Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-06-07 · Heft 23 (7.6.1907) · p. Seite 266

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 23 (7.6.1907)
Date
1907-06-07
Page
Seite 266 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228744-3228768--63571-3297477
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

nicht seinerseits die anderen, die diese Meinungen nicht teilen und doch um den „Herzensdienst des Gebetes" sich nicht bringen lassen möchten. Wenn aber die orthodoxe Minderheit, die in der Landessynagoge in steter Abnahme begriffen ist, beharrlich ihre Augen davor verschließt, daß das alte Gebetbuch in wesentlichen Stücken die überwältigende Mehrheit nicht mehr zu erwärmen, vielmehr nur immer mehr abzustoßen und so das religiöse Gefühl immer mehr absterben zu machen geeignet ist: der Großherzogliche Oberrat durfte feine Angen davor nicht verschließen. Oder wenn etwa die Orthodoxie in dem Wahne lebt, ihre 2lrifidf)teHl) schließlich den Widerstrebenden doch einpflanzen oder aufdrängen zu können: der Großherzogliche Oberrat vermag auch diesen Wahn nicht zn teilen. Dagegen gibt er sich der Zuversicht hin, daß seine wohlgemeinten Intentionen für eine Verjüngung und Neubelebung des Gottesdienstes trotz allen Umtrieben der Gegner als solche werden erkannt und gewürdigt und zum Siege geführt werden, damit es auch bei uns wieder — wie schon in Die Orthodoxie gibt sich übrigens einer Selbsttäuschung hin, wenn sie meint, daß ihre Art und Auffassung des Betons auch nur in den neueren Zeiten immer dieselbe gewesen sei. Anlage IV enthält eine Anzahl Proben aus dem im Jahre 1793 erschienenen Sulzbacher Gebetbuch nn3D p*np, aus dem noch unsere Großväter und Großmütter gebetet haben. Man vergleiche hiermit das 1895 herausgegebeue, mit Uebersetzung und weitläufigen Erläuterungen in oeutscher Sprache versehene Gebetbuch von Samson Raphael Hirsch: ni^BD Iflfi» und man wird überrascht sein, von den Kabbalismeu, denen man dort auf Schritt und Tritt begegnet, von den guten Engeln, die über die Gebete gesetzt sind, von den bösen Engeln, die deren Wirkung zu verhindern suchen, vom bösen Blick n. dgl. m. bei Hirsch — wenn man, was hie Kabbalismeu betrifft, von einigen unübersetzt gelassenen hebräischen Gebeten (siehe AnlageIII) absieht — nicht eine Spur mehr zu entdecken. Noch Drastischeres als in dem Sulzbacher Gebetbuch findet sich in anderen älteren Siddurim. In dem des Gaon Amram und im Machsor Vitry, ja auch noch in dem des Jakob Lissa und im (Wien 1868) heißt es hinter der Habdalah: „Ich beschwöre dich, Pura, Fürst des Vergessens, daß du wegschaffst von mir das törichte Herz und es wirsst auf einen hohen Berg lim Namen der heiligen Namen, int Namen des Annas, Arimas, Armimimas, Ansim, Jael und Psaches." (Etwas abweichend in den letztgenannten Büchern.) Baer dagegen, Rödelheimer Tephilla und auch Hirsch haben diese Kabbalismeu nicht mehr, ebensowenig wie die Mystika: DflpiK CPDSDB beim Priestersegen und die im Gebetbuch S. 101a und b vorkommenden arg kabbalistischen Gebete vor dem Lesen der Thora, der Propheten, Hagiographen, Mischna, Halacha, Midrasch und Kabbalah. Wird ferner wohl ein neueres orthodoxes Gebetbuch eine Erklärung dafür, daß in derKeduscha des Morgeugebetes für Sabbate und Feste *plp££< des Mussafgebetes aber Iftlpfcft gesagt wird, aus Grund von Chagiga 13b und Aboda sara 4b dahin abzugeben sich getrauen, daß wir in den ersten drei Morgenstunden genau wissen, wo Gott sich befindet, nicht aber später? Die Erklärung findet sich im Machsor Vitry S. 56 und 155. Auch die Orthodoxen konnten sich eben der Forderung, daß das Gebet der Ausdruck des wirklichen Denkens und Fuhlens sein müsse, nicht völlig entziehen. In den Kulturländern sind aber auch sie seit einem halben Jahrhundert der Mystik und Phantastik der Kabbalah vollständig entwachsen, und kein orthodoxer Rabbiner dürfte es heute wagen, im Gottesdienst oder Religionsunterricht Dinge der in Anlage IV und in den obigen Zitaten bezeichneten Art als dogmatisch vorzutragen, oder gar, wie es das ganze spätere Mittelalter hindurch und noch bis tief in das 19. Jahrhundert hinein auch in deutschen Landen geschah, Wunder und Wunderkuren auszuführen. Wunderrabbis gibt es jetzt nur noch in weltentlegenen Dörfern Rußlands, Galiziens und der Bukowina, und dort mögen auch noch jetzt solche Vorstellungen herrschen, wie sie den in Anlage IV enthaltenen Gebeten und Vorschriften zugrunde lagen. vielen ungesehenen Gemeindenl) — im Hinblick ans alles, was aus dem Gebetbuche gebetet wird, heißen könne: „Nahe ist der Ewige allen, die ihn anrufen, allen, die ihn anrufen mit Wahrheit." y Nichts ist irrtümlicher, als was von den Neformgegnern immer wieder betont wird, die großen Gemeinden, in denen Reformen des Gottesdienstes eingeführt sind, seien eben darum zugleich Herde der Abtrünnigkeit. Die großen Gemeinden befinden sich eben in den großen Städten, in denen einerseits die Versuchung zur Jrreligiösität wie auch zurJmmoralität bei Juden und Nichtjuden stärker, vielfältiger und anderseits die Tatsache, daß man ihr unterliegt, der Kritik und Kontrolle der anderen weit weniger ausgesetzt ist wie iir kleinen Städten oder gar ländlichen Orten. Die meisten Uebertritte erfolgen überhaupt nicht aus religiösen Gründen, sondern auS äußeren, insbesondere wirtschaftlichen und sozialen Rücksichten. Sieht man näher zu, so findet man. daß die wirtschaftlichen Rücksichten hauptsächlich bei den Mischehen in den Kreisen der Gewerbegehilfen und -Gehilfinnen, die sozialen mehr bei den Taufen der Kinder noch im Judentum verbleibender Eltern aus den Kreisen der akademisch Gebildeten und der Hochfinanz eine Rolle spielen. Gerade die Zahl der diesen Schichten angehörigen Personen hat aber in den letzten Jahrzehnten, und zwar naturgemäß vorzugsweise in den gröberen Städten, außerordentlich zugenommen. Dazu kommt, daß das nichtjüdische Publikum, zumal in den gegenüber dem Religiösen ohnehin gleichgültigeren städtischen Kreisen (vergleiche Ruppin a. a. O.), gegen Uebertritte aus äußeren Rücksichten von einer christlichen Konfession zur andern — und folgeweise auch vom Judentum zum Christentum — minder empfindlich ist. Sogar sittlich hochstehende und charaktervolle Christen sehen in dem, wenngleich nicht aus religiöser Ueberzeugung vollzogenen, Uebergang namentlich von dem Bekenntnis einer kleinen Minorität zu dem der überwiegenden Majorität bedauerlicherweise nichts Unsittliches und Entehrendes. Das Urteil dieser „maßgebenden" Kreise ist aber für diejenigen Schichten, die zu denselben aufsteigen möchten, begreiflicherweise allein entscheidend. Eine Besserung kann daher kaum anders herbei geführt werden, als durch Verbreitung der Erkenntnis bei den leitenben Kreisen, daß die Erhaltung des Judentums der allgemeinen Kultur zum Vorteil gereicht, und durch die Schärfung des öffentlichen Gewissens gegen die mit den Grundsätzen echter Humanität und mit den wahren Staatsinteressen unverträgliche Verlockung zur Untreue und Jmpietät gegen die angestammte Religion (vgl. H. Cohen, Religion und Sittlichkeit, Jahrb. f. jüd. Gesch.u. Lit. 1907, S. 167 ff.). Uebrigens braucht uns der Abfall bis jetzt nicht zu schrecken, weil trotz aller Versuchung und Zurücksetzung die überwältigende Mehrheit auch der fortschrittlich gesinnten Israeliten fest zum Judentum steht. Er würde nur dann zu fürchten sein, wenn nicht auf eine Vertiefung und Verinnerlichung von Lehre und Kultus hingewirkt würde. In dieser Hinsicht sollte es doch zu denken geben, daß eine ganze Reihe großer Städte namhaft gemacht werden könnte, in denen der Gottesdienst in altherkömmlicher Weise stattfindet und das alte Gebetbuch ohne jede Aenderung im Gebrauch ist, und die doch die allergrößte Anzahl von Uebertritten aufzuweisen haben, ferner daß ein sehr großer Teil der in den alten Formen erzogenen jüdischen Jugend Rußlands der Religion geradezu feindselig gegenübersteht. Andererseits ist es außer Zweifel, daß ohne die zeitgemäßen Umgestaltungen des Gottesdienstes in vielen Großgemeinden die religiöse Gleichgültigkeit einen weit größeren Umsang angenommen hätte. Die mehrfach geäußerte, eine beschämende Kleingläubigkeit und zugleich eine bedauerliche Unkenntnis der verschiedenen geschichtlichen Eutwicktungsphasen des Judentums verratende Furcht aber, daß jede Alterierung des Ueberkommenen eine Abbröckelung bewirke, ist schon durch die geschichtliche Darlegung des Werdegangs des Gebetrituals auss evidenteste als unbegründet erwiesen. Dieser Werdegang zeigt unser Gebetritual als einen lebendigen, kraft- und saftvollen Organismus, der zur rechten Zeit ausscheidet, was sich überlebt hat und nicht mehr triebkräftig ist, aber dafür immer neue heilsame Keime ansetzt und doch dabei immer — seinem Wesen und Kerne nach — derselbe bleibt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.