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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-06-07 · Heft 23 (7.6.1907) · p. Seite 267

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 23 (7.6.1907)
Date
1907-06-07
Page
Seite 267 (sequence 3)
Language
German
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Die Woche. Berlin, 5. Juni. er Deutsch-Israelitische Gemeindebnnd hat an den preußischen Minister der geistlichen und Unterrichtsmgelegenheiten eine Petition gerichtet, den jüdischen Religionsunterricht in denjenigen kleinen und unbemittelten Synagogengemeinden Preußens, wo irr ihn weder durch öffentliche jüdische Schulen, noch seitens >>er bürgerlichen Gemeinde durch Anstellung jüdischer Lehrräfte an den öffentlichen Volksschulen, noch in anderer Weise;esorgt ist, aus dem entsprechenden Fond des Ministeriums zu unterstützen. Durch Umfrage bei den Provinzial- und Bezirks- >erbänden, sowie bei den Land- und Bezirksrabbinaten bezw. >en Vorsteherämtern ist der Gemeindebund in den Stand;esetzt worden, dem Herrn Minister ein umfassendes und zuerlässiges Verzeichnis der einer Unterstützung für den Religionsunterricht aus öffentlichen Mitteln bedürftigen Synagogengemeinden zu überreichen. Eine solche Unterstützung ann unseres Erachtens jetzt unmöglich mehr versagt werden. Nicht minder wichtig ist eine andere Aktion des Deutschlsraelitischen Gemeindebundes zusammen mit dem Verband >er deutschen Juden, die staatliche Gesamtorganisation 'er Juden Preußens betreffend, über die die neuesten Mitteilungen" des Bundes folgendes berichten: „Die mit der Ausarbeitung eines Organisationsgesetzes betraute, ins Mitgliedern des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes und des Verbandes der deutschen Juden, sowie aus Vertretern der Hauptcineinden der neupreußischen Provinz zusammengesetzte Kommission >at in der Zeit von Mitte November 1906 bis Ende Mai 1907 in licht weniger als 15 Sitzungen die erste Lesung des Gesetzes nahezu geendigt. Dem großen Pflichteifer des großen Teiles der Kommissionsuitglieder ist es zu verdanken, daß der Generalreferent in der Lage ein wird, während der Sommerferien die Ergebnisse der umsang- -cicheii Beratungen für die zweite Lesung fertig zu stellen. Diese wird alsdann unverzüglich und unter besonderer Berücksichtigung der ür die Teilnahme der auswärtigen Mitglieder passenden Zeit vor sich zehen." Es ist erfreulich, daß trotz aller Enttäuschungen und Unkenrufe die Arbeit für eine solche Gesamtorganisation nicht mfhört. Gerade die jüngsten Vorgänge in verschiedenen Iroßgemeinden, die nie aufhörenden Konflikte zwischen Geneinden und Rabbinern oder Lehrern einerseits, zwischen ersteren'! und ihren Mitgliedern in bezug auf Kompetenz, öeitragspflicht u. a. m. anderseits rücken die Notwendigkeit iner Gesamtorganisation für jeden, dem die Zukunft der jüdischen Gemeinschaft in unserm Vaterlande am Herzen liegt, n'greifbare Nähe. Es ist nicht ausgeschlossen, daß auch die Negierung sich schließlich noleos volens gezwungen sehen wird, der Frage näherzutreten. ft Die Hetze gegen die Ausländer auf deutschen Universitäten, die im Grunde genommen nichts ist als eine Hetze gegen die unglücklichen russischen Juden, ist, wie jetzt seststeht, erfolglos geblieben. Nur in Hessen scheint der Ansturm der extremen nationalistischen Elemente in der Studentenschaft gegen die Ausländer auf den deutschen Universitäten, den in Preußen selbst Herr von Studt als ungerechtfertigt znrückgewiesen hat, indem er gleichzeitig dem Verhalten der überwiegenden Mehrheit der ausländischen Studenten auf preußischen Universitäten ein günstiges Zeugnis ausstellte, eineu Erfolg erzielt zu haben. Nach einer der „Lib. Hess. Wochenschr." zugegangenen Information soll nämlich die hessische Regierung beabsichtigen, den Ausländern die Erringung der akademischen Grade unmöglich zu lnachen. Kein vernünftiger Mensch wird dagegen etwas einzuwenden haben, wenn den Ausländern ein höheres Unterrichtsgeld angerechnet wird, denn sie können billigerweise nicht verlangen, daß ein fremder Staat für ihre Ausbildung Geld zulegt. Aber grundsätzlich die Ausländer nicht dulden zu wollen, das ist einer Nation, die in Kulturfragen in der Welt führend sein will, nicht würdig. Was würde inan sagen, wenn das Ausland unsere deutschen Staatsangehörigen, die doch auch vielfach fremde Hochschulen besuchen (so in England, in der Schweiz, in Frankreich), ähnlich behandeln wollte? ft Am 12. d. M. tritt der neugewählte österreichische Reichsrat zusammen. Wie es da aussehen wird, läßt sich nicht Voraussagen, da sich Oesterreich seit Jahrzehnten stets als das „Land der Unwahrscheinlichkeiten" bewährt hat. Aber ein Ereignis ist bereits zu verzeichnen, das Bände spricht. Die Neuwahlen haben, wie bekannt, für das liberale Bürgertum aller Nationalitäten ein ziemlich trauriges Ergebnis gezeitigt. Sehr schlimm erging es insbesondere den Deutschen bei ihrer bekannten Sucht zu „differenzieren". Von den 233 Mandaten, die durch das neue Wahlgesetz den Deutschen zugewiesen sind, entfielen bloß ungefähr 80 auf die verschiedenen liberalen Parteien, jene inbegriffen, deren Liberalismus sehr zweifelhafter Natur ist. Diese Gruppen sollten nun in der Volksvertretung einen sogenannten deutsch-freisinnigen Block bilden, und Herr Dr. Gustav Groß, Führer der auf 20 Mann zusammengeschrumpften Fortschrittspartei, übernahm es, die Einigung herbeizuführen. Nun kommt aber etwas Schönes. Die Stadt Wien hat 33 Abgeordnete zu wähle», und bei den Wahlen fielen 18 Mandate auf die Chcistlichsozialen, 12 auf die Sozialdemokraten und nur drei auf die Fortschrittspartei. Diese drei Vertreter des bürgerlichen Liberälisnms in Wien sind Ministerialrat Kamill Knranda, Dr. Julius Ofner und Baron Hock. Die beiden ersten sind in Wahlkreisen gewählt worden, deren Wählerschaft in der Mehrzahl jüdisch ist, während Baron Hock, ein bewährter und ehrlicher Demokrat im 17. Wahlkreis, wo ebenfalls viele Juden wohnen, nur mit Hilfe der jüdischen Wähler sein Mandat erhalten konnte. Mit anderen Worten: In der österreichischen Reichshauptstadt mit nahezu zwei Millionen Einwohnern sind nur die Juden dem Liberalisnrus treu geblieben. Herr Dr. Gustav Groß lud nunmehr die Mitglieder der deutschen Fortschrittspartei zu einer gemeinsamen Konferenz ein. an der auch die anderen liberalen Gruppen teilnehmen sollten. Insbesondere lag es ihm sehr am Herzen, daß auch die kleine freialldeutsche Gruppe, die widerwärtigen Antisemiten von Schönerers Couleur, die eine Vereinigung beschlossen haben, welche den Antisemitismus mit besonderer Schärfe pflegen will, mit in den freisinnigen Block einbezogen werde. Aus Rücksicht auf dieses Fraktiönchen, das im ganzen noch fünf Köpfe zählt, schloß die liberale Mannesseele die drei liberalen Vertreter der Stadt Wien von der Teilnahme an der Konferenz aus. Er „entschuldigte" sich bei den drei Herren offenherzig damit, daß er die Kollegen Kuranda und Ofner wegen ihrer Konfession und den Baron Hock wegen seiner freundlichen Haltung den Sozialdemokraten gegenüber aus Rücksicht auf die freialldeutschen Hampelmänner nicht einladen konnte. Wir gestehen, daß die Tat, so schlimm sie an sich auch ist. weniger überrascht als der Zynismus, mit dem sie eingestanden wird. Also der Liberalismus in Oesterreich muß mit Rücksicht aus Herrn Schönerers Kumpane „judenrein"

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