverfolgungen in Rumänien sprachen die Herren Landtagsabgeordneter Justizrat Cassel und Dr. Paul Nathan in einer Bezirksversammlung des Hilfsvereins der deutschen Juden, die am 27. v. M. in Berlin stattfand. Wir erhalten darüber folgenden Bericht: Herr Dr. Nathan, der während der Unruhen nach Rumänien gereist war, um mit den dortigen Ministern und führenden politischen Persönlichkeiten zu verhandeln, und ferner um die notwendigen Schritte zur Organisation des Hilfswerks für die Opfer der rumänischen Exzesse einzuleiten, schilderte eingehend die Ursachen, die zn den Bauernunruhen geführt haben. Rumänien, das von chauvinistischen Rumänen das Belgien des Ostens genannt werde, sei in Wirklichkeit ein kleines Rußland unmittelbar an der russischen Grenze. Die Juden sind durchaus nicht die einzigen Opfer des Negierungssystems und der Parteiherrschaft in Rumänien. Ju gleichem Maße wie die Juden seien die Bauern die Leidtragenden, die von einer kleinen Anzahl Großgrundbesitzer schonungslos ausgebeutet werden und sich vielfach in einer geradezu entsetzlichen Lage befinden. Ganze Familien sterben z. B. an der elenden Ernährung mit Polenta. Die beiden herrschenden Parteien, die konservative und liberale, die sich in ihren Prinzipien wenig unterscheiden, repräsentieren kleine Koterien, die auf Kosten der Gesamtheit des Volkes rücksichtslos und selbstsüchtig ihre Interessen, die Interessen einer kleinen Kaste, ver- . treten. Sie wechseln in der Regierung ab, da sie zn zahlreich sind,! uni zu gleicher Zeit an der Staatskrippe zu sitzen und sie bekämpfen sich auf das erbittertste, um die für die Parteigänger sehr realen Vorteile der Negierung zu genießen. Beide Parteien sind in gleichem Maße antisemitisch mit dem Unterschiede, daß die jeweilige Opposition die Judenfrage mit Vorliebe als Mittel zum Zweck benutzt, der Gegenpartei, die am Staatsruder sitzt und der daran gelegen ist, daß Ruhe im Lande herrscht, durch Erregung von Unruhen im Innern Schwierigkeiten zu bereiten und ihre Stellung dem Auslande gegenüber zu kompromittieren. Auch der Beginn der jüngsten Bauernunruhen ist auf Parteitaktische Manöver zurückzuführen. Man inszenierte durch Aufreizung der Bauern .Judenhetzen, aber die parteipolitischen agents provocateurs behielten die Bauern diesmal nicht in der Hand. Die verelendeten, unterdrückten Bauern, die sich zuerst programmgemäß gegen die Juden in der Moldau gewandt haben, wandten sich, zum Bewußtsein ihrer Lage und der Ursachen derselben gekommen, gegen die Groß grundbesitzer. Die Aufstandsbewegung griff in der gefährlichstel Weise nach der Walachei über, die Regierung sah sich nnvermute vor einer Agrarrevolte ernstesten Charakters. In dem Augenblick wo die Bewegung aus einer Emeute gegen die Juden zu eine! Emeute gegen die Großgrundbesitzer wurde, schritt die Regierung! die sich bisher passiv verhalten hatte, auf das schärfste unter Ent faltung von Militärgewalt ein. Hunderte, vielleicht Tausende voi Bauern wurden niedergeschossen, ganze Dörfer wurden niederkartätscht Die konservative Regierung war klugerweise rechtzeitig abgetreten und überließ den liberalen Nachfolgern das Odium der barbarischer Nepressionspolitik. Redner ging dann des näheren auf das Hilfswerk für di Opfer der rumänischen Exzesse ein.! Auf Veranlassung des Hilfsvereins fand in Wien ein, > Zusammenkunft aller großen jüdischen Organisationen statt, in de-! der Plan für die Hilfeleistung beraten und genehmigt wurde, j Die Zentralinstanz für die Ausführung der Beschlüsse ist Wien! das den rumänischen Verhältnissen am nächsten steht, und iv Numänien selbst wurde ein Zentralkomitee eingesetzt, das seine Vor schläge an das Wiener Komitee zu übermitteln hat. Als Vorbild für diesen Modus diente die Organisation, die seinerzeit zur Hilfeleistung für Rußland geschaffen wurde, und die sich in jenen Unglückstagen so außerordentlich bewährt hatte. Redner gibt alsdann nähere Daten über die Emigrationsbewegnm der rumänischen Juden, die ihre Heimat wegen der Verfolgungen verlassen mußten. In den Jahren 1899—1905 sind allein nach den Vereinigten Staaten zirka 40000 rumänische Inden ausgewandert. Wenn die Signatarmächte des Berliner Vertrages sich auch nich! für die Erfüllung der von Rumänien übernommenen Verpflichtung den Inden Gleichberechtigung zu gewähren, aus Gründen egoistischer Staatsraison einsetzen, so sei doch die Annahme begründet, daß sie und insbesondere die zunächst betroffene österreichisch-ungarischc Negierilng, um eine Ueberflutung ihrer Gebiete mit den mittellosen rumänischen Juden zu verhindern, der rumänischen Regierung Vorstellungen machen werden, damit diese Maßnahmen trifft, um eine Massenauswanderung von Juden zu verhindern. Eine solche Massenauswanderung könne aber nur verhindert werden, wenn die rumänische Regierung im Lande Zustände schafft, die es auch den Juden ermöglichen, in Frieden zu leben und ihrem Erwerb nachzugehen. Um solche Zustände herbeizuführen, dazu könne auch die öffentliche Meinung der zivilisierten Welt außerordentlich viel beitragen. Die Presse aller Länder müsse immer erneut auf die Zustände in Rumänien Hinweisen, sie kritisieren, und zwar mit größter Schärfe, bis eine Besserung eintritt und bis erträgliche Zustände geschaffen seien. Lebhafter Beifall folgte der Rede des Herrn Dr. Nathan. Herr Landtagsabgeordneter Justizrat Cassel wies in einer höchst eindrucksvollen Ansprache darauf hin, daß mitzuhelfen an der Abwehr des tausendfachen Unrechts, das die unglücklichen, gehetzten und verfolgten Juden des Ostens zu ertragen hätten, eine Pflicht der Humanität sei. Die Unterstützung, die die zivilisierte Welt den Juden in ihrem Kampf um Menschenrechte und staatsbürgerliche Rechte angedeihen läßt, sei zugleich von hoher idealer Bedeutung, uni die Juden des Ostens vor Trostlosigkeit und Verzweiflung zu bewahren, indem ihnen dadurch das Bewußtsein gegeben würde, einen festen Rückhalt an ihren Brüdern in der gesamten Kulturwelt zu finden. Redner führt darauf des weiteren aus, daß der Hilfsverein sich nicht aus die Abwehr der traurigen Folgeerscheinungen von Katastrophen beschränke, sondern durch Gründung und Unterstützung von Bildungsinstituten aller Art und Schaffung von Erwerbsgelegenheiten, Einführung von Industrien usw. das Bildungsniveau und damit die Erwerbssähigkeit der Juden in den Ländern des Ostens, in dem europäischen wie asiatischen Orient, nach Maßgabe seiner Mittel zu heben suche. Er appellierte an die Anwesenden, auch in weiteren Kreisen für die Humanitären Zwecke des Hilssvereins der deutschen Inden zu wirken. *

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